Es ist ein heißer Tag an diesem 12. Februar in Kapstadt. Am Tag davor waren es 38 Grad, dazu ein starker Wind. Der Südostwind, auch "Kap-Doktor" genannt. Er weht die Smog-Glocke weg, die sonst dunstig über der Stadt liegt. Es ist Sonntag, und der Himmel erstreckt sich weit und blau bis zum Ozean und dem Frachthafen des Duncan Dock, an dem sich die Kräne als dunkle Silhouetten ins Bild schieben. Abdullah Ibrahim vor seiner ehemaligen Schule "Trafalgar High" im District Six© Jurie Senekal BILD

Hier, an der Ecke Darling Street und Hanover, steht ein altes Gebäude mit einem Stück denkmalgeschützter Stadtmauer. Es ist das ehemalige YWCA, ein Hostel der "Young Woman Christian Association" aus den dreißiger Jahren für junge schwarze Frauen, die aus den Townships kamen, um in Kapstadt als Hausmädchen zu arbeiten. An der Mauer hängt ein Banner mit aufgedruckten Plastikbuchstaben, die sich in der Hitze wellen und langsam abblättern. Das Schild weist darauf hin, dass sich in dem Gebäude die Musikschule M7 befindet, ein Projekt des Jazzpianisten Abdullah Ibrahim, vormals Dollar Brand, der vor 72 Jahren in Kapstadt im Bezirk Kensington geboren wurde und über 30 Jahre in Zürich und New York im Exil lebte, bevor er Anfang der neunziger Jahre heimkehrte.

An diesem Tag möchte uns Abdullah Ibrahim seine Meisterklasse vorstellen, die sonst von seiner Assistentin Marysa unterrichtet wird. Er übernimmt, wenn er in Kapstadt ist. Sechs Jugendliche sind da, der Bassist fehlt. Er hat an diesem Tag einen Auftritt in der Kirche. In dem schmalen, langgestreckten Raum ist das Licht staubig. Die Vorhänge sind zugezogen, sonst wäre es zu heiß. An den Wänden hängen Fotos von Musikern aus einer fernen Zeit. Kleinformatige schwarz-weiß-Bilder, eingerahmt hinter Glas. Man muss sich direkt davor stellen, um etwas zu erkennen.

Abdullah Ibrahims Stimme ist weich und melodisch. Jazz, sagt er seinen Schülern, sei die höchste Form der Musik in der Geschichte des Planeten, Jazzmusiker seien die Avantgarde dieser Welt. Er sieht zu den Fenstern, die von den Vorhängen verdeckt werden. "Eines Tages möchte ich Lautsprecher an diese Fenster stellen und dieser Stadt Jazz vorspielen. Jazz ist eine universale Sprache, die von jedem verstanden wird." Er spricht von der Freiheit und Unabhängigkeit dieser Musik, von politischer Musik, Widerstandsmusik. Die 16-jährige Schlagzeugerin Gemma Esau aus dem Township Somerset West, aus der Meisterklasse von Abdullah Ibrahims Musikschul-Projekt M7. Später möchte sie in den USA oder Europa studieren.© Werner Ryke BILD

Seine Schüler wissen nichts über den Jazz Südafrikas. Von den Musikern auf den Fotos kennen sie keinen. Vor zwölf Jahren wurde die Apartheid aufgehoben, sind zum Teil erst vierzehn. Sie wissen nicht, wie es war und wollen es nicht wissen. Später vielleicht. Jetzt ist es wichtiger, an morgen zu denken, nicht an gestern. Und auch ihre Eltern sehen das. Zu frisch noch das alles. Noch scheint Südafrika zur Reflektion nicht bereit.

In Abdullah Ibrahim sehen sie den Musiker, der es geschafft hat, in Europa zu spielen, in Amerika. Das wollen alle hier. Der 14-jährige Klarinettist Alden möchte in Deutschland studieren, die anderen in den USA. Die Eltern und Freunde sammeln bereits, um der 17-jährigen Sängerin Erin ein Studium in Atlanta zu ermöglichen. Nur Razak möchte in Südafrika bleiben, in seinem Township. Er trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift: "Mannenberg. A Place To Learn". Der 33-jährige Gitarrist fühlt sich wohl in seinem Viertel. Gerade hat er ihm ein Theaterstück gewidmet. Der 14-jährige Saxofonist Levi Alexander aus dem Township Bellville South. Er spielt in seiner Community in der "Christmas Band" und bei Beerdigungen und ist in der Meisterklasse von Abdullah Ibrahims Musikschul-Projekt M7. Später möchte er in den USA studieren.© Werner Ryke BILD

Dann gibt es Essen. Die Mütter breiten Decken über einen Tisch und stellen mitgebrachte Speisen auf. Salat, Pasteten, selbstgebackenes Brot. Abdullah Ibrahim kommt und setzt sich in die Wärme eines von der Sonne beschienenen Stuhls. Ihm mache die Hitze nichts aus, denn er komme gerade aus Bayern, nur fünf Minuten weg von Bad Reichenhall, wo das Dach der Sporthalle unter den Schneemassen einstürzte. Es ist später Nachmittag, als die Schüler sich verabschieden, um mit ihren Eltern wieder zurück in die Townships zu fahren. Wieder schieben sich die Kräne des Duncan Dock ins Bild. Das Licht ist weicher geworden.

Am Abend bestellt Abdullah Ibrahim in einem kleinen Restaurant unterhalb des Tafelbergs Angelfish und Tee. Die Tische stehen in einem kleinen Garten, eher einem begrünten Innenhof. Die Zweige der Bäume bewegen sich langsam im Wind. Er spricht über sein Konzertprogramm, das er Jacaranda Blew nennt, "Jacaranda Blüte". Jacaranda ist ein Baum in Südafrika, der im September und Oktober blüht. Mit violetten Blüten, die dann die Straßen bedecken. Er wurde im Oktober geboren, der Zeit des südafrikanischen Frühlings. Die Baumblüten bedeuten ihm viel. Auch die Windbewegung der Zweige, die Schatten. Es ist das, was er "Omote" nennt, das Verborgene im Sichtbaren. Versonnen betrachtet er die Mauer aus alten Steinen, die den Innenhof begrenzt. Er sei oft hier zum Essen. Wenn die Musiker seines Trios aus New York kämen, sogar jeden Tag. Am Nachbartisch sitzen Fotografen aus Deutschland. Sie kommen an den Tisch, um nach einem Autogramm zu fragen. Abdullah Ibrahim zieht Postkarten aus seiner schwarzen Leinentasche. Sie zeigen ihn auf dem Tafelberg, ein Standbild aus dem Film A Struggle For Love , der anlässlich seines siebzigsten Geburtstags für arte gedreht wurde.

Er freut sich, wenn er erkannt wird, aber er schreckt davor zurück, die ihm dargebotenen Hände zu schütteln. Er erwidert den Gruß mit der Faust oder dem Ellenbogen. Das wirkt wie ein Kampfgruß unter Gleichgesinnten, eine Art Street-Code, mitgebracht aus New York, doch so ist es nicht gemeint. Eher ist es Vorsicht, Wachsamkeit. Nur selten wird die Mauer, die ihn umgibt, durchlässig. Meistens möchte er Distanz, auch in Gesprächen. So irritiert er oft Menschen, die ihm mit Herzlichkeit begegnen.

Er holt seinen Kalender aus der Tasche. Einen dieser Jahresplaner mit Werberand, wie manchmal Tageszeitungen beiliegen. In den schmalen Spalten sind viele Termine eingetragen. Manchmal, sagt er, würden sie ihm fast zu viel. Dann fahre er einfach in sein Haus, entspannen und Fernsehen gucken. "Diese Kinder", spricht er weiter und meint jetzt seine Schüler, "sie wissen so wenig über ihre eigene Geschichte. Das ist das Vermächtnis der Apartheid." So viel sei noch zu tun, auch in der Musikschule. Eine Bibliothek müsste eingerichtet werden und ein Raum, in dem die Schüler im Internet recherchieren könnten. Gerade sei er dabei, Geld für ein professionelles Orchester zu sammeln, ein Jazz- und Kammerorchester mit einem festen Sitz. So wie die Philharmoniker ihren festen Auftrittsort hätten.

An diesem Abend trägt er ein schwarzes Leinengewand im arabischen Stil, das seine große Gestalt umweht, wenn er über die Straße geht. Er hat es selbst entworfen und Ausführungen in verschiedenen Farben anfertigen lassen. Neben seinem Wagen sitzt ein junger Südafrikaner in einer neongelben Weste, auf der "Street Sheriff" steht. Abdullah Ibrahim gibt ihm Geld und steigt ein. Auf der Straße stehen viele dieser Sheriffs, sie machen nichts anderes, als auf die ihnen anvertrauten Wagen zu achten. Vor den Fenstern der Häuser sind die Gitter heruntergelassen, in den Seitenstraßen ist niemand mehr zu sehen.

In seinem Auto hängt eine muslimische Gebetskette aus durchsichtigen weißen Perlen vom Spiegel herab, im CD-Spieler läuft arabische Musik. Eine leise, sehr melodische Hymne. Der Wagen gleitet die Straße hinab, unten glitzern die Lichter der Waterfront. Am nächsten Tag möchte er uns den District zeigen. District Six, in dem er aufwuchs und zur Schule ging, in dem die südafrikanische Bürgerrechtsbewegung sich formierte, gemeinsam mit Sophiatown, einem Township bei Johannesburg. Beide Orte wurden später zwangsgeräumt, District Six von Bulldozern zerstört.

Der nächste Tag ist der Jahrestag der Zwangsräumung und Zerstörung. Genau 40 Jahre zuvor, im Februar 1966, kamen die Bulldozer. John Neels, der Eigentümer des YWCA und Betreiber des Distrix-Cafés, möchte die Erinnerung wachhalten. Er ist glücklich darüber, Abdullah Ibrahim und die Musikschule in seinem Haus zu haben. Er wünscht sich, dass die Musiker und Schriftsteller zurückkommen, damit wieder eine Gemeinschaft entsteht. Im Innenhof des Cafés ist eine Bühne aufgebaut, auf der regelmäßig Konzerte stattfinden, Rock, manchmal Jazz. Er ist offen. Auch Trauungen können dort stattfinden. Die Brandmauer des Hauses haben zwei bekannte Graffitti-Künstler Kapstadts gestaltet, Mak1 und Faith. Schon von weitem sieht man das Bild mit den Köpfen der Freiheitskämpfer Nelson Mandela, Steve Biko, Cissie Gool und Imam Haron.

Das Café war früher ein Friseurladen, davor befand sich eine Bushaltestelle. Abdullah Ibrahim erinnert sich lebhaft. Hier habe er gesessen und auf einen Haarschnitt gewartet. Und hier hatte er seinen ersten Job als Klavierspieler. Im Stockwerk darüber, einer Billard-Halle. Der Sohn des Friseurs habe später ein Beerdigungsinstitut eröffnet.

Der Wind zerrt an den Haaren und an der Kleidung. Wieder die Kräne vor dem dunstigen Schiefergrau des Ozeans. Der Verkehr schiebt sich durch die Darling Street. Für diesen Tag hat Abdullah Ibrahim genug. Er möchte uns nur noch seine chinesischen Ärzte vorstellen, Dr. Zhang und Dr. Li, die ihn mit Nadeln behandeln. Das Wesen der Akupunktur entspricht seiner Philosophie. Alles sei miteinander verbunden, alles durchdringe jedes.

Die Praxis von Dr. Zhang und Dr. Li liegt in einem feinen Vorort von Kapstadt. Großzügige Bungalows mit Swimming-Pools und Blumengärten liegen hinter hohen Mauern mit Stacheldraht. Solchen Zäune hielten zurzeit der Apartheid die Schwarzen auf Abstand. Stacheldraht ist eine südafrikanische Erfindung. In der Akupuktur-Praxis sind die Sofas und Stühle aus chinesischer Seide mit Plastik überzogen. Dr. Li erzählt, dass ihr Mann vor fünf Jahren nach Kapstadt kam, um in der Universität für westliche Kollegen ein Seminar über traditionelle chinesische Medizin zu geben. Sie würden sich hier jetzt wohl fühlen und nicht nach China zurückwollen. Wer Abdullah Ibrahim war, hätten sie anfangs nicht gewusst. Jetzt würde er von seinen Tourneen aus anrufen und sich von ihnen beraten lassen.

Abdullah Ibrahim lebt allein in Kapstadt, seine Familie ist in New York geblieben, seine Frau Sathima Bea Benjamin und ihre gemeinsamen Kinder. Tsakwe, der Sohn, Madsidiso, genannt Tsidi, die Tochter. Unter dem Namen Jean Grae hat sie bei der Plattenfirma Universal einen Vertrag als Rap-Sängerin. Noch hat er nicht von seiner Familie gesprochen. Es ist schwierig, ihm Fragen zu stellen. Er entscheidet selbst, wann er sich öffnet, manchmal nur für einen Moment. Im Büro von M7 liegen einige der Bücher, die er liest. T´ai Chi Touchstones , der Layman´s Guide to Acupuncture oder die Sirene Reflection Meditation von Reverend Master P.T.N.H. Juju-Kennett und den Members of the Order of Buddhist Contemplatives.

An diesem Morgen zeigt er uns in der ehemaligen Halle des YWCA, dem jetzigen Raum der Musikschule, einige seiner Tai-Chi-Übungen. Langsame, fließende Bewegungen, die ineinandergleiten. Er setzt sich ans Klavier und spielt eine Melodie. Die langen, schmalen Finger der großen Hände – "meine Hände sind zu groß für Bach" – bewegen sich über die Tasten und entwerfen eine losgelöste Improvisation, die sich hell im Raum verteilt. Dann schließt er den Klavierdeckel und lacht über den Staub, der sich als dünne Schicht über den Flügel gelegt hat.

Heute ist das Treffen mit dem Minister. Pallo Jordan, zuständig für Kultur in Südafrika. Er kämpfte viele Jahre vom Exil aus im ANC für die Freilassung von Nelson Mandela und die Abschaffung der Apartheid. Er kennt Abdullah Ibrahim seit damals, als er noch Dollar Brand hieß. Nach der Kontrolle der Pässe und der Aushändigung der Besucherausweise fährt uns ein Fahrstuhl nach oben. Im Wartezimmer werden Getränke serviert, auf dem Flur ist es still. Dann kommt der Sekretär des Ministers und begrüßt Abdullah Ibrahim. Wenig später kommt der Minister selbst, sehr leger und selbstbewusst, ohne Anzug, mit locker aufgeknöpftem Hemd, das Handy in der Brusttasche. "Dollar", sagt er fröhlich. "Es ist gut, dich mal wieder hier zu sehen!" Er geleitet die Besucher durch das Vorzimmer in seinen Besprechungsraum. Ein ovaler Konferenztisch, dahinter eine gemütliche Sofaecke. Durch die Fenster ist das Panorama des Tafelbergs zu sehen. Und es ist Abdullah Ibrahim anzumerken, wie stolz und glücklich er ist, Pallo Jordan jetzt hier zu sehen, im sechzehnten Stock des Parlamentsgebäudes.

Der Minister trinkt Tee. Er spricht über das gemeinsame Projekt mit Abdullah Ibrahim. Ein Orchester für junge begabte Musiker mit festem Sitz in Kapstadt und Johannesburg. Gestützt durch öffentliche Gelder, wie es ja auch in Europa bei Orchestern üblich sei. Zuerst brauche man eine Institution. Das Wort "Jazz" mag er nicht, zu amerikanisch sei es und würde seiner Meinung nach nicht genug die originäre Leistung der südafrikanischen Musiker betonen. Er selbst würde lieber von "Modern African Music" sprechen. Sein vorrangiges Projekt sei es aber, die öffentlichen Bibliotheken wieder mit Büchern in den während der Apartheid unterdrückten Landessprachen auszustatten, um das Lesen und die Identität zu fördern. Dass ein Großteil der Bevölkerung in Armut und Analphabetismus lebt, sei eine Narbe der Apartheid, die nur langsam verheile. Aber man müsse vorwärts schauen. Er hoffe auch, dass die nächste Fussball-Weltmeisterschaft in Südafrika stattfinden werde, das wäre gut für die Wirtschaft und auch für die Kultur.

Nach dem Gespräch wartet im Vorzimmer Keorapetse Kgositsile, einer der bekanntesten südafrikanischen Dichter. Er ist der Berater des Ministers, der "Special Adviser to the Minister of Arts and Culture". Er sitzt lesend auf einem Sofa und lächelt amüsiert über die Zeichen der Ehrerbietung, die ihm entgegen gebracht werden. Mit sehr sanfter, leiser Stimme spricht er und schreibt seinen Namen mit einer schräg nach rechts laufenden Schrift auf ein Blatt Papier. Auch der Schriftsteller Wally Serote ist da, gemeinsam mit einer ehemaligen ANC-Aktivistin. Alle kennen und schätzen Abdullah Ibrahim und freuen sich, ihn zu sehen. Hier stehen sie, nach den Jahren des gemeinsamen Widerstandes. Im Parlament. Vor zwölf Jahren wäre das undenkbar gewesen.

Danach ist Abdullah Ibrahim sehr gut gelaunt und fährt zum Lunch ins Mount Nelson Hotel, das altehrwürdige und beste Hotel der Stadt. Er genießt es, durch das Eingangsportal zu fahren, ein gern gesehener Gast. "Früher", erzählt er, "durften wir nicht in dieses Hotel. Und wenn, dann nur, um zu bedienen oder zu spielen." Einmal habe er hier gespielt und eine reiche weiße Frau sei zu ihm gekommen und hätte ihn gebeten, auf ihrer Party zu spielen. Als sie fragte, wieviel er verlangen würde, sagte er, tausend Dollar. Sie stimmte zu, ihre einzige Bedingung war, die Musiker dürften sich nicht unter ihre weißen Gäste mischen. In diesem Fall, gab Abdullah Ibrahim zurück, würde er es umsonst machen. Er lacht, als er die Anekdote erzählt, aber es ist ein bitteres Lachen. Nach dem Mittagessen auf der Terrasse des Mount Nelson Hotels spricht er unvermittelt von seiner Familie und dass er in Kapstadt ganz allein sei. Ohne Freunde, ohne Gemeinschaft. Aber das sei seine Heimat. Er habe zurückkommen müssen. Er sagt auch, wie viele Probleme er hatte, auch mit Alkohol, bevor er Ende der sechziger Jahre zum Islam wechselte. Dann bestellt sich süße Scones mit Rosinen zum Tee.

Am nächsten Tag zeigt er uns den District Six. Aber es gibt nicht viel zu sehen. Bis auf die Kirchen, Moscheen und Schulen wurde alles zerstört und seit damals nicht wieder aufgebaut. Der Boden ist staubig, freie, mit dürrem Gras bewachsene Flächen, dunkle, verbrannte Erde. Seine Schule steht noch. Die "Trafalgar High". Kinder in Schuluniformen sind hinter der Mauer zu sehen. Die Lehrer hier seien damals politische Aktivisten gewesen, hier hätten er und seine Freunde ihr politisches Wissen erworben.

Er fährt weiter nach Woodstock, eine zermürbte Gegend, in der früher Fischer lebten. In der Hauptstraße steht ein altes Gebäude, mit einem Trödelladen im unteren Stockwerk. Daneben ist eine Schule, in der früher Abdullah Ibrahim jeden Sonntag in einer Tanzschule Konzerte gab, im "Ambassador". Er fährt weiter, zur Woodstock Town Hall, einem rosafarbenen Gebäude auf der Victoria Road. Hier hat er früher oft gespielt. Die Straße führt weiter in den Bezirk Kensington, wo er 1934 geboren wurde. Die Kensington Primary School ist jetzt eine Ruine, direkt an den Schienen. Mit zerbrochenen Fenstern und weggeworfenem Müll. An den Schienen entlang stehen kleine Häuser. Hier wohnt, immer noch und mittlerweile weit über neunzig Jahre alt, seine ehemalige Klavierlehrerin Lena Kroonenberg. Manchmal besucht er sie. Sein Elternhaus liegt unweit davon, in Nummer fünfzehn. Es sei eine schwierige Kindheit gewesen. Irgendwann sei er weggelaufen und habe auf der Straße gelebt. Dabei sei er gut gewesen in der Schule, sehr gut. Er übersprang zwei Klassen und wollte später Medizin studieren. Aber das war Schwarzen verboten. Auch Musik durfte er nicht studieren. Und die Musik, die er spielte, wollte niemand hören. Sie wollten Tanzmusik, also hätten sie ihn verprügelt und ihm die Finger gebrochen. Er zeigt die Garage, in der er ein Jahr lang jeden Tag zwanzig Stunden geübt habe. Manchmal nur mit der linken Hand. Technisch, sagt er, sei es Perfektion gewesen. © Jurie Senekal BILD Abdullah Ibrahim vor seinem Geburtshaus in Kensington

Wieder zurück in Kapstadt, die Blüten duften in der Mittagshitze. Am Nachmittag bauen die Händler ihre Stände auf dem Green Market Square ab. Im Innenhof des Alten Rathauses liegen gelbweiße Blüten wie schlafende Kolibris auf den warmen Steinen, und ein Springbrunnen plätschert vor sich hin. Abdullah Ibrahim verbaschiedet sich, er fährt zurück zu seinem Haus in den Hügeln. Er ist gerne wieder zu Hause, bevor der Feierabendverkehr einsetzt.

Mehr über Abdullah Ibrahim, seine Musik und sein Projekt Mseven, auf: www.abdullahibrahim.com

Zur Bildergalerie »

Abdullah Ibrahim hören:

Mannenberg (Abdullah Ibrahim) , Portrait des Townships "Mannenberg", außerhalb von Kapstadt. Aufgenommen im Juni 1974 mit seinem Septett, dabei sind Basil "Mannenberg" Coetzee, Tenorsaxofon, und Robbie Jansen, Altsaxofon. Aufnahme von dem Album: Best Of Abdullah Ibrahim (WA 1999, über EMI SA)

Ntsikana´s Bell (Traditional, arr. by Abdullah Ibrahim) , aufgenommen 1973 im Duo mit dem Bassisten Johnny Dyani, von dem Album Good News From Africa (Enja)

Ishmael (Abdullah Ibrahim, der hier Sopransaxofon spielt) , aufgenommen 1976 im Trio mit Cecil McBee (Bass) und Roy Brooks (Schlagzeug), von dem Album Various Artists - The More We Know (Enja)

Saud (Abdullah Ibrahim) , aufgenommen 1979 im Duo mit Johnny Dyani (Bass), von dem Album Echoes From Africa (Enja)

Siya Hamba Namhlanje (Abdullah Ibrahim) , aufgenommen 1983 als Quintett, mit u.a. Carlos Ward (sax) und Johnny Classens Kumalo (Gesang), von dem Album South Africa (Enja)

Mannenberg Revisited (Abdullah Ibrahim) , aufgenommen 1985 als Septett, mit u.a. Carlos Ward (Flöte) und Ben Riley (Schlagzeug), von dem Album Water From An Ancient Well (Enja)

District Six (Abdullah Ibrahim) , Portrait des Bezirks "District Six" in Kapstadt, wo Abdullah Ibrahim aufwuchs, aufgenommen live im Juli 2001, im Trio mit Belden Bullock (Bass) und Sipho Kunene (Schlagzeug), von dem Album African Magic (Enja, 2002)

Blues For A Hip King (Abdullah Ibrahim) , geschrieben von Abdullah Ibrahim für King Sobhuza II von Swaziland, hier im Remix des Soundkollektivs Kinderzimmer Productions, von dem Album re:BRAHIM/Abdullah Ibrahim Remixed (Enja, 2004)

Konzerttermine: 20. März Hamburg, Laeiszhalle
21. März Stuttgart, Theaterhaus
22. März Chicago
24. März Freiburg, Konzerthaus
25. März Burghausen, JazzFest
26. März Frankfurt, Alte Oper
27. März Berlin, Philharmonie