Ich lebe auf dem Rollberg im Norden Neuköllns, dort wo Neukölln angeblich am prolligsten ist, dort wo der Spiegel und andere Medien gerne die »Bronx von Berlin« verorten. Ich lebe gerne hier. Warum? Vielleicht zum einen, weil es mir das Gefühl gibt, etwas Besonderes zu sein. Wenn ich zum Beispiel am frühen Vormittag die U-Bahnstation »Rathaus Neukölln« betrete und am Kiosk all die jungen Männer sehe, die dort ihr erstes Frühstück trinken, dann habe ich das Gefühl, der Einzige hier zu sein, der noch einer geregelten Arbeit nachgeht. Typisches Bild? Ausländer in Berlin-Neukölln© Peer Grimm/dpa

Vielleicht aber auch einfach aus Nostalgie. Gabi und ich, wir hatten vor fast 20 Jahren unsere erste gemeinsame Wohnung in Neukölln, wir haben hier in der Donaustraße geheiratet und wir haben hier auch die Maueröffnung mit all den Begrüßungsgeldschlangen erlebt. Und nach einer etwas längeren Pause in Steglitz und einer selbst für uns extrem kurzen Wohnhaft in Zehlendorf war klar, dass wir wieder nach Neukölln zurück wollten, nein mussten. Nur hier haben wir die Auswahl zwischen mindestens 18 verschiedenen Kinoprogrammen in Laufnähe mit auch immer mindestens zwei türkischen Filmen. Nur hier gibt es jeden Montag schon seit Jahren die berühmte Blues-Jam-Session im »Sandmann«, unserem verlängerten Wohnzimmer in der Reuterstraße, veranstaltet von S.C.H. und B.Plant — Musiker, die ihren bürgerlichen Namen schon lange selber vergessen haben.

Vielleicht auch, weil es so rührend ist zu beobachten, nein, dabei zu sein, wie sich eine Handvoll tapferer Gallier gegen die Verelendung des Kiezes stemmt, der von der Politik schon lange aufgegeben wurde und nur noch verwaltet wird.

Vielleicht aber auch, weil die niedrigen Mieten und die vielen leerstehenden Läden und Fabriketagen eine lebendige alternative Kulturszene sich entwickeln ließen, die nicht die Schicki-Micki-Kultur des Prenzlauer Berges importiert, sondern einfacher, härter, anders ist. Neuköllner Kultur, das ist der selbsternannte Dadasoph Rainer W., der seine in Notizbücher mit dem Kugelschreiber gezeichneten Strichmännchen zielgruppengerecht für 5 Euro das Blatt verkauft. Neuköllner Kultur, das ist der Hartz-IV-Überlebenskünstler »agi«, der in seinem Salonlabor in der Briesestraße Performances veranstaltet, die wohl auch er selber kaum versteht. Neuköllner Kultur, das ist Spielzeug-Tom, der tapfer versucht, ein Kulturnetzwerk für Neukölln im Internet aufzubauen und dabei ein System benutzt, das für diese Aufgabe völlig unzureichend ist. Aber es war eine geschenkte Software, etwas anderes kann sich Neukölln nicht leisten. Neuköllner Kultur sind aber auch die »48 Stunden Neukölln«, in der im Prinzip ein ganzes Wochenende lang jeder, der will, seine Kunst präsentieren darf.

Die vielbeschworene Integration findet allerdings auch in Neukölln nicht statt, auch nicht kulturelle. Nehmen wir die erwähnten »48 Stunden«. Da darf sich der ethnische Teil der Neuköllner Bevölkerung am Richardplatz auf einer Bühne mit Volkstänzen präsentieren, ansonsten findet er nur in Sonntagsreden Erwähnung. Aber verstehen wir alle nicht unter »Integration« eher »Assimilation«? Und dass »die da oben« unter Integrationspolitik sowieso nur Volkstanz verstehen, wundert in Neukölln auch niemanden.

Denn multikulturelles Leben in Neukölln findet nur zu Pfingsten beim »Karneval der Kulturen« in Kreuzberg statt. Bis vor wenigen Jahren beteiligte sich die »Manege«, ein Jugendzentrum in der Rütlistraße - ja da, wo auch die in den letzten Tagen so berühmt gewordenen Schule steht -, mit seinen vorwiegend arabischen und türkischen Jugendlichen erfolgreich an diesem Aufzug. Doch dann kürzte die Politik so massiv die Mittel, dass dies nicht mehr möglich war.

Auch liebe ich den Neuköllner Norden, weil er so schön übersichtlich ist: Die Sonnenallee (das längere, nördliche Ende, nicht das Stückchen aus dem Kinofilm) ist fest in arabischer Hand, die Schriftzüge an den Läden sind für Mitteleuropäer nicht zu entziffern und aus den Läden dringt der süßliche Rauch der Wasserpfeifen. Erinnerungen an den letzten Urlaub in Marokko werden wach. Die Weisestraße gehört den letzten wahren Autonomen Berlins, die sich immer noch nicht vom Schweinesystem integrieren ließen und eisern ihre Kiezküche offen halten. Das Gebiet rund um die Hasenheide wird mehr und mehr von schwarzafrikanischen Geschäften erobert, die Hermannstraße ist in türkischer Hand, das südliche Ende des Schillerkiezes, so munkelt man, gehört einer Rockergruppe, die dort ihre Stammlokale hat, und die Flughafenstraße ist sowieso in der festen Hand der örtlichen Trödelmafia. Nur das in den letzten Wochen fast alle »Muzik-Cafés« in Wettbüros umgewandelt wurden, das irritiert mich doch ein wenig.