Stammzellforschung Die Macht der KeimzelleSeite 2/2

Ähnlich scheint es sich nun auch mit den Zellen aus Göttingen zu verhalten. Die Arbeit von Hasenfuss und Kollegen ist so gesehen die stringente Fortsetzung einer längst begonnenen Entwicklung. Die Japaner um Shinohara waren mit dem Versuch, multipotente Zellen aus den Hoden erwachsener Mäuse zu generieren, vor zwei Jahren noch gescheitert. Die deutschen Forscher haben diese Hürde jetzt genommen - was noch bleibt ist, diese Zellen auch aus Menschen zu isolieren. Gegenüber der Nachrichtenagentur dpa hat Hasenfuss bereits entsprechende Experimente angekündigt.

Doch was bedeutet das nun für die andere, die ethisch umstrittene Forschung an embryonalen Stammzellen aus Embryonen und Klonen? Zunächst einmal: nichts. Zumindest sollten keine voreiligen Konsequenzen aus der Tatsache gezogen werden, dass es möglicherweise einen Ausweg aus dem Embryo- und Klondilemma gibt. Denn ob diese Zellen wirklich aus Menschen isoliert werden können, ist nur die erste Frage. Die zweite ist, ob man aus ihnen tatsächlich gezielt alle Gewebe entwickeln könnte, um kranke Zellen von Patienten zu ersetzen. Solange das nicht gezeigt wird, muss die Stammzellforschung an allen Fronten vorangetrieben werden.

Zumal: Frauen besitzen keine Hoden. Zwar hat Hasenfuss darauf hingewiesen, dass neuesten Erkenntnissen zufolge auch Stamm-Eizellen in weiblichen Eierstöcken existieren. Doch die entsprechenden Studien des Amerikaners Jonathan Tilly gelten unter Experten als sehr umstritten. So spannend und vielversprechend die neuen Erkenntnisse aus Deutschland also sein mögen: "In meinen Augen ist der somatische Kerntransfer noch immer der einzige Weg, um für alle - für Männer, Frauen, Alte und Junge - patientengerechte embryonale Stammzellen zu gewinnen", sagt Thomas Zwaka. Man dürfe nicht den Fehler machen, sich nur noch auf eine noch gar nicht sichere Alternative aus den Hoden zu verlassen. "Wir wissen es nicht. Und solange wir es nicht wissen, haben die anderen Wege noch immer dieselbe wissenschaftliche Berechtigung."

Für Zwaka steckt in der Veröffentlichung der Deutschen ohnehin etwas mehr als die augenfällige Alternative zum hoch kontroversen Verbrauch von Embryonen. Für ihn geht es schon seit Jahren um die Frage, was genau embryonale Stammzellen überhaupt sind. Per Lehrbuchdefinition beschreibt man sie zwar bis heute als ein Äquivalent der inneren Zellmasse einer Blastocyste - des Zellballs, der sich nach wenigen Tagen aus einer befruchteten Eizellen entwickelt. "Doch wenn wir diese Zellen in Kultur nehmen, um embryonale Stammzellen zu gewinnen, bilden die meisten von ihnen spontan irgendwelche anderen, weiterentwickelten Zelltypen", sagt Zwaka. Nur die wenigsten würden kleine Kolonien formen, aus denen man pluripotente Stammzellen gewinnen könne.

Und eben diese wenigen Zellen, die das Potenzial zur Pluripotenz in sich tragen, entsprechen nach Auffassung des 33-jährigen Professors den Zellen der Keimbahn - und damit Zellen, die, gefangen im Körper von Maus und Mensch, nicht allmächtig sind, sondern klar nur einem Ziel dienen: Der Bildung von Spermien und Eizellen. "Könnten wir verstehen, wie diese unipotenten Zellen in der Kulturschale den entscheidenden Schritt zurückmachen und wieder pluripotent werden - wir wären in der Lage, die Entstehung von embryonalen Stammzellen zu lenken", sagt Zwaka. Bis dahin allerdings sei das Wichtigste, dass es mit den Zellen aus den Mäusehoden geklappt habe. "Vielleicht ist das schon nützlich genug".

 
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    • Quelle ZEIT online, 25.3.2006
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