Integration Liebesbrief an Neukölln
Die Rütli-Schule in Berlin-Neukölln ist das neue Menetekel für Ausländergewalt und Desintegration. Seitdem hat der Stadtteil endgültig den Ruf, dass Deutsche dort nicht mehr leben können. Zu Unrecht, findet "Schockwellenreiter" Jörg Kantel
Ich lebe auf dem Rollberg im Norden Neuköllns, dort wo Neukölln angeblich am prolligsten ist, dort wo der
Spiegel
und andere Medien gerne die »Bronx von Berlin« verorten. Ich lebe gerne hier. Warum? Vielleicht zum einen, weil es mir das Gefühl gibt, etwas Besonderes zu sein. Wenn ich zum Beispiel am frühen Vormittag die U-Bahnstation »Rathaus Neukölln« betrete und am Kiosk all die jungen Männer sehe, die dort ihr erstes Frühstück trinken, dann habe ich das Gefühl, der Einzige hier zu sein, der noch einer geregelten Arbeit nachgeht.
Vielleicht aber auch einfach aus Nostalgie. Gabi und ich, wir hatten vor fast 20 Jahren unsere erste gemeinsame Wohnung in Neukölln, wir haben hier in der Donaustraße geheiratet und wir haben hier auch die Maueröffnung mit all den Begrüßungsgeldschlangen erlebt. Und nach einer etwas längeren Pause in Steglitz und einer selbst für uns extrem kurzen Wohnhaft in Zehlendorf war klar, dass wir wieder nach Neukölln zurück wollten, nein mussten. Nur hier haben wir die Auswahl zwischen mindestens 18 verschiedenen Kinoprogrammen in Laufnähe mit auch immer mindestens zwei türkischen Filmen. Nur hier gibt es jeden Montag schon seit Jahren die berühmte Blues-Jam-Session im »Sandmann«, unserem verlängerten Wohnzimmer in der Reuterstraße, veranstaltet von S.C.H. und B.Plant Musiker, die ihren bürgerlichen Namen schon lange selber vergessen haben.
Vielleicht auch, weil es so rührend ist zu beobachten, nein, dabei zu sein, wie sich eine Handvoll tapferer Gallier gegen die Verelendung des Kiezes stemmt, der von der Politik schon lange aufgegeben wurde und nur noch verwaltet wird.
Vielleicht aber auch, weil die niedrigen Mieten und die vielen leerstehenden Läden und Fabriketagen eine lebendige alternative Kulturszene sich entwickeln ließen, die nicht die Schicki-Micki-Kultur des Prenzlauer Berges importiert, sondern einfacher, härter, anders ist. Neuköllner Kultur, das ist der selbsternannte Dadasoph Rainer W., der seine in Notizbücher mit dem Kugelschreiber gezeichneten Strichmännchen zielgruppengerecht für 5 Euro das Blatt verkauft. Neuköllner Kultur, das ist der Hartz-IV-Überlebenskünstler »agi«, der in seinem Salonlabor in der Briesestraße Performances veranstaltet, die wohl auch er selber kaum versteht. Neuköllner Kultur, das ist Spielzeug-Tom, der tapfer versucht, ein Kulturnetzwerk für Neukölln im Internet aufzubauen und dabei ein System benutzt, das für diese Aufgabe völlig unzureichend ist. Aber es war eine geschenkte Software, etwas anderes kann sich Neukölln nicht leisten. Neuköllner Kultur sind aber auch die »48 Stunden Neukölln«, in der im Prinzip ein ganzes Wochenende lang jeder, der will, seine Kunst präsentieren darf.
Die vielbeschworene Integration findet allerdings auch in Neukölln nicht statt, auch nicht kulturelle. Nehmen wir die erwähnten »48 Stunden«. Da darf sich der ethnische Teil der Neuköllner Bevölkerung am Richardplatz auf einer Bühne mit Volkstänzen präsentieren, ansonsten findet er nur in Sonntagsreden Erwähnung. Aber verstehen wir alle nicht unter »Integration« eher »Assimilation«? Und dass »die da oben« unter Integrationspolitik sowieso nur Volkstanz verstehen, wundert in Neukölln auch niemanden.
Denn multikulturelles Leben in Neukölln findet nur zu Pfingsten beim »Karneval der Kulturen« in Kreuzberg statt. Bis vor wenigen Jahren beteiligte sich die »Manege«, ein Jugendzentrum in der Rütlistraße - ja da, wo auch die in den letzten Tagen so berühmt gewordenen Schule steht -, mit seinen vorwiegend arabischen und türkischen Jugendlichen erfolgreich an diesem Aufzug. Doch dann kürzte die Politik so massiv die Mittel, dass dies nicht mehr möglich war.
Auch liebe ich den Neuköllner Norden, weil er so schön übersichtlich ist: Die Sonnenallee (das längere, nördliche Ende, nicht das Stückchen aus dem Kinofilm) ist fest in arabischer Hand, die Schriftzüge an den Läden sind für Mitteleuropäer nicht zu entziffern und aus den Läden dringt der süßliche Rauch der Wasserpfeifen. Erinnerungen an den letzten Urlaub in Marokko werden wach. Die Weisestraße gehört den letzten wahren Autonomen Berlins, die sich immer noch nicht vom Schweinesystem integrieren ließen und eisern ihre Kiezküche offen halten. Das Gebiet rund um die Hasenheide wird mehr und mehr von schwarzafrikanischen Geschäften erobert, die Hermannstraße ist in türkischer Hand, das südliche Ende des Schillerkiezes, so munkelt man, gehört einer Rockergruppe, die dort ihre Stammlokale hat, und die Flughafenstraße ist sowieso in der festen Hand der örtlichen Trödelmafia. Nur das in den letzten Wochen fast alle »Muzik-Cafés« in Wettbüros umgewandelt wurden, das irritiert mich doch ein wenig.
Wie gesagt, ich wohne gerne in Neukölln. Vielleicht auch, weil es so ein lebendiger Bezirk ist, in dem immer etwas passiert. Die Trommler in der Hasenheide sind bei gutem Wetter bis auf unsere Dachterrasse zu hören: Dam dadat dadat dadam... Richtig relaxed. Doch plötzlich ändert sich der Rhythmus, er wird härter, schneller und aufgeregter. Mein inneres Auge erfreut folgende Szene: Von Norden und Osten brettern Wannen in die Hasenheide, südlich und westlich riegeln martialisch uniformierte, kasernierte Polizeischüler den Park ab. Aus den Mannschaftswagen springen Zivilpolizisten und beginnen eine fröhliche Hatz: Juppheidi, juppheida, Drogenfahndung, Razzia... Stanniolpäckchen werden hastig in die Büsche geworfen, dann wird ein wenig rumgerannt und zum Schluss werden zwei oder drei meist farbige junge Männer verhaftet, weil irgendetwas mit ihren Papieren nicht in Ordnung ist. Schon bald ziehen die Polizisten wieder ab und die Trommler trommeln Entwarnung: Summertime im Central Park von Neukölln ist auch immer Ohrenkino vom Feinsten.
Seit einiger Zeit bevölkert eine weitere Gruppe von Uniformierten den Jahnpark, wie die Hasenheide bei einigen alteingesessenen Neuköllnern immer noch heißt. Die Außendienstler des Ordnungsamtes, vulgo Kiezpolizei, jagen dort mit Vorliebe ältere Damen, die ihre Zwergpudel oder -pinscher unvorschriftsmäßig ohne Leine spazieren führen, während der nichtangeleinte Kampfhund ohne Maulkorb neben seinem muskelbepackten, Jogginghosen tragenden Besitzer geflissentlich übersehen wird. Der könnte ja neben seinen Bierbüchsen in den Knietaschen auch noch eine Waffe verborgen haben.
Auch blaue BMWs, im Volksmund »Türkenschleudern« genannt, die neben anderen Fahrzeugtypen, die bei Vorstadtluden beliebt sind, die Gehwege so zuparken, dass kein Kinderwagen mehr durchkommt, werden von den Mitarbeitern des Ordnungsamtes ignoriert. Aber das ist nur gerecht, schließlich gibt es im Neuköllner Norden sicher mehr Kleinkriminelle als Kinderwagenschieber, und da muss man schon Prioritäten setzen.
Dafür sollen die Kiezpolizisten nun mit Elektrorollern ausgerüstet werden. Vor meinem inneren Auge läuft ein weiterer Actionfilm ab: Rasende Vespalinnen und Vespalen jagen auf ihren zweirädrigen Gefährten verschreckte Omas und ihre Terrier durch den Jahnpark, angefeuert von den Trinkergruppen am Rande der Liegewiesen, während brave, grillende, türkische Familienväter den Hunden Lammfleischhäppchen zuwerfen und versuchen, mit ihren Kebabspießen die Roller zu stoppen. Versteht ihr nun, warum ich so gerne in Neukölln lebe?
Jörg Kantel lebt in Neukölln und gibt dort das Weblog
»Der Schockwellenreiter«
und zusammen mit seiner Frau Gabi das Kiezblog
»Der Rollberg«
heraus.
- Datum 01.04.2009 - 07:37 Uhr
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ein Kommentar von Christian Bommarius in der "Berliner Zeitung" http://www.berlinonline.d...
vom 06.04.2006
Meine kleine Sicht auf Neukölln: http://neukoelln.twoday.n...
Uns geht es wie Jörg. Es ist schön hier zu sein. Nein, eine Fussbodenheizung haben vieleicht andere Leute, wir nicht. Ein Blick aus dem Fenster ist 100mal lebendiger als sowohl in Marzahn als auch in Spandau. Ich könnte weder in Steglitz oder Lichtenrade oder in - huh - Tempelhof wohnen...
Was mich aber auch erstaunt hat, sind die vielen Wett-Cafés. Eine neu entdeckte Gesetzeslücke oder hat Robert Hoyzer soviele Kumpels? Oder wie?
deutschen Fruehling..ausserdem ist Sonne nicht gut fuer die Haut.
Leute, wir wohnen auch in Neukölln. Neukölln ist vielschichtig , bunt und manchmal auch ganz schön gefährlich. Letzteres kenne ich weniger. Aber meine Partei, die SPD hat auch an der Mahndemonstration für den erschossenen Polizisten teilgenommen.
Das ist richtig so. Es ist nicht in jedem Fall Spass, außerhalb irgendwelcher Normen zu leben. Ich mache mit in der Politik - ASF Neukölln -. Wir sind eine feine Truppe, ganz unterschiedliche Frauen. Guckt euch die Homepage an.
Im Rollbergviertel haben wir schon gekocht. Ich fand es ganz lecker und es hat Spass gemacht. Dieses Konzept mit dem Quartiersmanagement - Stichwort "Soziale Stadt" - was ist denn daran so falsch?
Ich habe auch in der SPD laut meine Kritik an Hartz I- ...
geäußert. Ich teile nicht die Analyse meines Bürgermeisters, aber es stört mich, dass ihr immer so über die Politik lästert. Was soll das heißen, die da oben. Sagt doch lieber, dass ihr vielleicht einfach eure Ruhe haben wollt und ein bisschen "asozial" sein wollt. Das ist euer gutes Recht.(Paul Lafargue "Das Recht auf Faulheit") Aber dann sagt es auch und haltet euch an das, was man euch zumuten darf, wenn ihr in einer Gemeinschaft lebt.
Leute, ich sehe überhaupt nicht schwarz, aber kaputt mache ich mich für euch auch nicht.
Wir stemmen das zusammen, weil wir gerne in Neukölln wohnen.
Grüße
in D.sind nicht ueber Nacht entstanden und es wird lange dauern bis eine akzeptable Loesung(ich benutze das Wort sehr locker) gefunden werden kann.Ich bin auch der Ueberzeugung dass die Lage auf dem Arbeitsmarkt 75% schuld am Aerger ueber die missliche Lage ist.Doch wenn man sich durch den internationalen Zeitungsblaetterwald liesst dann erkennt man dass 'Integration und Einwander' ueberall in d westlichen Welt in der Debatte sind.
Zunächst die Bemerkung, daß niemand etwas gegen arabische Zeichen in ein paar Straßen eines Kiezes hat. Problematisch wird es erst, wenn sich die Polizei nicht mehr in gewisse Straßen wagt bei der Verfolgung von Straftätern, weil sie dort mit bewaffnetem Widerstand rechnen muß. Das entspricht kürzlich geäußerten kritischen Bemerkungen des Neuköllner Bürgermeisters über seinen eigenen Stadtteil. Ich habe bei meinen Berlinbesuchen mit Übernachtung im Hotel Estrel auch nichts von Problemen in diesem Stadtteil festgestellt - so versteckt können sie sein, wenn man in den richtigen Straßen bleibt.
Apropos Oberprovinzler: Sie finden sich auch bei den Türken, je integrierter - desto provinzlerischer! Hier der deutsch-türkische Kabarettist (früher Cop in Köln) Topal in einem SPIEGEL-Interview:
"....Topal: Mein Vater hat einen großen Beitrag zur Entwicklung Deutschlands geleistet und wird jetzt mit in diesen Topf geworfen werden, nach dem Motto: typisch Türke. In der Generation meiner Eltern wird deshalb auch die Ausländerpolitik scharf kritisiert.
SPIEGEL ONLINE: In welcher Hinsicht?
Topal: Es ist beispielsweise schwer nachvollziehbar, warum Leute, die sich hier mit einem Asylbegehren aufhalten und immer wieder straffällig werden, noch soviel Rechtsschutz genießen. Ich wurde oft mit Dealern konfrontiert, die einen nach der Festnahme anlächelten und dachten: Ich mach das noch fünf Jahre und dann hab ich mir in meinem Herkunftsland eine Existenz gesichert. Dann ist der Schwamm ausgequetscht und zurückbleiben Enttäuschung und Wut. Andere müssen es ausbaden.
..."
Genau das bemängeln nicht nur türkische Gastarbeiter der ersten Generation, sondern auch die deutschen Oberprovinzler - die Rechtssicherheit für Rechtsbrecher auf Asyltrip. Im eklatanten Kontrast dazu die geradezu martialischen Maßnahmen gegen sog. Temposünder im Straßenverkehr, die bis hin zur Freiheitsberaubung durch Führerscheinentzug gehen. Solche Maßnahmen sind anscheinend nicht möglich bei Asylanten, die als Drogendealer auftreten. Jedenfalls nicht in Deutschland, in anderen Ländern schon, nur mal so gesagt für die Provinzler unter uns.
"Auch liebe ich den Neuköllner Norden, weil er so schön übersichtlich ist: Die Sonnenallee (das längere, nördliche Ende, nicht das Stückchen aus dem Kinofilm) ist fest in arabischer Hand,"
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Sonnenallee war jahrzehntelang ein Sinnbild für Teilung Deutschlands, am östlichen Rand der Strasse blickten Ostdeutsche mit Sehnsucht auf westliche Brüder.
Und jetzt... Ehemalige Ostdeutche können frei via Sonnenallee zu seinen westdeutschen Brüder fahren, allerdings sind keine Deutsche da! Stattdessen ist westliche Sonnenallee (Zitat) "fest in arabischer Hand"... Was für angenehme Überraschung!
Im Übrigen... Verehrter Herr Autor könnte noch mehr vom heiss geliebten Orient im "richtigen" Orient finden, also in der Türkei, in den arabischen Länder usw...
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