Echolot Ringelreih im Lolita-Kleidchen
Gothic-Rock in Manga-Ästhetik, die Wiederkehr eines Königs und die neuesten Götter der Stunde - Unsere wöchentliche Musikpresseschau
Das neue Morrissey-Album Ringleader Of The Tormentors war an anderer Stelle schon Thema. Der englische New Musical Express feierte die Stücke von Il Mozalini bereits vor Wochen. Im Laden steht das Werk allerdings erst Anfang April, die einschlägigen Rezensionen im deutschsprachigen Feuilleton werden folgen.
SZ -Musikkritiker Karl Bruckmaier legte in der vergangenen Woche schon einmal vor: Unter der Überschrift "Der König lebt!" widmete er sich in einem äußerst amüsanten Text der neuen CD.
"Wie lange haben wir diesen Größenwahn, die kompromisslose Durchgeknalltheit vermisst? Wie lange schon haben wir uns mit viel zu wenig zufrieden gegeben, haben einem Flohzirkus applaudiert und manchmal einem Tanzbären, weil wir ganz vergessen haben wie großmächtig der wahre Pop sein kann? Ja, Morrissey, du bist mein Herr und Meister, wer sollte je mit solchen Eiern mithalten können?"
Schön an Ringleader Of The Tormentors sei, "dass man immer wieder für Sekunden, für die Dauer eines Gitarrenriffs oder Sound-Klischees daran erinnert wird, wie konfektioniert die Musikproduktion in den vergangenen Jahrzehnten geworden ist; es bedarf schon eines gar nicht genug zu lobenden Tony Visconti , um die Trümmer von fünfzig Jahren Pop so zusammenzusetzen, als höre man sie zum allerersten Mal. (...) Das Album schließt mit dem völlig korrekt betitelten Bombaststück At Last I Am Born , jawohl habemus Kong Morrissey. Alles andere als Platz eins in den Hitparaden wäre ein Beleidigung."
Noch weit von der doch recht umfassenden Diskographie des englischen Exzentrikers entfernt sind die amerikanischen We Are Scientists und The Kooks aus Brighton. Beide haben unlängst ihre Erstlingswerke veröffentlicht und werden mal wieder als die Bands der Stunde gehandelt.
Grund für die FAZ, den "Stundengöttern" zu lauschen. Kritiker Klaus Ungerer bevorzugt die Amerikaner: "Sie sind den Kooks den entscheidenden Schritt voraus: Sie haben den Ausprobiertrieb hinter sich gelassen, haben gründlich abgewogen und vieles verworfen, sie haben einen Zugriff entwickelt. Sie basteln an ihrer Formel, an ihrer Entschiedenheit, die im britischen Enzyklopädenrock der letzten Jahre so fehlt."
Besser besprochen werden die Jungspunde The Kooks in den französischen Musikzeitschriften Les Inrockuptibles und Magic . Das Wochenmagazin Les Inrockuptibles , das sich seit diesem Monat mit neuem Layout präsentiert, stellt das Quartett in die Nachfolge englischer Popgrößen.
Magic hat parallel zur Plattenkritik Gitarrist Hugh Harris und Sänger Luke Pritchard zum musikalischen Blinddate gebeten. Zu hören gibt es größtenteils Erwartbares, aber auch interessante, musikalische Nebenschauplätze. So entpuppen sich die Kooks nach lobenden Worten über The Clash , die Rolling Stones , Nick Drake , Velvet Underground oder Bob Dylan als Fans von Duke Ellington .
Ihren 70. Geburtstag feierten in der vergangenen Woche der Soulsänger Solomon Burke und Klezmer-Ikone Giora Feidman .
Jonathan Fischer wünscht dem schwergewichtigen Burke, dass es ihm gelinge, "auch die letzten Zweifler mit seinem Soul anzustecken". In der SZ zeichnet er die illustre Geschichte des "King of Soul" nach, der nach einer Zeit voller Leid und Schmerz im Jahre 2002 sein Comeback feierte. Das damals erschienene Album Don't Give Up On Me erzähle, wie er mehrfach durch die Hölle gegangen sei. "'Ich weiß, was Liebeskummer, Eifersucht und Misstrauen mit dir anstellen können.' Wenn seine Songs einen Sinn ergeben, dann diesen: Dankbar auch für den Schmerz zu sein. 'Es ist ein Geschenk, so viel zu fühlen. Du musst das auskosten, bevor sich der Sargdeckel schließt.'"
Als Mittler zwischen "Deutschen und Juden, Christen und Juden, Israelis und Arabern" beschreibt Uwe Sauerstein in der Welt den am 25. März 1936 in Buenos Aires geborenen Feidman. "Von New York aus trug er seine Vision von Klezmer als völkerverbindende Musik in die Welt hinaus - und fand vor allem in Deutschland begeisterten Nachhall."
Neben der Welt gratuliert die FAZ dem Klarinettisten zum Siebzigsten.
Noch nicht ganz so alt wie Feidman ist Joan Baez . 65 ist die "Großmutter der Folkmoderne" Anfang dieses Jahres geworden.
Michael Pilz erinnert in der Welt an die Protest-Sängerin, die ins Rampenlicht zurückgekehrt ist. Im Schlepptau Kolleginnen wie Janis Ian , "eine Joan Baez des Undergrounds", Melanie und Vashti Bunyan .
Ein Wandler zwischen indischen Raggas und westlicher Rockmusik, Jazz und Exotica, war Ananda Shankar .
Jimi Hendrix soll von ihm das Sitarspiel erlernt haben. Daneben zeigten sich aber auch Vertreter des britischen Asian Underground wie Talvin Singh oder State of Bengal von dem Neffen Ravi Shankars angetan.
Paul Paulun hebt die "zeitlose Eleganz" der Musik des indischen Musikers in der taz hervor. Anlass ist die gerade erschienene Doppel-CD A Life In Music .
Ziemlich durchgeknallt muss man sich wohl einen Auftritt der japanischen Formation Moi Dix Mois vorstellen. Die Band um den "sagenumwobenen Gitarristen Mana " zählt zu den wichtigsten Gruppen des Visual Kei , "jenem aus Japan kommenden, aber auch unter jungen Leuten in Deutschland zusehends beliebten popmusikalischen Stil, in dem sich westlicher Gothic-Rock und östliche Manga-Ästhetik, geschlechtergrenzüberschreitendes Cross-Dressing und kindchenhafte Lolita-Bekleidung miteinander verbinden". Auf der Homepage des Gitarristen flackert, totenkopft und fledermaust es entsprechend an allen Ecken und Enden. In Berlin trat Mana mit seiner Band erstmalig auf. Jens Balzer hat das Konzert für die Berliner Zeitung besucht und eine Band gesehen, die optisch an ein paar Transen erinnere, die direkt aus der Gruft kommen. Die Begeisterung der vor allem jungen Mädchen für die japanischen Verkleidungskünstler bleibt ihm verschlossen. "Hart rockende Hochgeschwindigkeitspassagen wechseln mit pseudobarockem Spinettgeklimper und gothic-gerechten Kirchenorgeln aus dem Computer; Metalgegrunze mündet immer wieder in getragenen Refrains, wie man sie aus dem traditionellen Japan-Pop kennt. Auch im Huxley's blieb rätselhaft, was die meist minderjährigen Mädchen an dem ruppigen Gebolze begeistert. Immerhin haben sie dazu eine ganz eigene Art des femininen Headbangens entwickelt: während der Kopf in Metal-gerechter Weise wild vor- und zurückgeschleudert wird, bleiben die Hände grazil angewinkelt wie beim Ringelreihen."
- Datum 29.03.2006 - 13:30 Uhr
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- Quelle (c) ZEIT online, 27. 3. 2006
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