Jeder Erfolg - wie auch jeder Misserfolg - lässt sich zunächst punktuell und personell erklären. Dass die SPD und deren Spitzenkandidatin Ute Vogt in Baden-Württemberg gut 8 Prozentpunkte im Vergleich zur vorigen Landtagswahl verloren haben, also fast ein Viertel ihres Wähleranteils, hat gewiss auch mit der Person Vogts zu tun. Sie ist in gewisser Weise das Opfer ihres eigenen Erfolgs vor fünf Jahren geworden.
Ute Vogt© dpa

Damals hatte sie als "junges Mädle" gegen den senioralen Erwin Teufel einige Stimmen hinzugewinnen können. Diesmal jedoch verkehrte sich Vogts damals komparativer Vorteil in einen Nachteil, weil sie nun als "älteres Mädle" gegen den relativ jüngeren Ministerpräsidenten Günther Oettinger antreten musste. Dazu muss man noch an die 3,1 Prozent der "Linken" denken, die der SPD abhanden kamen. Doch auch in Rheinland-Pfalz kamen die Leute von der WASG auf 2,5 Prozent und Kurt Beck kann gleichwohl mit absoluter Mehrheit regieren . Also ist es wohl doch die Persönlichkeit.

Erfolge wie Misserfolge muss man aber auch strukturell untersuchen. So gesehen ist es sehr beeindruckend, auf die Dauer vielleicht sogar bedrückend, dass es im Süden Deutschlands - jenseits einer Grenze, die südlich der Main-Linie zu ziehen ist - für die SPD seit Jahrzehnten unmöglich ist, erfolgreich zu sein. Was sich dann in den bayerischen wie in den baden-württembergischen Landtagswahlen niederschlägt.

Gewiss, in Städten wie Nürnberg, Augsburg, München, Heidelberg, Mannheim, Freiburg regieren oft Sozialdemokraten. Doch Freiburg hat nun schon einen grünen Oberbürgermeister. Die Sozialdemokraten, die in diesen Städten regieren, sind eher volksnahe "rechte" Typen.  Leute, die von Ideologie wie von Parteibürokratie gleich weit entfernt sind: beispielsweise Frau Weber (Heidelberg) und die Herren Böhme (einstmals: Freiburg) oder Ude (München). Aufs Ganze gesehen ist dies das Modell Kurt Beck, transponiert auf die Großkommune.

Doch auf Landesebene und im Durchschnitt folgt die SPD  einer absteigende Linie. Wer hatte es da schon alles probiert: Hans-Jochen Vogel und Peter Glotz in Bayern, Erhard Eppler in Baden-Württemberg. Doch es nutzte alles nichts. Irgendwann ist auf dieser absteigenden Linie ein Punkt erreicht, von dem an man keine gestandene Persönlichkeit mehr gewinnen kann,  die sich für eine solche Partei mit gesicherter Aussichtslosigkeit aufreibt. Das ist nicht nur schlimm für die  betroffene Partei selber, sondern mangels jeder wirksamen Opposition auch für das Land; und - nota bene - für die "geborene" Regierungspartei.

Warum es sich im deutschen Süden so verhält für die SPD, hat vielfältige Gründe - von der Landesgeschichte bis zur Landesschönheit, von der Landes- und Industriestruktur über die politische und konfessionelle Kultur bis zum Lebensgefühl. Dies einmal en detail auszuleuchten, ist eine ebenso reizvolle wie komplexe Aufgabe. Heute gilt es, nur das eine festzuhalten: Ute Vogt hat ihre Chance gewiss schlecht genutzt, und muss dafür haften - aber hatte sie überhaupt eine? Oder war ihr Glaube daran auch ihr größter Fehler?