KHMER-ROUTE (2) Halbtransparente Schweineöhrchen

Eine abenteuerliche Fahrt auf dem Motorrad-Taxi durch Phnom Penh, Kommunikationsprobleme und eine Lunchparty mit Studenten: Susanne Mayer, die in der kambodschanischen Hauptstadt Journalistik unterrichtet, berichtet in der zweiten Folge ihrer Kolumne über die Sorgen und Hoffnungen der Jugend des Landes.

Lunchparty mit Studenten

Lunchparty mit Studenten

Samstag, 18.3.06
Morgens früh fahre ich zur Universität, die am Samstag eigentlich geschlossen hat. Die Journalistik-Studenten möchten ihre ersten Texte besprechen, wann bliebe sonst Zeit in ihrer Fünf-Tage-Woche? „Russian Boulevard!“ Der Motorrad-Taxi-Fahrer grinst zahnlückenhaft und setzt den Helm auf. Eine Lady balanciert im Damensitz, das rechte Bein angewinkelt, der linke Fuß baumelt ein wenig tiefer gehängt, so ruhten schon die Khmer-Könige auf Elefantensänften, wie heute die Kambodschanerin auf ihrem Motorrad. Eine Hand leicht am Sitz, wenn überhaupt.

Es ist das größte 1-$-Vergnügen, das Phnom Penh zu bieten hat. Der Sihanouk Boulevard muss überquert werden, zu diesem Zweck biegt der Fahrer nach links, mäandert frech gegen hupende Motorräder und Geländewagen, fädelt sich endlich auf der anderen Straßenseite ein, nicht ohne nun Fahrzeugen ausweichen, die uns auf unserer eigenen Straßenseite entgegenkommen. Rue de Pasteur, blühende Zweige über goldverschnörkelten Eisenzäunen, wir biegen ab. Auf den Gehwegen haben sich Garküchen eingerichtet, rollbare Theken mit Wok und Blechtöpfen voller Reis und Curries, Tabletts mit frischgrünem Morning Glory, einem schmalblättriger Spinat, Tomatenschnitzel, nach der Zahl der Kunden das klassische Frühstücksangebot. Central Market, von Abgasen schwer gezeichneter, noch safrangelber Beton-Globus. Drumherum ducken sich Buden unter schmutzigen Sonnensegeln, sie verkaufen Orchideen, mannshohe Bäume im präzisen Formschnitt, Palmen. Die Autos, Motorräder, Lastwagen, Rikschas, Busse schieben sich hier auf Tuchfühlung im Kreisverkehr weiter, ein Kotflügel streift mein Bein, heißes sonnendurchglühtes Metall. Monivong Boulevard. Wieso eigentlich Monivong, der Fahrer bremst: „Phnom Penh Hotel!“, ruft er nicht ohne Stolz. Oh No.

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"University of Phnom Penh!" Stadtpläne sind eine Lachnummer für Leute, die nicht lesen können, was etwa auf ein Drittel aller Kambodschaner zutrifft und auf jeden Fall für alle Taxifahrer. "Please!" Wie fleht man auf Khmer? "Airport Road!" Wie simuliert man auf einem Motorrad ein startendes Flugzeug, ohne sich lächerlich zu machen?

Wir kurven jetzt um den alten Bahnhof herum, der hinter einem riesigen und vollkommen leeren Platz ruht und seine Art-Deco-Eleganz in frischem Hellgelb, aber großer Einsamkeit behauptet. Hier drehte der ehemalige ARD-Asien-Korrespondent Jürgen Bertram noch Anfang der neunziger Jahre das Gewimmel kambodschanischer Soldaten, unverbesserlicher Khmer Rouges und vietnamesischer Regierungstruppen, die am Ende des Heimaturlaubs gemeinsam – MGs und Raketenwerfer im Gepäck – die klapprigen Züge enterten, welche sie nach Norden verfrachteten, letzter Halt vor Thailand, wo man ausstieg, sich auseinandersortierte, um gegeneinander für die letzten Kämpfe anzutreten. Wir beschleunigen unter einer doppelten Allee von dunkelgrünen, weit ausladenden Baumschirmen, über uns steht jetzt ein Himmel aus handtellergroßen wachsbleichen Blüten, wir fahren durch eine kilometerlage Avenue von Frangipani-Duft: Russian Boulevard!

Die Journalistik-Studenten haben ihre Portraittexte abgeliefert, kleine Zettel jeden Formats, die mit peniblen winzigen Schriftzeichen bedeckt sind, einige reichen mit cooler Miene Computerausdrucke mit eingescannten Fotos rüber und wollen wissen, wie ich den Khmer Boxer, die kleine Friseurin, das Waisenkind in der Obhut einer klassischen Tanzschule finde. Ich will endlich meine E-Mails und Fotos an die Redaktion abschicken. Das alles klappt, wenig überraschend, so gut wie gar nicht. Am Wochenende schaltet die Universität das Internet ab. Jetzt herumtelefonieren, irgend einen finden, der weiß, wo im Cambodian Center of Information (CCI) an der Royal University of Phnom Penh der Schalter sitzt! Aber telefonieren geht ja auch nicht. Das Büro ist abgeschlossen und mein Handy funktioniert nicht mit der neuen Sim-Karte, seit vier Wochen kann ich nicht telefonieren. Ganz angenehm eigentlich.

Die Dinge brauchen hier ihre Zeit, sie meditieren. Man wird ruhiger. Eilen bringt nichts. Meine Kontakte surren derweil über SMS und die deutsche Karte einmal um die Weltkugel herum, auch wenn es nur um einen Drink am Sisowath Quay geht, zur blauen Stunde von der Terrasse auf den Fluss gucken, wo die alten Holzboote treiben, als sei Graham Greene an Bord. Also das geht.

"Lunchparty!" riefen meine Studenten und winkten mich aus dem Office, in dem die Aircondition sowieso nicht funktionierte: Stromausfall? Die Texte der Studenten jedenfalls waren ein Vergnügen gewesen, auch wenn wir nun die Hälfte beredet hatten, jetzt aber konnte man unter dem breit ausladenden Baum, der den Plattenweg zum CCI beschattet, eine gelborange gemusterte Strohmatte sehen. Drumherum standen Schuhe. Darauf hockte der gesamte 2. Jahrgang des Studiengangs Journalistik der Royal University Phnom Penh, wie man nur außerhalb Europas hocken kann, ohne lebenswichtige Versorgungsleitungen abzuklemmen, und sortierte zusammengeknotete Plastiktüten, die man vom Markt mitgebracht hatte, und noch immer trafen weitere Mopeds mit weiteren Tüten ein.

Faustgroße Bollen von sticky rice . Marinierte Gurkenscheiben, Zwiebeln, Tomaten. Riesige schwarz gegrillte Fische auf Plastiktellern, knusprig braun gegrillte Mini-Fische auf Holzspießen. Salat aus grüner Papaya, scharf gewürzt mit Chili. Halbtransparente Schweineöhrchen, geschreddert. Moosgrüne Fischpastetenomeletts. Heang und Sokunthy schnitzelte Wassermelonen zu roten Dreiecken, Theary verarbeitete Mangos zu handlichen Spalten, dazu wurden Pfeffersträusel angerichtet, die Jungs schleppten eine orangefarbene Plastiktruhe heran und kippten aus Nylonsäcken große Kloben Eis rein, darauf kamen Flaschen mit Wasser, Dosen mit Coke und Fanta.

Man fuhr mit spitzen Holzstöckchen in die Essensberge und bediente sich. Daumengroße Muscheln wurden dagegen mit Nägeln und Zähnen geöffnet, "not for you!" rief Chhor Yi warnend. Flussmuscheln sind klein und braun und mit roter Chili-Marinade überzogen und der Inbegriff kambodschanischer Delikatesse, sie werden von wagengroßen Holztabletts verkauft, die man auf Rädern durch die Straßen schiebt und schon morgens um Sechs mit einem Singsang anpreist, der offensichtlich als städtischer Weckruf funktioniert, "if expatriots come back from California, it’s for this", lacht Chhor Yi.

Sie isst heute Muscheln, als gäbe es nichts anderes. Nächste Woche fährt Chhor Yi nach Korea, ein Studentenaustausch, in einem Jahr erst wird sie zurück sein. Dies ist ihr Farewell Lunch, ein Geschenk der Freunde. Chhor Yi ist 22 Jahre, wie fast alle ihres Jahrgangs außer Theary, die 23 ist, "they call me old face!" ruft sie in gespielter Empörung. Chhor Yi, die zu Hause auf dem Land eine von acht Geschwistern war und alleine in die Stadt gezogen ist und jetzt also weiter reist, ist nicht die einzige hier im Transit. Sivon fährt nächste Woche nach Bangkok, um ihr Visum für Kalifornien abzuklären, geplante Abreise der Familie: Anfang April, auf Einladung ihres Onkels, der seit dem Krieg in Amerika wohnt. Sie liebe ihr Land, sagt Sivon, sie wolle auf jeden Fall zurückkommen, sagt sie, irgendwann, nach dem Studium. Wenn das mal wahr wird.

Welche Chancen haben Chhor Yi und Sivon in Kambodscha? Das Land hat sich vorgenommen, vielleicht 2020, in 15 Jahren, von der Liste der am wenigsten entwickelten Länder aufzusteigen. Heute hat es noch ein nationales Bruttoeinkommen von 320 Dollar pro Kopf und Jahr, etwa ein Achtel von dem Thailands. Um die schmähliche Liste zu verlassen, muss das Einkommen verdreifacht werden. Kambodscha möge seine Jugend in einen ökonomischen Aufschwung mit einbeziehen, hatte Anwarul Karim Chowdhury, stellvertretender Generalsekretär der Vereinten Nationen, erst letzte Woche gemahnt – und nicht vergessen zu erwähnen, dass die Gelder, die aus dem Exil in die Heimat fließen, die Entwicklungshilfe um ein vielfaches übersteigen. Erst Ende des letzten Jahres jedenfalls sind schon zwei der Studentinnen dieses Jahrgangs nach Amerika abgereist, eine nach China. Dafür treffen am Russian Boulevard alle Tage neue Leute aus aller Welt ein.

Universitäts-Campus

Universitäts-Campus

Erst gestern hat der Universitätspräsident, His Excellency Professor Lav Chhiv Eav, bei einer kleinen Feier am CCI die beiden deutschen Dozentinnen Isabel Rodde und Eva Rhode begrüßt, sie werden Broadcasting und Presse-Ethik unterrichten, Gehalt vom Deutschen Entwicklungsdienst. Die Konrad Adenauer Stiftung, der DAAD, die Weltbank zeigt sich willig, ein neues Radiolabor einzurichten, wer engagiert sich nicht? Erst letzte Woche wurde eine Kooperation mit der Universität Hamburg unterzeichnet. DIE ZEIT entsendet pro Jahr zwei Mal Redakteure an die kleine Schule für Intensivkurse in "Feature Writing" oder "Getting in Form – journalistische Gestaltung".

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