Am 24. Januar beschäftigt sich der Aufmacher des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) mit der Atomstrategie des Iran. In dem gemeinhin nicht als kapitalismuskritisch verschrienen Blatt erklärt der Autor, "warum mit Vorprodukten von Massenvernichtungswaffen mehr Geld zu verdienen ist als mit Medikamenten" und prophezeit, dass "es für arme Staaten womöglich bald leichter sein (wird), sich mit Bomben zu versorgen, als ihrer Bevölkerung bei Pandemien von Aids bis Vogelgrippe Hilfe zu verschaffen". Dies sei eine Errungenschaft des Weltmarkts. "Ihn erfunden und gegen das Leninsche Reich des Bösen durchgesetzt hat der freie Westen." So steht es in der FAZ , dem Hausblatt von Bourgeoisie und Kapital. Jochen Bonz, Michael Büscher, Johannes Springer (Hrsg.): «Popjournalismus».© Ventil Verlag BILD

Am selben Tag macht die taz ihr Feuilleton mit einer Polemik gegen die allgegenwärtige Forderung nach "Eigeninitiative" auf. Der Autor decouvriert diese Forderung als neoliberale Rhetorik, die längst auch in exlinken Milieus um sich greift: "Über Eigeninitiative wird nur geredet - gleichzeitig wird alles getan, um den gesellschaftlichen Aufstieg für Arbeiter, Frauen und Migranten zu behindern."

Was haben beide Texte miteinander zu tun? Und was mit Popjournalismus? Nun, beide Feuilletonaufmacher vom 24. Januar wurden verfasst von ehemaligen leitenden Redaktoren des Pop-Magazins Spex . Der Kapitalismuskritiker der FAZ heißt Dietmar Dath, derjenige der tageszeitung Mark Terkessidis. Zur selben Zeit, Ende Januar, erscheinen in allen relevanten deutschsprachigen Feuilletons Artikel über zwei neue weiße Bands aus Sheffield beziehungsweise Philadelphia. Allen Texten ist zu entnehmen, dass die Arctic Monkeys wie Clap Your Hands Say Yeah ihren rasanten Aufstieg dem Internet verdanken, dass sie auch ohne eine Plattenfirma im Rücken berühmt wurden, was mal wieder beweise, dass die Musikindustrie immer noch nicht im digitalen Jetzt angekommen sei. In allen Artikeln kommt das Wort Hype vor. Alle finden sie irgendwie ganz gut, die neuen Bands. Die Texte gleichen sich wie ein VW dem anderen, alle vom selben Band gerollt.

Ironie der Geschichte: Die " unique selling proposition " der beiden neuen Hype-Bands, also die Story mit dem Selfmade-Erfolg via Internet, wurde unseren Schreiberlingen von genau jener Musikindustrie ins Laptop diktiert, über die sie dann gratis lästern. Nach den anfänglichen Erfolgen auf Graswurzel-Ebene hatten nämlich beide Bands die logistische Unterstützung von Plattenfirmen und Promotion-Agenturen in Anspruch genommen, um das schöne Internetmärchen in Umlauf zu bringen. Im Februar stehen beide Bands hoch in den deutschen Charts, und mit leichter Verzögerung folgt auch die Schweiz.

Was sagt uns das nun über den Zustand des Popjournalismus? Gewiefte Popschreiber nutzen ihre im harten Selbstausbeutungsgeschäft der edlen Klitsche ( Spex, Texte zur Kunst, heaven sent und viele andere) antrainierten skills , um so popaffin wie möglich, aber so seriös wie nötig in den großen Feuilletons zu schreiben - über alles andere als Pop. Irans Atomstrategie, soziale Ausgrenzung. Derweil dringt die Reservearmee der Niedriglohnvielschreiber aus den nicht (mehr) so edlen Klitschen in die Feuilletons vor und deckt deren Bedarf an treuherzigen Geschichten über Arctic Monkeys und kommende Bands der Stunde. Nicht selten verkaufen Niedriglohnvielschreiber einer renommierten Tages- oder Wochenzeitung für besseres Geld die schlechtere Version eines Artikels, dessen bessere Version sie für schlechteres Geld an Intro , Musikexpress oder Spex verkaufen. Diedrich Diederichsen: «Musikzimmer - Avantgarde und Alltag»© Kiepenheuer und Witsch BILD

Kürzer, platter, schlechter ist die Feuilleton-Version, weil sie den Imperativen von easy reading , Formatierung und Serviceterror folgen muss. Danach darfst du die " general-interest- Abonnenten" nicht mit Insiderwissen überfordern, mit namedropping belasten, mit Anglizismen verprellen. Du darfst niemals Dinge voraussetzen ("Ich musste einmal fast zwei Drittel einer CD-Kritik nur damit verbringen, den Begriff Remix zu erklären", erzählt Pinky Rose in Popjournalismus ). Du darfst ein Spezialistenthema nicht zu ausführlich vertiefen. Du darfst nie ohne gegebenen Anlass über etwas schreiben! Ein solcher Anlass ist ein neues Album, oder Buch, ein neuer Film. Oder ein lokaler, regionaler oder nationaler Bezug: die dritte Hamburger Schule, das neue deutsche Popwunder oder eine ominöse Swissness (komisches Wort, klingt verschwitzt). Und du darfst das Publikum nicht duzen.

Die Leser duzen, wenn die verhandelte Musik es erfordert, sich über alle genannten Verbote hinwegsetzen und ohne gegebenen Anlass über obskure japanische Avantgardistinnen schreiben, von denen maximal drei Leserinnen schon mal was gehört haben - das darf im deutschsprachigen Feuilleton nur einer: "Das Sie muss ich aufgeben, lieber Leser, diese Musik tritt einem nahe, nicht wie andere Musik über Emotionen, sondern auf der körperlichen Hardware-Ebene duzt sie einen mit ihrem existenzialistischen Ehrgeiz." So schrieb über den japanischen Komponisten Ryoji Ikeda, nicht für alle auf Anhieb verständlich, Diedrich Diederichsen (DD) in seiner Kolumne Musikzimmer im Tagesspiegel .