Bundeswehr Verunsicherte Einsatzarmee

Der Bericht des Wehrbeauftragten zeichnet das Bild einer Truppe, die Leib und Leben riskiert. Ihr fehlt es an Ausbildung, Material, Personal – und an politischer Transparenz

„Ihr Eierbären“ – ja natürlich, da ist er wieder, der blöde Ausbilderton, der sich in der Bundeswehr ebenso hartnäckig wie der Geruch von Waffenöl hält und alle Jahre wieder im Bericht des Wehrbeauftragten Spuren hinterlässt. Ein gefundenes Fressen für die Medien, die wieder einmal die eine oder andere Episode ausschlachten dürften, wie sie Reinhold Robbe (SPD), der Wehrbeauftragte des Bundestages, an diesem Dienstag pflichtgemäß auftischte. Sie finden alle ein befriedigendes Ende; der Hauptmann, der seine Lehrgangsteilnehmer mit dem eingangs zitierten Spruch begrüßt hatte, musste anschließend einen Aufsatz über „Zeitgemäße Innere Führung“ abfassen, als „Erzieherische Maßnahme“ (so heißt das).

Wer mag, der kann den Bericht nach derartigen „Stellen“ absuchen, wie einen Pornoroman.

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Gewalt unter Soldaten? „Sie findet statt“, sagte Robbe auf der Pressekonferenz. Integration der Soldatinnen? Es gibt unschöne Vorfälle, aber sie geht bewundernswert gut voran. Die Menschenrechtsverletzungen von Coesfeld seien „ein singuläres Ereignis geblieben“; und: Ja, sein Bericht führe auch „erschreckende Fälle von Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit“ auf, sagte Robbe. Mehr als im Vorjahr sind es freilich nicht. In der Truppe wird gegen all das konsequent eingeschritten, wie der Bericht belegt.

Doch mehr noch als im Vorjahr zeichnet der Bericht des Wehrbeauftragten das Bild einer Armee im Auslandseinsatz, teilweise sogar im Kampfeinsatz. Und was darüber zu lesen steht ist weitaus interessanter als die süffigen Details aus dem Truppenalltag.

„Mehr als 195.000 Soldatinnen und Soldaten haben bereits an solchen Einsätzen teilgenommen“, heißt es in dem 72 Seiten starken Dokument, „viele davon mehrmals“. Und allzu oft mit zu kurzen Erholungspausen zwischen den Einsätzen, wegen des Personalmangels in der Truppe. Ausbildungsmängel kommen hinzu, bis dahin, dass den Soldaten in vielen Fällen erst am Einsatzort beigebracht wird, wie sie mit ihren Handfeuerwaffen umzugehen haben, etwa wegen „fehlender Verfügbarkeit geeigneter Schießbahnen“. Man sollte es nicht glauben. Kaum eine Waffe ist dermaßen geeignet, andere zu gefährden, wie eine Pistole oder gar eine Maschinenpistole vom Typ „Uzi“, wie sie in der Bundeswehr gebräuchlich ist.

Ausrüstungsmängel kommen hinzu. Im vergangenen Jahr kritisierte der damalige Wehrbeauftragte Wilfried Penner (SPD) die politische Führung, dass sie nur unter Zuhilfenahme „sprachlicher Kunstgriffe" daran festhalten könne, die Armee sei zu weiteren Einsätzen in der Lage.  Daran hat sich wenig geändert. In Afghanistan beispielsweise fallen die Einsatzfahrzeuge „Wolf“ häufig aus, weil ihre Konstruktion das Zusatzgewicht nicht aushält, das der nachträglich eingebaute Minenschutz mit sich bringt. Unzureichend ist auch die Versorgung mit den Sanitätscontainern, die beweglich und modular sind, um direkt am Ort Verwundete zu betreuen; auch die zugehörigen Fahrzeuge sind nur zur Hälfte einsatzbereit oder vorhanden. In diesen Zusammenhang passt ein Zitat aus dem Redemanuskript eines „hochrangigen Generals aus der Führungsstab-Ebene“, das die Website „Geopowers“ ausgegraben hat:  “Das verfügbare Finanzvolumen reicht insgesamt nicht aus, um kurz- und mittelfristig den Ausrüstungsbedarf der Bundeswehr zu decken.” So ist es wohl. Zitat aus dem Wehrbeauftragten-Bericht: „Auch Verpflichtungen im Rahmen der Beteiligung an NRF (NATO Response Force) und ORF (Operational Response Force) stoßen zunehmend an Grenzen“ – es fehlt beispielsweise an gepanzerten Fahrzeugen.

Leser-Kommentare
  1. Desolate Kasernen die einem abbruchreifen Auffanglager gleichen ist schon ein starkes Stück.
    Wo liegen jedoch die Ursachen für diese Missstände? Ich war 12 Jahre Soldat und bin in dieser Zeit (1983 – 1995) viel rumgekommen und habe min. 15 Kasernen von innen gesehen. Die jetzt beschriebenen Zustände habe ich jedoch nie erlebt.
    Seit 1995 verhält sich die Bundeswehr (oder besser deren Führer) entgegengesetzt eines Heuschreckenschwarms. Dieser hinterläst bekanntlich karges Land und zieht dann weiter. Anders bei der Bundeswehr. Die löst hervorragende Standorte auf, verlegt die dort untergebrachten Truppenteile in abrissreife Kasernen, steckt anschließend Millionen in deren halbherzige Renovierung um kurz vor Abschuss aller Arbeiten diesen Standort auch wieder aufzulösen.
    Ein Beispiel: Die Prinz Eugen-Kaserne in Mengeringhausen (Bad Arolsen). Hier war ich den überwiegenden Teil meiner Dienstzeit stationiert. Gebaut in den 60er Jahren, bis 1990 für die Aufnahme eines Fugabwehr Battalion erweitert, Umbau des Kesselhauses, Sanierung der Wasserver- und entsorgung usw. . Unterm Strich, von der Bausubstanz und der Infrastruktur eine hervorragende Kaserne. Nach der Teilauflösung des Standortes (die Herrn der Luftwaffe blieben noch mit ca 300 Mann in einer Kaserne für 1500) wurde das dort stationierte Artilleriebattalion umbenannt und nach Hessisch Lichtenau in eine Kaserne verlegt, die noch nicht einmal zum üben des Orts- und Häuserkampfs zu gebrauchen war. Das Artilleriebattalion war auch der alleinige Nutzer !!!! Nun begann eine ware Sanierungsorgie, die ich jedoch nicht selber miterlebt habe. Der Standort ist bzw. wird aufgelöst.
    Aber auch in der Prinz Eugen-Kaserne wurde fleißig weiter gebaut. So wurde bis zum letzten Tag der Standortübungsplatz mit Betonplatten versehen, auf denen die Flugabwehrsysteme in Stellung gebracht werden sollten. Mit diesen Arbeiten wurde begonnen, obwohl das Ende des Standortes öffentlich bekannt war!!!
    Beispiel Wolfhagen: Die Pommern-Kaserne erleidet das gleiche Schicksal wie die Prinz Eugen-Kaserne und ist Baulich ebenfalls als Gut zu bewerten.
    Von diesen Geldvernichtungsprogrammen kann jeder Langgediente berichten. Die Palette reicht bis zum Beginn und Abschluss des Baus einer Panzerwaschanlage, obwohl weit vor Baubeginn die Standortauflösung unter Dach und Fach war.
    In diesem Verlegungs- und Auflösungswahn kann weder ich noch viele langgediente Kameraden irgendeinen taktischen oder strategischen Sinn erkennen.
    Wenn also jetzt solche durch den Wehrbeauftragten aufgezeigten Mängel vorliegen und gleichzeitig mehr Geld gefordert wird, dann sollten zu erst einmal die Verantwortlichen überbezahlten und inkompetenten Planer ihrer Posten enthoben und zur persönlichen Haftung heran gezogen werden. Zu “meiner Zeit“ hatte die Bundeswehr 495.000 Mann (Aufwuchsfähigkeit in drei Tagen auf 1.200.000 Mann) und ca. 200.000 Zivilbeschäftigte, heute ist die Bundeswehr bei höheren Ausgaben nur noch halb so groß, verfügt nur noch über ca. 400 Kampfpanzer (von 6500) usw..
    Desweiteren sind nach der Wiedervereinigung und dem Abzug der alliierten Truppenteile viele der bis dahin geleisteten finanziellen Verpflichtungen (Stationierungskosten, Manöverschäden auch der Alliierten begleichen, Bau von Kasernen und Einrichtungen für die Alliierten, Kosten für Zivilschutz usw.) min. 2 Milliarden €/Jahr an Einsparungspotenzial entstanden.
    Am Geldmangel kann es nicht liegen. Im verantwortungsbewussten Umgang mit den Steuergeldern durch die verantwortlichen Stellen ist das Übel zu suchen.
    Ähnlich wie in der Gesamtstärke der Bundeswehr verhält sich auch die Anzahl der Wehrpflichtigen. Heute leisten noch gerade einmal 37.300 Grundwehrdienstleistende ihren Dienst bei der Bundeswehr ab (jeder Sechste, es lebe die Wehrgerechtigkeit). Das heißt für mich 6 * 250 € Sold oder mindestens Mindestlohn (5€/Std)

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