Maximal Jazz Das Mädchen aus Memphis
Annie Leibovitz hat in ihrem Buch American Music ein sehr persönliches Portrait Amerikas entworfen. Die Bilder der Fotografin sind noch bis Anfang April in Berlin zu sehen. Fünfzehnte Folge unserer Kolumne über Begegnungen mit Musik
Ein kleiner MP3-Spieler birgt die langsame und tiefe Stimme von Annie Leibovitz. Sie erklärt ihre Ansichten Amerikas, Portraits von Musikern und Aufnahmen von Landschaften, Häusern und Innenräumen. American Music heißt das Projekt; es entstand auf einer zweijährigen Reise durch den Süden der Vereinigten Staaten. Im Mississippi-Delta sah sie die Quelle der amerikanischen Musik. Einige der Fotos sind jetzt noch bis Anfang April in Berlin zu sehen. Dann geht die Ausstellung, die in den vergangenen drei Jahren um die Welt reiste, wieder zurück in das Archiv der 57-jährigen Fotografin. Wann die Fotos dann wieder öffentlich zugänglich sein werden, ist ungewiss.
Verträumte, zärtliche Bilder sind es, die den Betrachter sehr nahekommen lassen. Zur Seite neigt sich das Gesicht des Blues-Musikers John Lee Hooker,dunkel schimmert seine Haut vor einem dunklen Hintergrund. Nur die silberweißen Bartstoppeln leuchten. Warum wirkt er so fremd? Es ist der Hut. Und die Sonnenbrille, die ihm fehlt.
Ein früheres Foto, entstanden 1993, zeigt die Soul- und Gospel-Sängerin Aretha Franklin in ihrem Haus in Bloomfield Hills, Michigan. Sie steht in einem eleganten, ganz in weiß gehaltenem Wohnzimmer mit üppig drapierten weißen Vorhängen. Ihr schulterlanges Haar ist offen, sie sieht ernst und skeptisch in die Kamera. Ihr eng anliegendes schwarzes Kleid ist tief ausgeschnitten, an ihren Händen mit den langen, lackierten Fingernägeln trägt sie Diamantringe. Und doch ist noch das junge Mädchen aus Memphis zu sehen, immer noch ein wenig unsicher, obwohl sie mehrmals den Grammy bekam, und als erste Frau in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wurde.
Die Musiker, sagt Leibovitz, hätten auf ihre Anfrage ganz unterschiedlich reagiert. Manche wollten nicht, dass sie vorbei kommt und sind lieber zu ihr ins Studio gegangen, wie der Jazz-Schlagzeuger Max Roach oder der Bluegrass-Sänger Ralph Stanley, der Oh Death im Soundtrack zu dem Film O Brother, Where Art Thou? einen Grammy gewann. Als Stanley zu ihr kam, bat sie ihn, das Lied zu singen. Sie wollte festhalten, wie Musik sich spiegelt in diesem zerfurchten Gesicht. Sie wollte den Song sehen. Aber er sang mit zusammengebissenen Zähnen.
Ein sehr schönes Bild zeigt die junge Sängerin Norah Jones die bei der Grammy-Verleihung 2003 für Come Away With Me insgesamt acht der begehrten Auszeichnungen erhielt. Am Tag danach sitzt sie ganz ruhig an einem Flügel; durch ihre Brille sieht sie in die Kamera. Sie sieht aus wie eine Studentin und nicht wie ein Star, der mehr als sechs Millionen Platten verkauft hat.
Annie Leibovitz kam 1949 in Westport, Connecticut, zur Welt. Sie studierte Malerei am San Francisco Arts Institute. Nebenbei machte sie einen Abendkurs in Fotografie. 1970 wurde sie als feste Fotografin vom Rolling Stone engagiert, für das Bild einer Leiter in einer Apfelplantage in einem israelischen Kibbutz. Dem Art Director des Magazins gefiel der Blick der jungen Autodidaktin. Sie blieb dreizehn Jahre, fotografierte Politik und Werbung und viele Musiker. Konzertfotos machte sie kaum. Sie wollte die Umgebung, die Proben, die Backstage-Räume, die Hotelzimmer. Später fotografierte sie große Stars.
Vor fünf Jahren verspürte die gefeierte Fotografin den Wunsch, zu ihren Anfängen zurückzukehren. Sie wollte herausfinden, ob sich ihr Blick nach all den Jahren verändert hätte. Am Anfang habe sie ein Konzept gehabt, wen und was sie fotografieren wollte. Doch dann sei sie in unerwartete Situationen gekommen. Als sie auf Begräbnis von Placide Adams geriet, eines angesehenen Musikers aus New Orleans, sah sie Trauernde mit verbeulten Instrumenten, die sich kaum Schuhe leisten konnten. Dann setzte sich die Prozession in Gang, angeführt von der Treme Brass Band und den Black Men Of Labour Social Organisation. Annie Leibovitz erinnert sich, wie sie mit der Kamera neben ihnen herlief, weinend.
Ausstellung: Annie Leibovitz American Music, C/O Berlin, Linienstraße 144, www.co-berlin.com .
Buch zur Ausstellung: Annie Leibovitz, American Music, Verlag Schirmer/Mosel, www.schirmer-mosel.de .
Musik zum Text:
Come Away With Me
, gesungen und geschrieben von
Norah Jones, erschienen auf dem gleichnamigen Album bei Blue Note, 2002.
Respect
, geschrieben von Otis Redding, von dem Album The Very Best Of Aretha Franklin, Respect, erschienen bei Warner, 2003. .
The Healer
, komponiert von Hooker/ Rogers/ Santana/Thompson, von dem Album: John Lee Hooker, Best Of Friends, erschienen bei Virgin, 1998.
- Datum 29.03.2006 - 13:31 Uhr
- Quelle ZEIT online, 25.3.2006
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