Föderalismus "Eine Frechheit"

Der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Ulrich Kelber, übt am Reformpaket scharfe Kritik - besonders an den neuen Regeln für die Bildungs- und die Umweltpolitik. Ein Interview

ZEIT online: Herr Kelber, könnten Sie damit leben wenn die Föderalismusreform in der Form beschlossen würde, wie sie am Freitag in den Bundestag eingebracht wird, oder gibt es Punkte, die Sie unbedingt geändert sehen möchten?

Ulrich Kelber: Leben kann ich mit vielem. Ich halte es aber für richtig, die Reform an bestimmten Punkten zu verändern. Es gibt Verbesserungen im Vergleich zur jetzigen Situation, es gibt aber eben auch Punkte, die man besser regeln könnte.

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ZEIT online: Was wäre Ihnen da besonders wichtig?

Kelber: Wir brauchen in der Umweltpolitik eine eindeutige Kompetenzaufteilung. Die vorgesehene Regelung würde wahrscheinlich zu zahlreichen Klagen vor Verfassungsgerichten führen, weil zum Beispiel niemandem klar ist, was es bedeutet, dass der Bund die "Grundzüge des Naturschutzes" regelt. Wo fangen die an und wo hören die auf? Da muss eine klare Abgrenzung her. Das Recht der Länder, im Umweltbereich auf einigen Gebieten vom Bundesrecht abzuweichen, würde zu einer Zersplitterung des Umweltrechts führen und zu mehr Unsicherheit für Unternehmen, die investieren wollen. 

Im Bildungsbereich soll es dem Bund künftig nicht mehr möglich sein, Projekte zu fördern und dies mit Qualitätsstandards zu verbinden. Offenbar hat der hessische  Ministerpräsident Roland Koch Angst davor, dass es erneut eine Initiative wie die Ganztagschulen geben könnte, die die Länder gegen ihren Willen zum Handeln zwingt. Das sehe ich sehr skeptisch.

ZEIT online: Der Bund gibt auch die Zuständigkeit für den Hochschulbau ab.

Kelber: Die unter den Ländern vereinbarte Aufteilung der Bundesmittel ist eine Frechheit. Die südlichen Länder profitieren davon weit mehr, als es ihnen im Verhältnis zu ihrem Bevölkerungsanteil und zu den von ihnen bereitgestellten Studienplätzen zustehen würde. Dabei bieten sie schon heute trotz guter Finanzlage zu wenige Studienplätze an. Nordrhein-Westfalen würde während der nächsten sieben Jahre je nach Rechnung insgesamt zwischen 350 und 500 Millionen Euro verlieren. Das muss dringend geändert werden. Aber da müssen die Ministerpräsidenten ran. Es kann nicht sein, dass der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers einfach sagt, für ihn sei die Sache ausverhandelt.

ZEIT online: Obwohl sich die meisten Bundesbürger mehr Vergleichbarkeit im Bildungsbereich wünschen, geht die Reform genau in die andere Richtung, indem sie die Bildungspolitik fast vollständig in die Hand der Länder legt. Ist sie also grundlegend falsch?

Kelber: Das Ziel jedenfalls der nationalen Bildungsstandards müssen wir jetzt anders erreichen. Wenn der Bund einen solchen Standard nicht festlegen kann, müssen sich die Länder verpflichten, vergleichbare Lernziele zu etablieren.

Aus Bayern hört man aber jetzt das Gegenteil. Dort wird überlegt, Hochschulzulassungen anderer Bundesländer nicht mehr anzuerkennen. Gleichzeitig arbeitet man auf EU-Ebene daran, Bildungsabschlüsse europaweit kompatibel zu machen. 24 von 25 EU-Staaten bereiten sich also auf Europa vor, nur Deutschland verfällt in die Kleinstaaterei.

Allerdings hat das Bundesverfassungsgericht die Länder in eine sehr starke Position versetzt. Wenn wir die Reform nicht machen würden, würden die Länder sich die mit ihr verbundenen Rechte stattdessen weitgehend vor Gericht holen. Das heißt, hier kann es nur um Einsicht bei den Ländern gehen, die ihre Machtfragen nicht auf dem Rücken der jungen Menschen in Deutschland austragen dürfen.

ZEIT online: Verstehen Sie, dass kleinere Länder fürchten, mit den finanzstarken größeren nicht mehr konkurrieren zu können, wenn künftig jedes Land die Besoldung seiner Beamten selbst festlegen kann?

Leser-Kommentare
  1. „Ich bin als direkt gewählter Bundestagsabgeordneter von meinen Wählern beauftragt, bei Gesetzen ihre Interessen wahrzunehmen“, sagt Ulrich Kelber, und er ist vermutlich nicht einmal rot geworden dabei.

    Selbstverständlich wird er sich, wenn es drauf an kommt, erzählen lassen, dass er kein Recht auf die Ablehnung einer ungeänderten Reform hat. Man nennt so etwas „Parteidisziplin“ oder auch „Einsicht in die Notwendigkeit“. Es ist vollkommen egal, wie viele Menschen wissen, an welcher Stelle die Föderalismusreform ausgemachter Unfug ist – so bald die Existenz der Großen Koalition in Frage gestellt wird, werden ihre Träger kuschen. Schließlich sind all die Reformkritiker momentan keine Wähler. Die CDU-CSU allerdings ist nahe und die SPD-Parteiführung meint es gut mit ihr. Weil sie es gut mit sich selbst meint. Und selbstverständlich auch mit Deutschland. Wen scheren da verwirrte Bürger oder erboste Verbände? Sicher, prüfen wird er, der Fraktions-Fitze. Vielleicht sogar im Detail. Ganz genau wird er prüfen. Daraufhin, ob er unter Wahrung seiner eigenen Interessen der Föderalismusreform zustimmen kann. Nicht darauf hin, ob die „größte Änderung unserer Verfassung“ wirklich notwendig oder auch nur ansatzweise sinnvoll ist. Seine Kollegen werden es genau so halten. Die Prüfung wird ergeben, dass die nächste Wahl weit ist, das Gedächtnis der Wähler hingegen kurz. Und nachher werden sie alle gemeinsam ein wenig schimpfen. Auf die Umstände, die Sachzwänge und den Zeitgeist, nicht auf einander.

    Ich hoffen ebenfalls auf die Einsicht von Menschen. Bis heute leider umsonst. Bis heute räumt man Männern wie Stoiber ein Vetorecht ein. Bis heute prügelt man sich gerade da um einzelne Formulierungen, wo der Sinn komplett fehlt. Bis heute schafft man aus Angst vor gewissen juristischen Unsicherheiten bei vollem Bewusstsein ein nicht beherrschbares Chaos. Bis heute dividiert man Deutschland im Namen des schönen Scheins auseinander. Das gleiche Deutschland übrigens, das mir mittels einer teuer finanzierten Werbekampagne einreden will, ich sei es. Werde ich also künftig an Bewusstseinsspaltung leiden?

    Nein, auch ich sehe die Zwei-Drittel-Mehrheit nicht in Gefahr. Weil ich mir sicher bin, dass es für viele der Protagonisten gar keine Rolle spielt, wofür man sie aufbietet.

  2. 2. \N

    Sicher ist die Reform absolut notwendig.
    Allerdings ist es grausam, mit anzusehen, wie die Bildungspolitik als Bauernopfer und Zugeständnis missbraucht wird. Das Argument, das Paket würde platzen, wenn man es an einer Stelle aufschnürt, ist keines. Warum sollte nicht verändert werden, was man besser machen kann ? Deutschland als Staat gibt die Zügel aus der Hand, mit denen bildungspolitisch in die Zukunft gefahren werden soll, gibt sie ab an 16 verschiedene Kutscher und wird schlimmstenfalls 16 verschiedene Fahrtrichtugnen erhalten - auf einem Wagen. Es verbietet sich gar, einzugreifen! Ein abgedroschener Begriff, die "Rückkehr in die Kleinstaaterei", doch lässt es sich nicht treffender ausdrücken.

    "Aus Bayern hört man aber jetzt das Gegenteil. Dort wird überlegt, Hochschulzulassungen anderer Bundesländer nicht mehr anzuerkennen." - Schon allein dieser Gedanke ist pervers, wie bitte soll es in Deutschland vorwärts gehen, wenn hier dermaßen rückwärtig gedacht wird? In einem Europa, wo versucht wird Abschlüsse zu standardisieren um Vergleichbarkeit zu schaffen, wo von den Leuten Mobilität (auch geistige) verlangt wird, dürften solche Ideen nicht ernsthaft diskutiert werden.
    Es wäre, wie so oft, zu wünschen, dass Vernunft wenigstens in dieser Frage die Eitelkeit besiegt.

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