MEDIENSCHELTE Pop-Popen und Rocktrottel

Musikkritiker kritisieren Musik. Und wer kritisiert sie? Unser Autor, Radio-DJ in Frankfurt, tut es in diesem furiosen Aufsatz, den wir der aktuellen Musikbeilage der Schweizer Wochenzeitung „WoZ“ entnehmen und hier erstmals online veröffentlichen

Am 24. Januar beschäftigt sich der Aufmacher des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) mit der Atomstrategie des Iran. In dem gemeinhin nicht als kapitalismuskritisch verschrienen Blatt erklärt der Autor, "warum mit Vorprodukten von Massenvernichtungswaffen mehr Geld zu verdienen ist als mit Medikamenten" und prophezeit, dass "es für arme Staaten womöglich bald leichter sein (wird), sich mit Bomben zu versorgen, als ihrer Bevölkerung bei Pandemien von Aids bis Vogelgrippe Hilfe zu verschaffen". Dies sei eine Errungenschaft des Weltmarkts. "Ihn erfunden und gegen das Leninsche Reich des Bösen durchgesetzt hat der freie Westen." So steht es in der FAZ , dem Hausblatt von Bourgeoisie und Kapital.

Am selben Tag macht die taz ihr Feuilleton mit einer Polemik gegen die allgegenwärtige Forderung nach "Eigeninitiative" auf. Der Autor decouvriert diese Forderung als neoliberale Rhetorik, die längst auch in exlinken Milieus um sich greift: "Über Eigeninitiative wird nur geredet - gleichzeitig wird alles getan, um den gesellschaftlichen Aufstieg für Arbeiter, Frauen und Migranten zu behindern."

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Was haben beide Texte miteinander zu tun? Und was mit Popjournalismus? Nun, beide Feuilletonaufmacher vom 24. Januar wurden verfasst von ehemaligen leitenden Redaktoren des Pop-Magazins Spex . Der Kapitalismuskritiker der FAZ heißt Dietmar Dath, derjenige der tageszeitung Mark Terkessidis. Zur selben Zeit, Ende Januar, erscheinen in allen relevanten deutschsprachigen Feuilletons Artikel über zwei neue weiße Bands aus Sheffield beziehungsweise Philadelphia. Allen Texten ist zu entnehmen, dass die Arctic Monkeys wie Clap Your Hands Say Yeah ihren rasanten Aufstieg dem Internet verdanken, dass sie auch ohne eine Plattenfirma im Rücken berühmt wurden, was mal wieder beweise, dass die Musikindustrie immer noch nicht im digitalen Jetzt angekommen sei. In allen Artikeln kommt das Wort Hype vor. Alle finden sie irgendwie ganz gut, die neuen Bands. Die Texte gleichen sich wie ein VW dem anderen, alle vom selben Band gerollt.

Ironie der Geschichte: Die " unique selling proposition " der beiden neuen Hype-Bands, also die Story mit dem Selfmade-Erfolg via Internet, wurde unseren Schreiberlingen von genau jener Musikindustrie ins Laptop diktiert, über die sie dann gratis lästern. Nach den anfänglichen Erfolgen auf Graswurzel-Ebene hatten nämlich beide Bands die logistische Unterstützung von Plattenfirmen und Promotion-Agenturen in Anspruch genommen, um das schöne Internetmärchen in Umlauf zu bringen. Im Februar stehen beide Bands hoch in den deutschen Charts, und mit leichter Verzögerung folgt auch die Schweiz.

Was sagt uns das nun über den Zustand des Popjournalismus? Gewiefte Popschreiber nutzen ihre im harten Selbstausbeutungsgeschäft der edlen Klitsche ( Spex, Texte zur Kunst, heaven sent und viele andere) antrainierten skills , um so popaffin wie möglich, aber so seriös wie nötig in den großen Feuilletons zu schreiben - über alles andere als Pop. Irans Atomstrategie, soziale Ausgrenzung. Derweil dringt die Reservearmee der Niedriglohnvielschreiber aus den nicht (mehr) so edlen Klitschen in die Feuilletons vor und deckt deren Bedarf an treuherzigen Geschichten über Arctic Monkeys und kommende Bands der Stunde. Nicht selten verkaufen Niedriglohnvielschreiber einer renommierten Tages- oder Wochenzeitung für besseres Geld die schlechtere Version eines Artikels, dessen bessere Version sie für schlechteres Geld an Intro , Musikexpress oder Spex verkaufen.

Kürzer, platter, schlechter ist die Feuilleton-Version, weil sie den Imperativen von easy reading , Formatierung und Serviceterror folgen muss. Danach darfst du die " general-interest- Abonnenten" nicht mit Insiderwissen überfordern, mit namedropping belasten, mit Anglizismen verprellen. Du darfst niemals Dinge voraussetzen ("Ich musste einmal fast zwei Drittel einer CD-Kritik nur damit verbringen, den Begriff Remix zu erklären", erzählt Pinky Rose in Popjournalismus ). Du darfst ein Spezialistenthema nicht zu ausführlich vertiefen. Du darfst nie ohne gegebenen Anlass über etwas schreiben! Ein solcher Anlass ist ein neues Album, oder Buch, ein neuer Film. Oder ein lokaler, regionaler oder nationaler Bezug: die dritte Hamburger Schule, das neue deutsche Popwunder oder eine ominöse Swissness (komisches Wort, klingt verschwitzt). Und du darfst das Publikum nicht duzen.

Die Leser duzen, wenn die verhandelte Musik es erfordert, sich über alle genannten Verbote hinwegsetzen und ohne gegebenen Anlass über obskure japanische Avantgardistinnen schreiben, von denen maximal drei Leserinnen schon mal was gehört haben - das darf im deutschsprachigen Feuilleton nur einer: "Das Sie muss ich aufgeben, lieber Leser, diese Musik tritt einem nahe, nicht wie andere Musik über Emotionen, sondern auf der körperlichen Hardware-Ebene duzt sie einen mit ihrem existenzialistischen Ehrgeiz." So schrieb über den japanischen Komponisten Ryoji Ikeda, nicht für alle auf Anhieb verständlich, Diedrich Diederichsen (DD) in seiner Kolumne Musikzimmer im Tagesspiegel .

62 dieser Kolumnen aus den Jahren 2000 bis 2004 sind jetzt als Taschenbuch erschienen und das (Wieder-)Lesen lohnt sich schon für die Glücksmomente, die sich einstellen, wenn man klugen Leuten beim freien Denken zuschauen darf. "Wie macht der das?", fragt man sich nicht ohne Neid, und: "Darf der das?" Dass Diederichsen schreiben darf, wie er will, verdankt er seiner in bald dreißig Jahren angehäuften Reputation. Als Autor und Redaktor von Sounds und später Spex stiftete er zweierlei: eine vom großen Paradigmenwechsel Punk / New Wave angestoßene Schule des politischen Schreibens über Pop (und des poperfahrenen Schreibens über Politik, siehe oben). Und ein Feuilleton-Subgenre: das DD- Bashing .

Wer sich mit den Großen anlegt, wächst selber ein bisschen und kriegt ein bisschen was ab von ihrem Ruhm. Das jüngste Beispiel für negativen Opportunismus dieser Art lieferte im letzten Herbst Ulf " poshin' too hard " Poschardt. Der garnierte eine Reihe notdürftig getarnter öffentlicher Bewerbungsschreiben für das Amt des Kulturministers in einer schwarz-gelben Bundesregierung mit kleinen, aber wohlfeilen Fouls gegen sein einstiges Idol: "Kunsttheorie-Professor", "gealterte Linke", "älterer Herr", "politische Oberlehrerei". Poschardt war mal Chefredakteur des SZ-Magazins (Magazin der Süddeutschen Zeitung ), schreibt in der Weltwoche über Autos und veröffentlichte zuletzt das Buch Über Sportwagen . Zeit, sich mal wieder zu melden.

Wer Pop heute beim Wort nehme, trompetete Poschardt pünktlich zur Bundestagswahl, müsse FDP wählen. Nach hals- und tabubrecherischen Thesen mit Irrsinnsfaktor lechzt das Feuilleton, und so räumten ihm rechte wie linke Blätter Seiten frei für seine Neue Deutsche Westerwelle. Poschardts Pech: Es kam zur großen Koalition, FDP und Poschardt mussten draußen bleiben. Was gealterte Linke und politische Oberlehrer wie wir nicht ohne eine gewisse Schadenfreude zur Kenntnis nahmen: Ist ja schön, wenn einer sein Popjournalismus-Handwerk halbwegs beherrscht und die Mechanismen für sich zu nutzen weiß. Wenn er sie aber nur für sich, seine Karriere und eine wirtschaftsliberale Junkerpartei zu nutzen trachtet, dann möge er ruhig auf die Fresse fallen. Zumal die neukonservative Wende im Popjournalismus selten so schön scheitert wie bei Poschardt.

"Man beginnt wieder Jahrestage im Leben von überschätzten Rocktrotteln zu begehen. Man ersetzt die naturgemäß schwierige uneingeführte Reflexion der Popmusik und ihrer Schauplätze durch das gute alte Beobachten von Künstlerlebensläufen. Zeitungskrise und ein kreuzelendes Rock-Revival vervollständigen den Niedergang der Option, in den großen Zeitungen eine Öffentlichkeit für Popmusik zu etablieren, die an die Stelle der im selbstgenügsamen Kräutergarten der Indiekultur langweilig gewordenen Poppresse hätte treten können." Die aktuelle Diagnose stammt aus Diederichsens Vorwort zu Musikzimmer .

Natürlich weiß er selbst, dass man den Jahrestag eines überschätzten Rocktrottels braucht, um sich uneingeführte Reflexion von Pop überhaupt leisten zu können. Ohne so einen Anlass druckt kein Feuilleton und keine Pop-Presse die schönste Reflexion. Vermutlich weiß er auch, dass sein derzeitiger Lieblingsfeind Rock-Revival auch das Gegenteil von kreuzelend hervorbringt. Und mit Sicherheit kennt er die ökonomischen Zwänge, denen der selbstgenügsame Indie-Kräutergarten unterworfen ist. Vielleicht spart er sich relativierende Einschränkungen, um in aller Drastik festhalten zu können: Es sieht düster aus im Schreiben und Reden über Pop.

Dabei haben wir noch gar nicht übers Radio geredet, da wird es noch düsterer. Das belegen Interviews mit Pinky Rose und Klaus Fiehe im Sammelband Popjournalismus . Der kommt im Übrigen zu ähnlich düsteren Befunden wie das Musikzimmer , was auch daran liegt, dass Diederichsen als most quoted man wie eine graue Eminenz über dem Buch schwebt und am Ende noch selbst interviewt wird. Früher nannten sie ihn huldvoll-spöttisch Pop-Papst, heute preisen dieselben Typen auf kostbaren Kulturseiten die popistisch-philosophischen Qualitäten des Popen aus Deutschland und finden es ganz dufte, katholisch zu sein.

Die wenigsten bekommen es hin, Pop auch mit vierzig, fünfzig noch aufzunehmen und politisch zu reflektieren. Sie altern in falsch verstandener Würde und wenden sich anderen Dingen zu. Den Rocktrotteln ihrer Jugend, selbstverliebten Gespensterdebatten über "neue Bürgerlichkeit" oder eben Joseph Ratzinger. Auch das ist Teil des flächendeckenden neokonservativen Rollbacks im Spannungsfeld von Pop und Politik, den beide Bücher illustrieren. Gegenstrategien? Durchweg defensiv: Textlängen verteidigen, Redezeiten verteidigen, Sendeplätze verteidigen, idiosynkratisches Schreiben verteidigen, Relativsätze im Radio verteidigen ... sounds like Rücken zur Wand.

Wie gründlich der backlash durchgreift, zeigt ein emphatischer Satz aus dem Musikzimmer : "Nach Punk konnte man auch akzeptable Stimmen wie die von Dylan und den Beatles einfach nicht mehr hören. Gegen Sting, Phil Collins und U2 sind wichtige Teile heute noch lebender Generationen für immer geimpft worden." Dass der Langzeitimpfstoff Punk Dylans Sing-Audienz beim Papst nicht verhindern konnte, ist schade, aber nicht so tragisch, Dylan bewegte sich immer in seinem eigenen Immunsystem. Registriert werden sollten andere Fälle. Bono etwa bekam soeben als Nachfolger von Gorbatschow und Clinton (Bill, nicht George) den auch aufmerksamkeitsökonomisch hoch dotierten Deutschen Medienpreis. Die Laudatio hielt Joschka Fischer, Exaußenminister und laut Selbstauskunft "letzter Rock 'n' Roller der deutschen Politik". Rocktrottel unter sich. So sind sie, die Verhältnisse, und deswegen gilt - hört mir auf den Oberlehrer! - "Wenn man Nonkonformismus entwickelt, sollte man wenigstens wissen, was der aktuelle Konformismus geschlagen hat."

Jochen Bonz, Michael Büscher, Johannes Springer (Hrsg.): "Popjournalismus". Ventil Verlag. Mainz 2006. 208 Seiten. € 12, 90.

Diedrich Diederichsen: "Musikzimmer - Avantgarde und Alltag". Kiepenheuer und Witsch. Köln 2005. 240 Seiten. € 9,90.

Klaus Walter, 50, lebt als Radiomoderator, DJ und Journalist in Frankfurt am Main. Seit über zwei Jahrzehnten stellt er in der Radio-Sendung „Der Ball ist rund“ im Hessischen Rundfunk interessante Popmusik vor. Im vergangenen Jahr veröffentlichte er gemeinsam mit zwei anderen Veteranen von der Popfront, Thomas Meinecke und Frank Witzel, das Gesprächsbuch Plattenspieler .

 
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    • Quelle ZEIT online 9.3.2006
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