Pop Neues aus der Stadt mit W
Weilheim schlägt wieder zu: Ms. John Soda reist mit einem zuckersüßen Album durch die Lande. Auf „Notes And The Like“ mischen sie Digitales und Analoges auf verblüffende Weise
Die oberbayerische Kleinstadt Weilheim gilt seit einigen Jahren als ein Quell elektronischer Popmusik in Deutschland. Die dort beheimateten Brüder Micha und Markus Acher sind nicht nur der kreative Kern von The Notwist, sondern spielen in etlichen weiteren Bands, zum Beispiel dem Tied + Tickled Trio, Lali Puna, Ms. John Soda. Aus vielen dieser Nebenprojekte sind Hauptbeschäftigungen geworden. Von The Notwist hörte man seit ihrem sehr erfolgreichen Neon Golden aus dem Jahre 2002 nichts mehr, sieht man von ihrer deutsch-amerikanischen Doppelgruppe 13 & God mal ab.
Noch immer wird jede neue Platte aus dem Umfeld von The Notwist in die Weilheim-Schublade gesteckt. So wird der Stadt heute ein ganz bestimmter Klang zugeschrieben. Jede Platte wird als nur eine Variation der vorherigen verstanden, mit anderen Leuten und anderen Texten. Was beim Feststellen der Gemeinsamkeiten aber leicht verloren geht, ist das Erkennen der Unterschiede. Da bringt doch jedes Album etwas Neues in der Kombination herkömmlicher und neuartiger Instrumente.
So auch die neue, zweite Platte von Ms. John Soda, Notes And The Like . Die Keyboarderin von Couch, Stephanie Böhm, rief die Band einst für Meine Welt in Schokolade ins Leben, eine Single, die in der Serie Reihenhausmusik erschien. Seit der ersten Platte No P. Or D. , die 2002 erschien, ist der Bassist und Trompeter Micha Acher festes Mitglied der Band. Klang ihr erstes Album noch stellenweise grob, so ist das zweite zuckersüß geworden.
Böhm und Acher sprechen von der analogen Idee digitaler Musik oder auch umgekehrt. Und in der Tat, natürlicher und codierter Klang vermischen sich bei Ms. John Soda auf unerwartete Weise. Kein Instrument musiziert in einem festgelegten Rahmen, immer wieder tauschen sie ihre Rollen und Aufgaben. Die Basis der meisten Songs bilden repetitive Spuren verschiedener Instrumente, mal elektronisch erzeugt, oft aber auch vom Bass, der Gitarre, einer gezupften Geige oder sogar Stephanie Böhms weicher Stimme. Über die Monotonie wird der Song gezaubert, elektronische Klangfragmente, gesungene Melodien, schmeichelnde Geigen, manchmal mit Schlagzeug, manchmal ohne. Jedes Instrument, jeder Klang wird präzis eingesetzt. Bei Outlined View sind das dann disharmonische Bläser, bei A Million Times träge Geigen, bei No. One ein stampfender Beat, bei Plenty of offenbar eine Blockflöte.
Zwei Stücke ihrer letzten EP While Talking aus dem Jahr 2003 hat die Band wenig originell neu aufgelegt hat, eine Zweitverwertung sozusagen. Die übrigen Lieder allerdings sind recht gelungen. Notes And The Like bewegt sich zwischen Monotonie und Melodie, streift manchmal das Pathos, dann aber auch wieder den Boden der Tatsachen. Mit dem Wort Weilheim allein ist das nicht zu beschreiben.
Hören Sie hier "Hands".
Notes And The Like" von Ms. John Soda ist als CD und LP bei
Morrmusic
erschienen. Dort kann man das ganze Album vorhören. CD und LP sind über
Hausmusik
erhältlich. Von Mitte März an ist die Band zwei Monate lang auf Tour, alle Termine finden sich auf
ihrer Website.
Im Mai erscheint ein Live-Album von Achers Band Tied + Tickled Trio, im Juni das fünfte Album von Stephanie Böhms Band Couch.
- Datum 22.03.2006 - 12:30 Uhr
- Quelle (c) ZEIT online 21.3.2006
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