Spiesser Rücken frei für den Gatten

Deutsche Spießer, deutsche Frauen, alte Lieder - Warum Spießigkeit nicht nur in der Männerwelt zu finden ist. Und was ist mit Emanzen?

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Ein Spießer ist ein Mann. Dazu braucht man keine langwierige historische Begründung, das stellt man beim Googlen fest: „Spießerin“ und „spießige Frau“ erzielen 900 Treffer, während „Spießer“ mit 1.310.000 Hits ähnlich stark im Gebrauch ist wie „Marxismus“ (1.360.000), um ein vergleichbar altmodisches Wort zu bemühen. Es drängt sich die Frage auf: Können, wollen oder dürfen Frauen keine Spießer sein?

Der Prototyp des bundesdeutschen Spießers, der noch heute die Fantasie beflügelt oder lähmt - je nach Standpunkt - lebte in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Nach dem Dritten Reich und dem verlorenen Krieg versuchte eine ganze Generation mit braven Gesprächen, Filmen, Büchern, mit Knigge , Tanztee und Treuglauben das Grauen aus diesem Land auszutreiben und vergaß darüber die Leichen der Spießgesellen, die sie im Keller hatte. Genau damit schafften sie ein Wirtschaftswunder, mauerten einen bescheidenen Staat und eroberten deutsche Werte und Ansehen zurück.

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Doch wurden die Fünfziger nicht flächendeckend beherrscht von adretten Hausfrauen, die mit Meister Proper und Persil alles sauber wuschen? Das stimmt. Aber es wäre eine Verkennung, sie Spießer zu nennen. Sie reinigten und hielten die Gesetze der Spießer ein. Sie waren Spießerfrauen oder spießige Frauen oder die besseren Hälften von Spießern. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Denn es war doch so: Eben noch hatte ein entsetzlicher Krieg gewütet, kaum ein Mann weit und breit, dafür unzählige Frauen in den zerbombten Städten, die die Trümmer beiseite räumten, sich selbst und ihre Kinder mit kreativen ökonomischen Ideen durch die Kriegswinter brachten. Dann kam die Kapitulation, mit ihr kamen die Männer zurück - und mit ihnen die alte Normalität. Die Frauen gaben ihre aufkeimende Gleichheit auf, das war der Preis, den die Frauen für das Wirtschaftswunder zahlten. Scharenweise wurden sie wieder zu Frauen von Männern.

Doch selbst wenn die Frauen dieser Generation das reflektiert hätten, sie hätten sich kaum unter die 68er-Demonstranten mischen können. Dafür waren sie nicht nur zu sehr in den Komplex aus Schuld und verdrängter Verantwortung verstrickt, sondern auch hier brüllte wieder nur Mann gegen Mann: der Neo-Anti-Spießer gegen den Verdrängungsspießer.

Viele Frauen mussten Ende der Sechziger erstmal durch viele Betten gehen, ehe sie begriffen, was los war. Der Revolutionär prahlte: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“, nuschelte Zustimmung zur Gleichberechtigung und wollte freie Liebe. Die Spezies des lockeren Weibes gab es immer. Doch innerhalb der alten Ordnung ging es korrekt zu: Die Freudenmädchen mussten bezahlt werden. Es sei denn, es war ein „leichtes Mädchen“ – die zu allen Zeiten gefürchtete andere und größte Versuchung des braven Mannes.

Was in den Kommunen um 1968 fiel, war die Verpflichtung zur Bezahlung. Brauchbare Modelle zur Teilung von Freiheit und Verantwortung entwickelten sich nicht. Feministinnen erkannten das bald, ließen sich die Körperhaare wachsen und zogen lila Latzhosen an. Sie waren weder brav noch schön, weder gezügelt noch wild, sondern redeten unaufgefordert und lebten oft ganz männerfrei. Dafür wurden sie von Spießern wie Anti-Spießern und Spießerfrauen gleichermaßen gehasst. Die Fronten verhärteten sich und den Spießern aller Couleur stand plötzlich ein weibliches Pendant gegenüber: die Emanze.

Sie kämpfte - oft pedantisch - für die Gleichheit der Frau. Ihr verdanken Frauen heute, dass nicht nur weibliche Promiskuität die sechziger Jahre überdauert hat. Die Emanzen initiierten die Politisierung von Frauen ebenso wie eine differenzierte Forschung zur Bedeutung des Geschlechts in allen Gegenden dieser Welt. Nach einer kurzen Phase des Differenzfeminismus, in der einige ihre Weiblichkeit an sich und in sich suchten (siebziger Jahre), angesichts des Spießerrevivals in der Kohl-Ära (achtziger Jahre) betrieben intellektuelle Frauen Genderstudies , wurden politisch pragmatisch und fanden tatsächlich Freiräume in der deutschen Gesellschaft (neunziger Jahre).

Und nun also wieder Spießer ! Die neue Bürgerlichkeit wird beschworen, Teile einer desorientierten und verunsicherten deutschen Jugend meinen, durch Regeln der Wohlanständigkeit sicherer und glücklicher werden zu können. Was, wenn der Hype tatsächlich ein neues deutsches Spießer-Ich auslöst und nicht damit versandet, dass sich eine Handvoll Schreiber selbstironisch als Trendspießer outet? Dann haben wir den Salat. Dann wird mit dem pedantischen Verantwortungsspießer auch sie wieder flächendeckend erwachen: Die deutsche Spießerfrau, die wohlerzogen ihrem Gatten den Rücken frei hält.

Altmodische Geplänkel über Gleichheit oder Ungleichheit sind nicht mehr angesagt. Eine Bekannte erzählte mir, dass es – unter uns – doch ganz romantisch sei, den Namen des Mannes bei der Heirat anzunehmen. Die Namensverhältnisse in meiner Familie erkläre ich nicht mehr, seitdem einige junge Damen partout nicht verstehen wollten, was denn an einem Namen wichtig ist. Wohl forderten sie unbefangen, dass eine Familie einen Namen haben muss. „Genau. Den der Mutter“, entgegnete ich erschöpft. Da kicherten sie artig und sagten, es sei doch wirklich egal, wie die Kinder hießen. Meine Frage: „Wie heißen die Kleinen denn?“ blieb rhetorisch. Jemand sagte noch: „Der Einfachheit halber.“

Doch der Einfachheit halber ein Projekt wieder aufzulegen, das Frauen zuvorderst als Wesen mit Versorgungsanspruch und gutem Benimm ansieht, ist meines nicht. Auch dann nicht, wenn die Spießerfrauen in spe sich bis zur Ehe selbst versorgen, wenn sie, nachdem sie zu 98,4 Prozent die Elternzeit genommen haben, wieder in Teilzeit arbeiten und gelegentlich alleine mit ihren Freundinnen einen drauf machen.

Da hole ich lieber das Projekt Emanze aus der Mottenkiste. Das Wort ist so hochgradig kontaminiert und verpönt, dass Trendwert drin liegen könnte.

 
Leser-Kommentare
    • gebenh
    • 17.03.2006 um 20:18 Uhr

    Ich habe da eine Adresse von einem guten Therapeuten für die Autorin.

  1. warum hängen sich hier alle an den Namen auf? Da sollte doch jede Familie nach ihrer Fasson selig werden.

    Ich bin 39 Jahre alt und eine Frau. Die Errungenschaften der Feministinnen und Emanzen durfte ich also schon voll auskosten.
    Aber als ich 20 war, wusste ich das noch nicht zu schätzen. Ich war jung, ungebunden, frei, berufstätig und sorglos. Ich war nur froh, in D geboren zu sein und nicht in Indien oder China z.B. Mir war bewusst, dass Mädchen dort nichts galten.

    Dass Frauen hierzuland nachwievor benachteiligt sind, fiel mir erst im Laufe der Jahre auf und besonders, seit ich selbst Kinder bekommen habe.

    bin ich spießig, wenn ich ein nacktes Spiegel-Titelbild ätzend finde?
    bin ich spießig, wenn ich die nach wie vor unterschiedlichen Gehaltsstrukturen zwischen Männern und Frauen beklage?
    bin ich eine blöde Emanze, wenn mich die ungleiche Behandlung durch Arbeitgeber stört?
    bin ich eine rückwärts gewandte Feministin, wenn ich Werbung mit "Familienmanagerinnen" höchst ärgerlich und gefährlich finde?

    Je älter ich werde und je mehr ich diese gesellschaftlichen Zusammenhänge sehe und selbst erfahre, desto dringender finde ich die Debatte um Frauenbewegung etc. Da kommt ein Puzzleteilchen zum anderen im Laufe der Jahre.

    Dass "junge Gören" (wie hier einer schrieb) das noch nicht so sehen, verstehe ich allerdings.

    Dass Männer das in der Regel nicht sehen können/wollen, ist kein Wunder, oder?

  2. Meiner Meinung nach, trifft der Artikel den Nagel ziemlich auf den Kopf. Immer mehr Frauen lassen ihre Ideale beim Eintritt in die Ehe außen vor, allerdings finde ich, dass der Name der gemeinsamen Kinder nicht unbedingt eine passende Begründung für die Spießigkeit der weiblichen Bevölkerung ist.

    • safavi
    • 18.03.2006 um 14:54 Uhr
    4. \N

    Ich hoffe mal, diese Pseudo-Historie findet keinen Platz in Geschichtsbüchern.
    Ich kenne genug Frauen, die Spießer genannt werden, und nein, sie werden nicht Spießerin genannt. Und was hat bitte freie Liebe mit der Unterdrückung der Frau zu tun? Das Wort frei impliziert die Freiwilligkeit, und ob jemand mit vielen verschiedenen gleichzeitig oder nur mit einem oder keinem ins Bett will, sei jedem Menschen selbst überlassen.
    Ich mag meinen Nachnamen, aber wenn(!) ich mal heirate kann ich auch den Namen der Frau übernehmen.
    Wenn eine Frau ihren Namen nicht behalten will oder braucht, liegt das an ihr und nicht an ihm (gleichberechtigt sind sie ja).
    Kurz gesagt: Dieser Artikel hat mit Gender Studies einen Dreck gemeinsam, pseudowissenschaftlicher Quatsch

    • darum
    • 17.03.2006 um 17:28 Uhr

    Stell Dir vor, es ist Krieg der Geschlechter, und keiner geht hin.

    Dass so manche junge Göre aber auch einfach macht, was sie für sich selbst für das Beste hält, statt sich in tiefer Dankbarkeit und Demut vor den altvordern - und (ehrlich!) damals unverzichtbaren - Feministinnen zu verbeugen und treu das antimännliche Erbe fortzuführen.

    Ich werde den Verdacht nicht los, dass die Frauenrechtlerinnen der ersten Stunden heute fast enttäuscht sind darüber, dass sie Erfolg hatten. Denn es ist nichts anderes als die praktische Nutzung der gewonnenen Freiheit, wenn zumindest Teile der jungen Frauen es attraktiv finden, nicht 80% ihrer Tageszeit mit dem ewig selben, langweiligen Job zu verbringen, sondern sich ihre Aufgaben und Lebensschwerpunkte geschickt aufteilen. (Übrigens: Politischen Einfluß kann man auch ohne berufliche 'Karriere' ausüben.)

    Es wäre vielmehr inzwischen ein Wunder, wenn die zahlenmäßige Minderheit der nachweislich kommunikativ und sozial inkompetenteren Männer eine Mehrheit von nachweislich intelligenteren Frauen so manipulieren könnte, dass diese in einer offenen Mediendemokratie wie der unseren nach der chauvinistischen Pfeife tanzten.

    • kurtvw
    • 17.03.2006 um 14:42 Uhr

    ich dachte du bist eine Zeitung mit geistigem Niveau, das über der Achillesverse liegt. Bei einem solchen Mist kommt man in ernsthafte Überlegungen, die ZEIT aus seiner Lektüre zu verbannen.

  3. 7. Gut

    Hallo Frau Vorkoeper,

    vielen Dank für Ihren Artikel. Erst vor kurzem hatte ich Mühe, meine Eltern davon zu überzeugen, dass Gleichberechtigung bei Frauen meiner Altersgruppe (unter 30) weniger zählt als wohl bei der Generation davor. Und dass man sich schnell an den Rand gedrängt fühlt, sobald man darauf dringt (auch einige Kommentare zu diesem Artikel deuten ja darauf hin).

    Ich bin froh, dass ich offenbar nicht die Einzige bin, die diesen Eindruck hat. Ich finde es traurig, dass ich mich immer wieder dafür verteidigen muss, dass ich an meinem (anstrengenden und zeitraubendem) Beruf, der Möglichkeit, dort genau meine Fähigkeiten einzusetzen, dem damit verbundenen gesellschaftlichen Einfluss und meiner wirtschaftlichen Unabhängigkeit sehr hänge. Ich schrecke davor zurück, sie einseitig einem Partner und einem "Familienideal" zu opfern, solange der Andere nicht bereit ist, genau das Gleiche zu tun. Mein fachliches Wissen und meine Erfahrung bedeuten mir inzwischen mehr als mein Aussehen, meine Attraktivität und vergleichbare Dinge, die man angeblich braucht, um einen Mann halten zu können.

    Es ist vielleicht tatsächlich nicht das Schlechteste, Emanze zu sein - auch wenn es weh tut, wenn man sich dadurch ausgrenzt.

    Viele Grüße,

    Daisy

    • darum
    • 22.03.2006 um 13:53 Uhr

    @brotundbutter: 'Dass Männer das in der Regel nicht sehen können/wollen, ist kein Wunder, oder?' Danke! Ich bin, auch wenn ich auf den Artikel selbst zunächst mal stilgleich und damit provokant reagiert habe, in vielen Dingen Ihrer Meinung.

    Wenn die langbeinige Blondine durch die Waschmittelwerbung schwebt um 'ihren' strahlend weißen, mit Lineal einsortierten Wäscheschrank zu präsentieren, bekomme ich das Grausen. Auch die junge Dame, die, mit einer Tasse Seppels-Dröhnung-light in der Hand, schwungvoll ihr drei Millionen Dollar Loft verläßt, ist sicher kein geeignetes Leitbild. Ganz schlimm: Vor ein paar Jahren noch rutschen mehrere Vorzeigehausfrauen nebeneinander mit Ihre pastellfarbenen Röckchen über den selbstgewischten Boden und streckten danach ihr Hinterteil in die Kamera, damit der Zuschauer die (nur bei einer nicht) vorhandenen Rückstände begutachten konnte - Horror!!!

    Tragisch finde ich an dieser Stelle, dass ausgerechnet in der Werbung besonders viele Frauen - auch in leitender Funktion - arbeiten.

    Also, auch ich als Mann bin nicht blind. Aber Differenzierung und Fairness ist inzwischen auf beiden Seiten gefragt. Ich bin in einem EMMA-dominierten sozialen Umfeld groß geworden. Den verächtlichen Satz 'Da hilft nur noch Schwanz ab!' habe ich das erste mal von einer Freundin meiner Mutter gehört, da war ich noch nicht in der Schule. Glauben Sie mir, für einen kleinen Jungen entwickeln sich da Vorstellungen, die auch heute, über 30 Jahre später, noch nachwirken.

    Zu den Namen: Ich kann hier damit angeben, dass ich einen Doppelnamen trage, weil meiner Frau der ihre offensichtlich wichtiger war als mir der meine. Ist durchaus ein Thema. [Puh, Schwein gehabt, doch noch einen Beweis meines Anti-Machismo gefunden ;-)]

    Zum Schluss noch kurz zum leidigen Geld: Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen bei der Bezahlung sind meines Wissens inzwischen marginal. Die schockierend hohen Zahlen sind nicht bereinigt nach Berufssparte, nach Überstunden, Betriebszugehörigkeit etc. Wäre mal interessant, wenn die Zeit dazu was objektives recherchiert. Und dass die Oma von Summ trotz dreier Kinder nur 150€ Rente kassiert, klingt sehr ungerecht, wird aber dadurch ausgeglichen, dass ihr Opa natürlich unterhaltspflichtig ist (Zugewinngemeinschaft). Dass ihre Oma dem Geld im Streitfall hinterher rennen müßte ist Mist! Könnte vielleicht verbessert werden, indem man zumindest staatliche Leistungen (inkl. der Sozialversicherungen) direkt anteilig den 'Kindererziehern' auszahlt statt alles zunächst dem Haupterwerbstätigen zu überweisen.

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  • Quelle ZEIT online 17.3.2006
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