Pop in der Oper Ohne Hose auf die Bühne

Unser Probentagebuch, letzte Folge: Wie die Premiere von „Erdöl“ an der Opera Stabile in Hamburg war – was die Kritiker schreiben und wie der Komponist das findet

Es ist Premierenabend. Das Publikum sitzt dichtgedrängt um die Musiker, da leidet der Klang. Im ersten Akt verschwinden die musikalischen Feinheiten zwischen den Reihen aus Papphockern. Als im zweiten Akt die dämonische Nacht hereinbricht, schlucken die Zuschauer nicht nur den Schall, sondern auch die verbalen Ausschweifungen Pasolinis.

Der triebhafte Teil des gespaltenen Protagonisten trifft sich mit bestellten Freiern zu einer Orgie. Endlose Minuten lang hagelt es über die Lautsprecher obszöne Detailbeschreibungen, schließlich lassen die Statisten nacheinander die Hosen herunter. Das Publikum bleibt gelassen, und als das Licht wieder angeht, sieht man nur wenig empörte Gesichter, nicht mehr als bei anderen Opernpremieren. Es gibt Applaus – und anderntags raschelt es im Blätterwald.

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Schon vor der Uraufführung hatte Bild ein Foto der Orgienszene gedruckt und in großen Lettern gefragt: „Wie nackt darf Theater sein?“ Nun spricht Bild- Kritiker Roland Keitsch von einer „Premiere für Mutige“. „Man sitzt auf Kartons und hat die 4-Mann-Band direkt vor der Nase. [...] Man hört: brutale Texte über schwulen Sex. Aber auch sanfte Melodien mit großartigen Opernstimmen (‚Amore’). Man sieht: hübsche Jungs ohne Hose.“

Positiv fällt seine Kritik aber nicht nur wegen der vielen unbekleideten Statisten aus: „Nach 80 Minuten regnet’s echte 5-Euro-Scheine“ – ein Regieeinfall, der für erhebliche Bewegung sorgt. Zur Musik schweigt sich die Zeitung aus, empfiehlt aber den Besuch des Stückes.

Auch im wortgewaltigen Verriss der Welt ist über Pit Przygoddas Kompositionen nicht viel zu erfahren. Von „wohlfeilen Schlagern der 60er und 70er Jahre“ und „Clubatmosphäre“ ist die Rede. Der Regie bescheinigt die Rezension einen „konzeptlosen Retroblick“. Der Abend sei „unfertig, ungefähr und spätestens nach einer halben Stunde ermüdend“ gewesen. „Das heißt doch, dass er die erste halbe Stunde ganz gut fand, oder?“, deutet Przygodda die Kritik auf telefonische Nachfrage.

Das Hamburger Abendblatt spricht von einem „Gesamtkunstwerk aus Lesen, Videoflimmern, suggestiven Musikteppichen, Versatzstücken aus Schlager und Oper“. Im Fokus der Kritik stehen die Textvorlage und abermals die Regie. Das Stück wirke „trotz einiger heftiger Szenen eher wie ein zahmes Schauermärchen von rührendem Aufklärungsdrang“.

Den politischen Anteil von Erdöl beurteilt Sören Ingwersen in der Hamburger Morgenpost positiver. Das Stück sei eine „linke Gesellschaftsanalyse im Unterhaltungsstil“. In dieser Rezension ist auch mehr als nur ein Halbsatz über die Musik zu lesen: „Unter der Discokugel in der Mitte begleitet die Band die Sänger mit schlichtem Akkordsatz. Die Musik von Pit Przygodda ist subtil verfremdeter Pop, Schlager mit Stolpersteinen, keck posierendes Chanson.“ Im Kontrast dazu stehe „die opernhafte Artikulation der Sänger.“

Zwar findet auch Ingwersen manche Detailschilderung „etwas ermüdend. Doch durch die bewegte Choreografie mit fünf hervorragenden Sängern [...] bleibt die Aufmerksamkeit gespannt“. Die Rezension resümiert fast euphorisch: „Eine vom Staub befreite Ideologiekritik zwischen Porno und Pipeline, die mit einem betäubenden Gesangs-Inferno endet.“

Ein geteiltes Echo war zu erwarten. Auffällig ist, dass sich keine der Rezensionen an der unüblichen Musik abarbeitet. So lässt sich schlicht festhalten: Erdöl ist eine moderne Inszenierung, welche die Kulturgeschichte des Bühnenskandals gelassen fortschreibt – einmal nicht von Dissonanzen begleitet, sondern von schwelgerischen Songs.

Weitere Aufführungen: 21., 22., 24., 25. März, jeweils 20 Uhr, Karten 12 bis 18 €, Tel. 35 68 68

 
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    • Quelle ZEIT online 21.3.2006
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    • Schlagworte Musik | Stuttgart | Donaueschingen
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