Landtagswahl „2:1“ für die SPD
Kein Freudentaumel, aber doch Zufriedenheit: Im Willy-Brandt-Haus feiern die Genossen ihre absolute Mehrheit in Mainz. Und gleich ist die Niederlage im Südwesten nicht mehr ganz so schlimm

Zu den aktuellen Hochrechnungen klicken Sie hier
Als
die ersten Hochrechnungen
über die Bildschirme in der SPD-Parteizentrale in Berlin flackern, ist der Jubel noch ziemlich gedämpft. Klar, Rheinland-Pfalz, da wird spontan applaudiert. Aber ansonsten ist es auffallend ruhig. Noch scheinen die Genossen nicht so recht zu wissen, was sie von den Säulendiagrammen halten sollen. Die Zahlen aus Baden-Württemberg können wohl nur als Niederlage interpretiert werden. Und in Sachsen-Anhalt stehen die Chancen, künftig mitzuregieren, zwar nicht schlecht. Trotzdem haben es die Sozialdemokraten nur auf den dritten Platz geschafft, sind also hinter die Linkspartei zurückgefallen.
Entsprechend vorsichtig kommentiert der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Christian Gaebler, das Ergebnis. Er zählt erst einmal die Dinge auf, die auf jeden Fall gut sind. Zum Beispiel, dass die DVU trotz der niedrigen Wahlbeteiligung in keinen der Landtage einziehen konnte. Dass die Linkspartei sich abermals als reines Ostprodukt erwiesen habe. „Trotz eines massiven Wahlkampfs hat es die WASG weder in Baden-Württemberg noch in Rheinland-Pfalz in den Landtag geschafft“, sagt Gaebler zufrieden. Aber der Bundestrend sei für die SPD eben derzeit nicht positiv. Das habe man auch bei diesen Wahlen gespürt, von Rheinland-Pfalz einmal abgesehen.
Zwei Meter weiter diskutieren drei Parteimitglieder aus Friedrichshain-Kreuzberg das Ergebnis. „Minus 7,9 Prozent in Baden-Württemberg“, das sei schon ein Hammer, sagt Norbert Dews. Seine Parteifreundin Angelika Müller sekundiert, überrascht habe sie das nicht. Ute Vogt habe dort doch kein Bein auf den Boden bekommen, findet die zierliche Frau mit dem Kurzhaarschnitt. Überhaupt sei der Wahlkampf im Süden viel zu früh verloren gegeben worden. Und dann noch dieses dämliche Radiointerview mit dem Orgasmus-Geständnis, na, das konnte ja nichts werden.
Von Euphorie ist also nicht viel zu merken. Doch plötzlich wird es ruhig in dem großen Atrium mit der überdimensionierten Willy-Brandt-Figur. Die Fernseher verstummen und die Menschen drehen sich erwartungsvoll in Richtung des hinteren Teils des Raumes. Dort hat sich Parteichef Matthias Platzeck aufgebaut. Platzeck ist bester Laune und strahlt über das ganze Gesicht. Er ist gekommen, seiner Partei klar zu machen, dass sie gewonnen hat. „Ich freue mich, dass ich als Parteivorsitzender der sozialdemokratischen Partei Deutschlands mich über das Ergebnis von Landtagswahlen freuen darf“, sagt er und gratuliert dem Wahlsieger Kurt Beck mit warmen Worten.
Da endlich erwacht auch das Fußvolk aus seiner Lethargie. Es gibt kräftigen, langanhaltenden Beifall. Den Leuten scheint plötzlich bewusst zu werden, dass man es schon schlimmer erlebt hat, und dass es wahrlich hätte schlimmer kommen können. Das Ergebnis in Baden-Württemberg sei bitter gewesen, dennoch danke er Ute Vogt für ihren engagierten Wahlkampf, fährt Platzeck fort. Wieder gibt es Applaus, wenn auch eher freundlichen. Sachsen-Anhalt erklärt der Parteichef schließlich kurzerhand zum zweiten Erfolg. Ein sehr ehrlicher Wahlkampf sei dort geführt werden, nun müsse es eine Große Koalition geben. Dann spielt Platzeck seinen letzten Trumpf aus: „Das Projekt Oskar Lafontaine ist gescheitert“, schmettert er in den Saal - und verlässt ihn eilenden Schritts, aber unter donnerndem Beifall.
Zurück bleibt sein Generalsekretär Hubertus Heil. Auch er ist alles andere als geknickt. Das Ergebnis zeige, dass Wahlsiege für die SPD wieder möglich seien. „Es steht zwei zu eins“, zieht er etwas eigenwillig Resümee. Schließlich wird die CDU in zweien der drei Länder weiterhin den Ministerpräsidenten stellen. Vielleicht zählt Heil Rheinland-Pfalz gleich doppelt. Der Erfolg dort sei auch deswegen bemerkenswert, weil es sich nicht um ein klassisches SPD-Land handele, sagt er. Nun werde die SPD Meter um Meter verlorenes Terrain zurückerobern. Weil der kleine bullige Mann so gute Laune hat wie sein Chef, lässt er auch auf Ute Vogt nichts kommen. Grandios gekämpft habe die, findet er. Er habe keinen Grund, ihr in den Rücken zu fallen. Ob die SPD jetzt wieder auf dem Sonnendeck sei, will ein Journalist wissen. Soweit will Heil dann doch nicht gehen. Er lade die CDU ein, in den Maschinenraum hinunterzusteigen, um dort gemeinsam die Arbeit zu machen, kontert er. Drohend setzt er hinzu: „Die nächsten 1000 Tage werden anstrengend.“
Dann wird er unterbrochen, weil noch eine Wahlsiegerin in den Saal stürmt: Andrea Nahles, mit fliegendem schwarzen Haar und wehendem lila Jackett. „Ich komme aus Rheinland-Pfalz“ ruft sie lachend und winkt. Dass man auch als SPD-Mitglied die Euphorie einer absoluten Mehrheit erleben darf, ist eben nicht selbstverständlich. In ihrer Begeisterung vergisst sie aber auch die Leidenden nicht. „Ute Vogt soll durchhalten“, rät sie der Parteifreundin. Der CDU-Wahlverlierer Böhr hat seine Ämter zu diesem Zeitpunkt schon zur Verfügung gestellt. Kein Vorbild für Vogt, findet Nahles. Die SPD könne auf junge Leute wie die baden-württembergische Spitzenkandidatin nicht verzichten. Schließlich habe auch ein Christian Wulff viele Anläufe zum Sieg gebraucht. Und der ist jetzt Ministerpräsident in Niedersachsen.
- Datum 29.03.2006 - 13:30 Uhr
- Quelle ZEIT online, 26.3.2006
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren