Auf den ersten Blick wirkt alles so friedlich hier. Vor dem Hamburger US-Generalkonsulat am Ufer der Außenalster toben Kinder im Schnee, und Enten watscheln übers Eis. Früher soll das Gebäude ein offenes Haus gewesen sein. Doch hier, in Hamburg, plante Mohammed Atta die Anschläge vom 11. September. Auch deshalb hat sich das Gelände wohl in eine kleine Festung verwandelt. Der Besucher geht vorbei an Absperrgittern und Polizisten mit Maschinenpistolen und nimmt Aufstellung vor einer schwarzen, verspiegelten Scheibe. Ein Beamter, den man nicht sehen kann, grüßt über eine Lautsprecheranlage. Dann öffnet sich eine elektrisch gesteuerte Schublade, in die der Besucher seine Papiere zu legen hat. „Ich möchte“, führt der Wachmann später in höflichem Ton aus, „von den Menschen da draußen besser nicht erkannt werden. Nicht alle sind so friedlich wie Sie.“ Skurrile Bilderreise durch Guantanamo© Pentagon BILD

Ob das Leben in solchen Festungen auch das Rechtsverständnis eines Staates verändern kann? Die US-Regierung lud vergangenen Montag zu einer besonderen Veranstaltung ins US-Konsulat. In einer „digitalen Videokonferenz“ würde John B. Bellinger, der Rechtsberater von US-Außenministerin Condoleezza Rice, die „Rahmenbedingungen der US-Gefangenenpolitik“ erklären und zu den Foltervorwürfen in Guantánamo Stellung nehmen. Der Wiener Menschenrechtler Manfred Nowak hatte erst kürzlich im Auftrag der UNO einen Bericht über das US-Lager verfasst. Von erniedrigender Behandlung und Folter ist darin die Rede – und von der mangelnden Bereitschaft der US-Regierung, sich internationalen Kontrollen zu stellen.

Eine freundliche Mitarbeiterin des Konsulats führt durch die große Eingangshalle, vorbei an Bush- und Cheney-Porträts, hinein in das Konferenzzimmer. Man sitzt vor Pappbechern mit bunten Sternen, bei O-Saft und leckeren Keksen. Vorne der Bildschirm mit dem zugeschalteten Rechtsberater Bellinger. Er sagt zur Begrüßung: „We did a bad job!“. Er meint aber nicht die Zustände in Kuba oder Abu Ghraib, sondern das „Schlachtfeld der Diplomatie“. Bellinger sagt: „Wir haben zuwenig Leute da draußen, um die Falschmeldungen aufzuklären.“

Also, wie ist es wirklich in jenem Lager, das die Vereinten Nationen geschlossen sehen wollen? Wird es endlich dicht gemacht, wie Medien kürzlich vermeldeten? Oder wird das Camp still und leise ersetzt durch ein viel Schlimmeres in Afghanistan, von dem die New York Times kürzlich berichtete?

„Nein“, sagt Bellinger, „Guantánamo bleibt.“ Nowak habe „doch nur seine Vorurteile verbreitet“. Natürlich gebe es bessere Orte auf der Welt. Doch die Gefangenen dort hätten „große Freizeiträume“ und man biete ihnen ein umfassendes Unterhaltungsprogramm. Sie bekämen medizinische Behandlung und „längst müssten die Häftlinge nicht mehr in orangen Overalls (der traditionellen Kleidung von Todeskandidaten in US-Gefängnissen) herumlaufen“. Ja, manche würden auch die Gerichte anrufen, etwa weil sie „im Camp kein Internet bekommen“. Im Übrigen sei jeder Journalist herzlichst eingeladen, das Lager zu besuchen, um sich selbst ein Bild zu machen. 1.100 Kollegen seien der Einladung bereits gefolgt. Nur eine Einschränkung gebe es: Mit den Häftlingen, von denen Dutzende mittlerweile mit Nasenschläuchen künstlich ernährt werden, dürfe nicht gesprochen werden. Auch der UN-Delegation, die Bellinger nicht müde wird anzugreifen, war das verwehrt. „In keinem Land darf man mit Kriegsgefangenen sprechen.“

Kriegsgefangene?