KHMER-ROUTE (6) Schluchzen und Schlürfen

Das kambodschanische Kino feiert sich während des Mekong-Filmfests mit Melodramen, die in ihren besten Momenten wie Dokumentarfilme wirken.

Leinwand in der Nacht: Die meisten Filme des Festivals werden auf einer Open-Air-Leinwand gezeigt

Leinwand in der Nacht: Die meisten Filme des Festivals werden auf einer Open-Air-Leinwand gezeigt

Im Kambodscha kann man im Kino noch weinen. Lauthals Schluchzen. Im großen, ein wenig nach Urin und nach sehr viel Undefinierbarem müffelnden Saal des Kirirom Kinos haben Mädchen die Köpfe zusammengelegt, ihre Schultern zucken heftig. Auf der Leinwand herrscht dagegen Fassung. Die Gesichter sind feucht, aber man weiß nicht, sind es Rinnsale aus Schweiß oder Tränen? Ist es die Hitze oder Schmerz? Aufrecht stehen drei, vier Gestalten im Kreis, Erwachsene und Kinder, um eine Mutter die stirbt, in einer Strohhütte, die von der Armut leergefegt ist. Motherless heißt der Film, eine kambodschanische Produktion aus dem vergangenen Jahr, na, der Titel ist ja schon trostlos.

In Kambodscha kann man im Kino auch Suppe schlotzen - die köstlichste Khmer-Suppe! Neben der Pagode Wat Botum, wo die Mönche seit Hunderten von Jahren wohnen und Stein-Monster über der Asche berühmter Kambodschaner wachen, haben Garküchen Klapptische und bunte Plastikstühle vor eine riesige Leinwand gerückt. Rechts, zum Fluss hin, flimmern die Leuchtreklamen blaurotweiß an den aufstrebenden Versicherungsbürokomplexen. Auf den Blechtischen werden Körbchen mit Stengelchen verteilt. Man zupft die dunkelgrünen Blätter ab, zerreißt alles mit schnellen Bewegungen und häuft es auf die Schale, in der schon Nudeln in Brühe schwimmen. Stäbchen eintunken, schlürfen. "C'est la vie cambodge!" , lacht einer in meine Richtung und zeigt seine schwarzgeränderten Zähne. Die Dame am Nebentisch spuckt mir, was sie nicht mag, vor die Füße.

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Auf Armlänge sind um uns herum sehr viele Mopeds geparkt, darauf kauern wie die Affen mindestens doppelt so viele Jugendliche und schnattern. Vorne, wo die Bastmatten vor der Leinwand ausgelegt sind, schlagen Kinder sehr schön Rad, während über ihnen eine kreischende Prostituierte von ihrem Lover zur Zwangsabtreibung gezerrt wird. Die Frau stürzt die Treppe runter, die Menge stöhnt. Jemand sagt etwas, alle lachen. Life , wie schon der Titel heißt, Schönes und Grausames - wo wüsste man das besser als in Kambodscha.

In Kambodscha kann man, mit etwas Glück und viel Frechheit, im Kino neben einem Kulturminister zu sitzen kommen. Das Protokoll sieht dazu vor, das Kino komplett zu räumen und auf Minusgrade herunterzukühlen. Berühmtheiten wie Politiker, Hauptdarsteller oder Produzenten haben Anrecht auf öffentliche Privatvorstellungen. Öffentlich heißt, dass sich auf den Treppen des Centre Culturel Francais die Massen mit Verzweiflung im Blick in Richtung Kinotüren stauen. Privat heißt, dass hinter den Kinotüren die VIPs im eleganten Business Dress vor leeren Sitzreihen kleine Nickbewegungen gegeneinander ausführen, während sie in traditioneller Begrüßungsart die Hände, zur Demutsgeste aneinander gelegt, in Richtung Nase hochführen, nochmal und nochmal. Je höher die Hände, umso tiefer die eigene gesellschaftliche Stellung im Vergleich zum Alphatier. Lächeln!

Auf der Leinwand ist mehr los, da wird sich gleich ein Krokodil im blutgetränkten Wasser über die schwächeren Kreaturen ordentlich hermachen, Kinder und ihre Mütter, leichtsinnige Jugendliche: Crocodile ist der kambodschanische Beitrag zum Wettbewerb Prix de la Diversité Culturelle des Mekong-Filmfestivals und wird hier in Anwesenheit des französischen Botschafters und Sisowaht Panara Sirivuth, Minister für Kulturelles, aufgeführt.

Der Hauptdarsteller: Popstar Preap Sovath, halbnackt im Bauernkostüm, sehr breite fleischige Schultern. Die Kulisse: ein Bauerndorf. Aber man muss sich wundern, dass in einem Land, wo alles kurz hinter Phnom Penhs Bauerndorf zu sein scheint, mit Palmenhainen und Lotustümpeln, Bananenstauden, blühendem Hibiskus, wehenden Bambuswäldern und auf dem Fluss treibenden Holzbooten, in denen Fischer abends effektvoll die Netze gegen die Sonne halten, dass in einem solchen Land auch nur ein einziger Dollar zum Bau von Plastik-Bauernhütten ausgeben werden darf. Vielleicht eine Promotion-Idee für künstliche Palmen? Die Bauern stecken in gebügelten Outfits. Pastellige Versionen des klassischen, rotkarierten, durch die Roten Khmer zu trauriger Berühmtheit gelangten Krama-Tuchs sind um ihre Hälse drapiert. Vielleicht eine Promotion-Idee der strauchelnden Bekleidungsindustrie? Crocodile ist ein Film, der so tut, als müsste Kambodscha nicht etwa durch die Weltbank und Tausende von NGOs, sondern in Hollywood neu geschaffen werden. Vielleicht eine Dankesgeste?

Kambodscha verdankt Hollywood sehr viel. " The Killing Fields brachte Kambodscha auf die Landkarten", hat jemand gesagt. Wer hätte denn vorher Kambodscha überhaupt wahrgenommen, außer als kleines Nachbarland von Vietnam, auf das auch ein paar Bomben fielen. Okay. Es waren Bombenteppiche. Der Auftakt jedenfalls für die Tragödie, in der marxistisch geschulte Pathologen das Land in eine Bauernrepublik verwandeln wollten, als Gegenentwurf zur kolonialen Herrschaft und anschwellenden kapitalistischen Macht. Mehr als eine Million Menschen starben, nicht wenige davon an Hunger, ausgerechnet im Bauernstaat. Ob es ein Sieg Pol Pots ist, dass ein Vierteljahrhundert nach seiner Niederlage wieder am Bauernmythos gebastelt wird? Oder der ultimative multivisions- und dolbygesteuerte Sieg über ihn?

Unmittelbar neben den Sitzplätzen des Kinos wird in den Garküchen gegessen - Blick auf die Leinwand inklusive

Unmittelbar neben den Sitzplätzen des Kinos wird in den Garküchen gegessen - Blick auf die Leinwand inklusive

Crocodile ist eine kitschige Lovestory. Ohne Sex. Eine Burleske mit rollenden Augen und dramatischen Gesten, als ginge es um Stummfilm. Es gibt Tölpel und Helden, das schamhafte Mädchen, die keifende Alte, ein herziges Büblein. Viele Effekte, Rauchbomben, Nebel, noch mehr Sound, aufwallend, abschwellend, immer Ach und Weh, Schwertkampf, Montage, Geister, unvermeidlich Tempel, Kuss, aus. Raus!

Ob man so die kambodschanische Misere vergessen kann, dass viele der malerischen Hütten noch immer ohne Wasser sind, die Siedlungen ohne Kanalisation, dass die Stelzen der Häuser in der Kloake stehen, dass viele Schulen ohne Kinder sind, weil die arbeiten müssen. Die Männer ohne Beine - und leider ohne Rollstühle. Dass die Frauen einen leeren Blick haben?

Die Zeitung meldet, in der Provinz Kompong Speu seien 1.300 Familien ohne Reis, es gäbe dort mindestens 6.000 Menschen, die nicht genug zu essen hätten. Kein Hunger, an den Bäumen hängen ja Mangos und Kokosnüsse, gratis. Aber das World Food Programm möge doch bitte Arbeit an Kanälen und Dorfteichen mit Reis entgelten. Es werden dringend und sofort 1000 Tonnen Reis gebraucht. Und das, obwohl die letzte Reisernte in Kambodscha angeblich eine Rekordhöhe hatte, satte 5,9 Millionen Tonnen, 41 Prozent mehr als noch im vergangenen Jahr. Wie es da wohl war mit dem Hunger?

Solchen Problemen des Lebens widmen sich die beiden anderen kambodschanischen Filme, Life und Motherless und sie wirken wie Dokumentarfilme, auch wenn sie das gar nicht sind. Lange, geduldige Einstellungen. Man weiß nicht, ist es die schlechte Kopie, oder sollen die grellen Überbelichtungen, in deren Gleißen müde Gestalten das Salz auf den Feldern zum Trocknen glatt rechen, auch unsere Augen zum Tränen bringen? Während Bettler vor den Tischen der Freiluftkinos vorbeiziehen, eine kahle Nonne, ein alter Mann mit Hut in der Hand, alle mit Demut im Blick, ohne dass sie es auch nur wagen würden, die Hand auszustrecken, währenddessen erzählt die Leinwand vom Fall des Mädchens vom Lande, das in der Stadt die Unschuld und den Glauben, den Verstand und auch noch die Gesundheit verliert. HIV! Im Hintergrund röhrt der Verkehr. Auf der Leinwand holpert ein NGO-Jeep über Lehmpisten zu den Bedürftigen.

Es sind Lehrgedichte, wie sie in der buddhistischen Tradition seit Hunderten von Jahren zum rechten Leben anhalten sollen. Aushalten, unbeirrt den rechten Pfad suchen. Das mischt sich gut mit dem professionellen Helfertum, das die NGO-Welt ausstrahlt: Gutes tun, unbeirrt den rechten Pfad anweisen, auch wenn alles dagegen spricht. Die Heldin des ersten Film, Motherless, ist ein Schulmädchen, das nach dem Tod der Mutter das Baby und den störrischen Bruder, den geisteskranken Vater versorgt und auch noch das Geld verdienen will, auf den Salzfeldern. Ein Melodram! Die Musik wimmert und wummert. Als man die Kinder auseinanderreißen will, den Reichen zur Adoption freigeben, sperren sie sich, laufen zueinander zurück, der Hafen ist die Familie, und sei sie noch so klein.

"Du bist arm, weil du alleine bist", sagt die gute Schwester in den französischen Untertiteln von Life zur ihrer älteren, die in der Stadt als Prostituierte gestrandet ist, von einem reichten Mann ausgehalten, aber ohne Perspektive: "Ich bin arm, aber zu Hause", sagt die kleine, die gute Schwester, als sie nach einem Ausflug in den Sündenpfuhl beschließt, zur Mutter aufs Land zurückzugehen.

Die Filme sind mit einfachsten Mitteln und Laiendarstellern gedreht, das tut ihnen gut. Die Gesichter offen, die Gesten ohne Eitelkeiten. Mit solchen Filmen kann ein Anfang gelingen. Mit einem Dokumentarfilm hat der kambodschanische Film schon internationalen Triumph erlebt. S21: The Khmer Rouge Killing Machine hieß der Film von Rithy Panh, im Jahre 2003 ausgezeichnet in Cannes, Chicago, Leipzig und mit dem Prix Italia. Er zeigte den Maler Vann Nath, wie er durch das Foltergefängnis von Tuol Sleng geht, einen Arm um die Schultern eines der Täter gelegt, und ihn mit sanftem Nachdruck zwingt, die Eisengestelle und die Fesseln und die Bilder zu betrachten, auf denen Vann Nath den Horror festgehalten hat.

Ein anderer Film von Rithy Panh erzählt die Geschichte von Bophana und Sithy, einem Liebespaar, das getrennt und in Tuol Sleng gequält wurde und endlich auf den Killing Fields sein grausiges Ende fand. Die Kamera verweilt immer wieder auf dem zerfurchten Gesicht von Sithys Mutter, einer Bäuerin, wie sie sich mit ihrem alten Krama-Tuch über die Augen wischt, die Wangen, den Hals. Und selbst wenn die Pol Pot-Ära nun zu Ende geht, was könnte als Perspektive auftauchen, jenseits des Verlorenen, der Tempel, der Welt der Bauern vor dem Fall?

Auch der vietnamesische Beitrag zum Mekong-Filmfest zeigte übrigens eine verlorene Welt. Der Hüter der Büffel ist ein junger Mann, einziger Sohn verarmter Eltern, der mit dem einzigen Besitz der kleinen Familie, den beiden Büffeln, in eine endlose Wasserlandschaft hinauszieht, nach Weideland suchend. Immerzu Regen. Die archaische Kraft dieser Welt in Szene zu setzen, die schwarz-triefenden Tierrücken, die nackten Oberkörper der jungen Männer, die Büffel durch das Wasser treiben, war mühevoll. 370 Büffel wurden aus Dörfern zusammengesucht, die bis zu zehn Kilometer auseinander lagen, drei Kameras gingen drauf - Wasserschaden. Alles nur, um eine Idee zu realisieren, die Minh Nguyen Vo keineswegs in der Realität vorgefunden hatte, noch nicht mal in seiner Erinnerung, sondern in einer Kurzgeschichte, die er als Kind las, Der Geruch des Ca'Mau Waldes , und die eine Welt beschwört, die es schon damals nicht mehr gab.

Es ist der erste Film, den Minh Nguyen Vo gemacht hat, denn eigentlich ist er Physiker, ein Spezialist für Laser. Aber Filmemachen, erzählt er, sei immer sein Traum gewesen, seit den schrecklichen Jahren des Vietnam-Krieges, als seine Eltern mit ihm in ein Dorf zogen. Das Dorf lag neben einem kleinen Flughafen, was ein Unglück war, weil er die Bomben der Amerikaner anzog. Die neue Wohnung aber lag auch neben einem kleinen Kino, was ein Glück war, weil sich das Kind hierhin flüchten konnte, um das Gedröhne draußen einmal nicht zu hören. Er habe viel John Wayne geguckt, übrigens in französisch synchronisierten Versionen, die ganzen alten Wild-West-Filme, während draußen die amerikanischen Bomben fielen.

Den ersten Preis des Mekong-Filmfestivals hat Minh Nguyen Vo nicht bekommen, der ging an einen Dokumentarfilm aus Thailand, der in einer Schule in den Bergen des Nordens spielt. Aber Minh Nguyen Vo plant natürlich schon den nächsten Film, er kommt gerade aus Berlin und hat dort die Finanzlage gecheckt. Thema: der amerikanische Traum - aus Sicht der Flüchtlinge Asiens.

Es ist, wie gesagt, alles ein Anfang, auch wenn das Mekong-Filmfestival nun erst einmal vorbei ist. Der Projektor am Wat Botum erlosch, worauf die Jugendlichen ihre Maschinen antraten, die Familien ihre Kinder in die Arme bündelten und alle verschwanden.

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