Stammzellforschung Die Macht der Keimzelle

Hodenzellen aus erwachsenen Mäusen verhalten sich wie embryonale Stammzellen. Löst diese Entdeckung deutscher Wissenschaftler nun die Probleme eines ethisch umstrittenen Forschungsfelds?

Es mutet doch etwas befremdlich an, dass die Zukunft der regenerativen Medizin nun auf einmal vier Paar Mäusehoden entspringen soll. Und von Sensationen oder bahnbrechenden Erkenntnissen spricht man ohnehin nicht mehr gern, wenn es um Stammzellen geht. Nicht, nachdem Aufsehen erregende Arbeiten auf dem Feld des therapeutischen Klonens als pure Lüge enttarnt wurden. Dennoch: Man kommt nicht umhin, die neuesten Erkenntnisse deutscher Stammzellforscher als kleine, vielleicht sogar zukunftsweisende Sensation zu bezeichnen. Denn der Kardiologe Gerd Hasenfuss von der Universität Göttingen hat aus den Hoden erwachsener Mäusemännchen Zellen isoliert, die nicht nur aussehen wie embryonale Stammzellen - sie verhalten sich auch so.

Diese erwachsenen Zellen teilen sich in der Kultur scheinbar unendlich. Gibt man ihnen einen biochemischen Schubs, bilden sie spontan alle erdenklichen Gewebe, von zuckenden Herz- über kostbare Leber- bis hin zu funktionsfähigen Nervenzellen. In den Zellhaufen eines sehr jungen Mäuseembryos hineingespritzt, fügen sich die Zellen in die Entwicklung des Fötus ein, sie tauchen im ausgewachsenen Tier in allen Organen auf. Und platziert man sie unter die Haut von abwehrgeschwächten Mäusen, bilden sie dort Teratome – extrem seltene Tumore, in denen ebenfalls sämtliche Gewebetypen eines ausgewachsenen Nagers vorkommen.

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Diese Beweiskette, jetzt vorab auf der Website von Nature veröffentlicht, reicht beinahe aus, um diese Zellen als pluripotent, als alles könnend, zu bezeichnen. Das war bisher ein Privileg jener Zellen, die zum Preis eines Embryos aus wenige Tage alten befruchteten Eizellen gewonnen wurden – und von denen man nach wie vor hofft, sie durch therapeutisches Klonen künftig für Patienten maßschneidern zu können. Die Zellen von Hasenfuss und Kollegen aber sind weder Klone noch embryonale Zellen: Es sind Spermatogonien-Stammzellen komplett ausgewachsener Männchen, die eigentlich ganz darauf spezialisiert sind, von der Geschlechtsreife bis ins hohe Alter Nachschub an reifen Spermien zu liefern.

Doch in der Kulturschale zeigen sie nun ein völlig anderes Gesicht, ein pluripotentes eben, auch wenn die Autoren der Arbeit sich zunächst vorsichtig auf die Bezeichnung multipotent, also viel könnend, beschränken. Das eigentlich Aufregende aber ist: Auch Männchen der Spezies Mensch besitzen solche Zellen in ihren Hoden. Sollte man sie isolieren können und zudem zeigen, dass auch sie sich jenseits der Hoden wie embryonale Stammzellen verhalten, dann gäbe es eine ethisch nahezu makellose Alternative zum Embryonenverbrauch. Und zum therapeutischen Klonen.

Die Community der Stammzellforscher ist von den Nachrichten aus Göttingen überrascht, Team und Projekt waren in der internationalen Szene quasi unbekannt. Die Begeisterung schmälert das allerdings nicht. "Das ist eine tolle Arbeit", sagt Thomas Zwaka vom Baylor College of Medicine im amerikanischen Houston. "Wenn wir die Ergebnisse bestätigen können, wäre das für die Stammzellforschung eine große Sache." Seit Anfang der neunziger Jahre versuche man, aus verschiedenen Entwicklungsstadien der Keimbahn pluripotente Stammzellen zu gewinnen - doch nur für sehr frühe Phasen habe das auch zum Erfolg geführt, sagt Zwaka.

Tatsächlich hat John Gearhart von der Johns Hopkins School of Medicine in Baltimore vor 8 Jahren eine der ersten menschlichen embryonalen Stammzelllinien aus Keimzellen abgetriebener Föten gewonnen. Und erst vor zwei Jahren gelang es dem Japaner Takashi Shinohara, aus den Hoden neugeborener Mäuse unreife Spermatogonien zu isolieren - die sich in der Kulturschale dann ebenfalls wie embryonale Stammzellen verhielten. Zwar gab man diesen vielseitigen Zellkindern andere komplizierte Namen - Embryonale Keimzellen, multipotente Keimbahnstammzellen -, doch: "Wenn sie diese Zellen einem Wissenschaftler in die Hand drücken, kann er sie durch die bekannten Marker und Tests quasi nicht von embryonalen Stammzellen unterscheiden", erläutert Zwaka

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    • Quelle ZEIT online, 25.3.2006
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