SAP Angst um die heile Welt
In Deutschlands berühmtestem Software-Konzern wird ein Betriebsrat gewählt. Legt die IG Metall eine innovative Kultur in Ketten?
Es klingt, als werde eine Entscheidungsschlacht geschlagen zwischen der Gewerkschaftsbürokratie und einem innovativen Unternehmen. Da ist die Angst davor, dass Betonköpfe der IG Metall SAP übernehmen. Dass in Walldorf bald schon die Stechuhr regiert. Dass die Drohung des Unternehmensgründers Dietmar Hopp wahr werden könnte und der Softwarekonzern seinen Sitz ins Ausland verlegt. Und alles nur, weil drei Mitarbeiter eine Betriebsratswahl organisieren wollten. Die erste zwar im drittgrößten Softwarekonzern der Welt. Aber in Deutschlands Unternehmenswelt doch ein überaus gewöhnlicher Vorgang.
Was für eine Schlacht wird da geschlagen, innerhalb der Belegschaften der SAP-Standorte in Walldorf und St. Leon-Rot, zwischen der IG-Metall-Bezirksleitung in Heidelberg, dem Mannheimer Arbeitsgericht, dem Gewerkschaftsvorstand in Frankfurt am Main und dem Patriarchen Hopp?
1972 gegründet, ist SAP zu einem global agierenden Konzern gewachsen, der im Dax und an der Wallstreet notiert ist. Als einer der wenigen IT-Firmen ist es dem Konzern dabei gelungen, die Krise der New Economy weitgehend unbeschadet zu überstehen. Heute beschäftigt SAP 32.000 Mitarbeiter, 9000 von ihnen in Walldorf und St. Leon-Rot. Die werden überdurchschnittlich gut bezahlt. Wer bauen will, bekommt vom Unternehmen ein zinsloses Darlehen und im Krankheitsfall zahlt SAP den Lohn ein Jahr lang weiter. Nun will der Konzern seinen Standort in Walldorf um weitere 3000 Büroplätze erweitern.
Einen Betriebsrat allerdings gab es bei SAP bislang nicht. Stattdessen bilden die acht Pflichtmitglieder der Belegschaft im Aufsichtsrat eine Arbeitnehmervertretung, der einige Mitspracherechte von der Unternehmensleitung vertraglich zugesichert sind. Wenige und auf unsicherer Basis, sagt die Gewerkschaft. Genug, um die Wünsche der Mitarbeiter wirksam vertreten zu können, heißt es aus dem Konzern.
Seinen Ruhm bezieht SAP aus dem Erfolg. Und aus einer besonderen Firmenphilosophie. Die Hierarchien werden flach gehalten, zwischen den Abteilungen herrschen Offenheit und Durchlässigkeit. Von den Mitarbeitern fordert das Unternehmen viel Eigenverantwortung. Dafür genießen sie eine Menge Freiheiten. Beispielsweise dürfen sie ihre Arbeitszeiten selbst organisieren. Wer abends besser denken kann als vormittags, kommt eben erst spät ins Büro. Der alt gewordene New-Economy-Spruch vom Unternehmer im Unternehmen gelte hier noch, sagt ein SAP-Sprecher. Noch immer herrsche eine Art Gründermentalität vor; die Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen sei ungewöhnlich groß.
So groß wie die Angst, daran könnte sich etwas ändern. Darauf deutet die Aufregung hin, die vor knapp drei Monaten aufkam. Damals entschlossen sich jene drei Mitarbeiter, die Wahl eines Betriebsrats zu betreiben. So etwas war trotz einiger Versuche in den vergangenen Jahren noch nie gelungen. In entsprechenden Abstimmungen stellte sich die Belegschaft immer dagegen. Diesmal auch. Auf einer Betriebsversammlung stimmten nur neun Prozent dafür, einen Wahlvorstand zu bilden.
- Datum 22.02.2006 - 12:30 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT online, 16.3.2006
- Kommentare 5
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Seltsam ist, daß dem Autor des Artikels nicht in den Sinn kam, die Zurückhaltung der Gewerkschaft als möglicherweise taktisches Manöver zu diskutieren.
die FAQ auf der angegebenen Seite der IGM ist kein Internet Forum.
Die Beiträge sind umgekehrt zeitlich aufgelistet, so dass die Behauptung, die Beiträge würden in letzter Zeit weniger kontrovers sondern sich eher mit sachlichen Fragen zu Aufgaben eines Betriebsrates befassen schlicht falsch ist.
Das Gegenteil ist der Fall.
Korrektur?
Es ist völlig normal, vor allem in D-Land, dass eine Hand voll Rechthaber bestimmen, wie es der Mehrheit besser geht. SAP ist zu beglückwünschen zu seiner großen Vergangenheit - und zu bedauern dafür, dass die mit dem Betriebsrat nun auch Geschichte wird.
Im Artikel "Angst um die heile Welt" wird die Rolle der IG Metall doch etwas weich gezeichnet. Die negative Stimmung gegenüber der Betriebsratsoffensive kam zu einem guten Anteil dadurch Zusatnde, daß die IG Metall bereits eine SAP Seite eröffnet hatte, bevor überhaupt zur Betriebsversammlung eingeladen worden wahr.
Auf dieser Seite wimmelt es nur so von Polemik, Klassenkampfparolen bis hin zu beleidigenden Formulierungen. Die Möglichkeit Fragen zu Stellen wurde von IG Metallseite dazu genutzt, mit Parolen und Propaganda zu "antworten". Antworten in Form von Fakten gab es nicht.
Meiner Ansicht nach war die Stimmung gegen die BR Wahl überwiegend wegen dieser Webseite so aufgebracht, lange bevor Herr Hopp oder Mitglieder der Firmenleitung überhaupt eine Aussage getätigt hatten.
Es ist die IG Metall, die unseren drei Kollegen einen echten Bärendienst erwiesen hat mit dieser vorschnellen und qualitativ schlechten Webseite.
Jeder politisch und gewerkschaftlich unabhängige Mensch kann sich ja mal einen eigenen Eindruck verschaffen auf: www.sapler.igm.de Insbesondere die FAQ Ecke und die "Qualität" der Antworten sprechen für sich selbst und erübrigen jeden Kommentar.
Es geht der IGM einfach ums Prinzip. Die SAP hat ebne einen BR zu haben, weil alle anderen DAX Unternehmen auch einen haben. Argumente waren Mangelware in der Diskussion. Was ein BR an der Vorhandenen Vertretung verbessern soll blieb auch völlig offen.
Zuerst muss man mal sagen, dass das "IGM Forum" auf www.sapler.igm.de nur Artikel und Texte beinhaltet, die von der IGM ausgewählt werden, also keineswegs alle Wortmeldungen, Fragen und Kritiken der SAP Mitarbeiter von der IGM dort reingestellt werden. Damit haben wir hier eine eindeutig subjektive, "IGM-dienliche" Auswahl an Anfragen und damit auch den Ton im Internetforum.
Die Frage, warum im Artikel (http://www.sap.igm.de/faq...) mehrere Tage folgendes und dann ohne Angabe von Gründen entferntes Zitat stand:
"Die IG Metall ist kein Jobkiller und war nie einer. Ein Mitarbeiter einer Firma, die Rationalisierungssoftware herstellt, sollte einer Gewerkschaft keine falschen Motive unterstellen."
wurde nie beantwortet. Man lasse sich das auf der Zunge zergehen: hier hält eine die Mitarbeiter umwerbende Gewerkschaft genau diesen Mitarbeitern vor, dass das Ergebnis ihrer Arbeit Arbeitsplätze vernichtet. Analog kann man behaupten, das tut auch DaimlerChrysler, weil imemrhin stellen die LKWs her, die ein vielfaches der Lasten tragen können, als die einzelnen Mitarbeiter.
Ebenso wurden dort (zwischenzeitlich wieder gelöschte) Artikel publiziert (z.B. "Die Würde des Menschen ist unantastbar" http://www.sap.igm.de/new...), die zwat nicht aussprechen aber implizieren, dass bei SAP die gundlegensten Rechte den Mitarbeitern verwehrt werden.
Nun werden sogar Betriebsräte von anderen deutschen Unternehmen mobilisiert, um gegen die Ablehnung der SAP Mitarbeiter Stimmung zu machen. Dabei wird auch der Betriebsrat von DaimlerChrysler zitiert, auf dessen Unternehmen aber auch Schlaglichter auf die Kämpfe zwischen IGM-Betriebsräten untereinander fallen (hier der Artikel):
BETRIEBSRATSWAHLEN BEI DAIMLER-CHRYSLER
IG Metall-Mitglieder gegen IG Metall-Mitglieder - "Verräter" und "Vulgär-Marxisten" proben den Aufstand
http://www.freitag.de/200...
Dieser Ton und diese Einstellung lassen in den SAP Mitarbeitern zu Recht die Befürchtung hochkommen, dass ein von der IGM solchermassen durchgesetzte Betriebsrat die Arbeitskultur in ihrer Firma zerstört. Wenn die IGM den Stil eines Betriebsrates repräsentiert, dann Gnade den SAP'lern.
Diesen Artikeln nach zu urteilen geht es der IGM überhaupt nicht um das Recht und Wohl der SAP Mitarbeiter, sondern um Macht und Pfründe, die man seit Jahren in anderen Industriezweigen verliert.
Es wäre auch einem "Die Zeit"-Redakteur angeraten, sich nicht nur auf Propaganda-Seiten der IGM zu verlassen, sondern mit Mitarbeitern der SAP zu sprechen und deren Sichtweise kennen zu lernen.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren