„Es könnte sein, dass es Applaus gibt, wenn die Band auftritt.“ Regisseur Holger Müller-Brandes bereitet seinen musikalischen Leiter auf die Unwägbarkeiten eines Premierenabends vor. „Für diesen Fall möchte ich Pit bitten, sich kurz zu verbeugen – oder die Situation jedenfalls irgendwie zu lösen.“ Pit Przygodda nickt artig und schlägt vor, zum Dank für eventuelle Ovationen eine Ladung Bier in die Menge zu spritzen. Die letzten Proben vor der Premiere© Christian Bartsch BILD

Die Uraufführung von Erdöl steht kurz bevor, und der Regisseur zeigt sich im Ganzen zufrieden – zum Beispiel damit, dass man die gesungenen Texte versteht, auch wenn sie von einer lauten Band begleitet werden. Seit einigen Tagen ist die Musikgruppe komplett: Neben Przygoddas Konzertflügel stehen nun Schlagzeug, Gitarre, Bass und ein paar große Verstärker.

Auf dieser vorletzten Probe wird an Details gearbeitet. In den Eröffnungssong hat sich für Müller-Brandes Empfinden zuviel „kritischer Chanson“ geschlichen. „Es darf ruhig etwas mehr Schlager-Frivolität sein“, schlägt er der Schauspielerin Christine Jensen vor. Bariton Wolfgang Kramer fordert er auf, während einer Sprechpassage näher an das Mikrofon zu treten. Dem Einwand, dass dadurch die „P“- und „S“-Laute überbetont würden, entgegnet Müller-Brandes: „Dann brauchen wir eben einen Pop-Schutz.“ Er meint einen dämpfenden Mikrofonbezug, keine Sicherung vor populären Musikformen. Vorlage für die Bühnenfassung des Musiktheaterstückes "Erdöl" ist Pier Paolo Pasolinis Romanfragment© Christian Bartsch BILD

Mancher Übergang hakt noch ein bisschen, doch die Metamorphosen, die das Stück durchläuft, funktionieren: von der flüssigen Revue im ersten Akt über eine atmosphärische Verdichtung im zweiten bis hin zum akustischen Vakuum in der Schlussszene. Den Wechsel der Aggregatzustände verkörpert Polis, die halb barock, halb futuristisch wirkt. Müller-Brandes bittet die Mezzosopranistin Daniela Strothmann, die Figur „so stilisiert wie möglich“ zu spielen.

Dieser Wunsch gilt für das gesamte Bühnenstück. Auch wenn die literarische Vorlage ein Sittenbild mit realistischen Bezügen zeichnet, soll dieses Musik- und Textexperiment für das Publikum ein unwirkliches Zwischenreich erstehen lassen. Die politisch und sexuell explizitesten Stellen aus Pasolinis Romanfragment kommen auf der Bühne vor – als Andeutungen, die das System Oper strapazieren und ihm doch im Kern verbunden bleiben. Am Sonnabend wird sich zeigen, ob es das Publikum auch so empfindet.

Wer zur Premiere oder einer der folgenden Aufführungen will, findet nähere Informationen hier.