GeschichteTommies als Täter

Der Fachhistoriker Heiner Wember kommentiert die jüngsten Informationen über britische Folter-Lager in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg von Heiner Wember

Am liebsten stellen wir jene an den Pranger, die als Saubermänner daherkommen und bei denen man plötzlich herausfindet: Hoppla, so blütenweiß ist die Weste gar nicht. In diesem Fall die Briten: Okay, sie behandelten deutsche Kriegsgefangene fast immer fair, sie brachten uns die Demokratie und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, sie luden junge Deutsche nach England ein und lehrten sie das Diskutieren. Und nun: folternde Engländer nach dem Krieg?

Der Guardian hat herausgefunden: Der britische Geheimdienst, dem Kriegsministerium unterstellt, hatte in London und an mehreren Orten in der britischen Besatzungszone Interrogation Camps, Verhörzentren, in denen gefoltert wurde und in denen Menschen durch Misshandlungen, Hunger und Vernachlässigung zu Tode kamen. Zu nennen ist hier vor allem das Verhörzentrum in Bad Nenndorf bei Hannover, das von August 1945 bis Juli 1947 streng abgeschirmt von der Öffentlichkeit ein Foltergefängnis war. Zu den 372 gefangenen Männern und 44 Frauen gehörten vor allem solche, die der Spionage für Stalin verdächtig waren. Mindestens drei Gefangene, wahrscheinlich wesentlich mehr, starben an den Misshandlungen oder verhungerten. Dutzende behielten bleibende Schäden.

Folter ist immer ein Skandal, egal wann und wo sie angewandt wird. Doch bei dieser Story handelt es sich um Schnee von gestern. Seit fast 60 Jahren wissen wir, dass es diese Lager gab, dass es diese Folter gab; dass es diese Toten gab. Die britische Presse berichtete damals ausführlich darüber, das Lager Bad Nenndorf wurde geschlossen, die Verantwortlichen standen vor Gericht. Die Folterer kamen zwar mit einem blauen Auge davon; immerhin wusste die Öffentlichkeit aber von den Missständen und ihrer Beseitigung, sowohl die britische als auch die deutsche. Denn die freie bundesdeutsche Presse nahm ihren Auftrag ernst, ihre Freiheiten wahr und schrieb über alle Details. Vor allem Ernst Friedländer von der ZEIT machte sich in der Folgezeit zum Sprachrohr von Internierten in britischer Hand.

Plötzlich kocht die ganze Sache nun wieder hoch. Warum eigentlich? Seit dem vergangenen Jahr wissen die britischen Medien: Im Irak haben auch englische Soldaten gefoltert. Das aktuelle Thema provozierte den Blick in die Vergangenheit und die Frage: Haben wir Briten eine Tradition der Folter? Der Guardian -Reporter Ian Cobain ging der Sache nach. Er brauchte nur in der Fachliteratur zu suchen, sodann verlangte er Einsicht in die Akten. Schließlich ist mittlerweile die Sperrfrist abgelaufen. Das Resultat ist gleichwohl spärlich. Im Grunde brachten die Akten nur ein paar neue Details, aber keine neue Gesamterkenntnis. Trotzdem war der alte Skandal plötzlich ein neuer Skandal.

Das Einzige, was zur großen Sensation noch fehlte, waren Fotos. Bilder von abgemagerten Gefangenen, von geschundenen Kreaturen. Gequälte Deutsche. Noch versucht das britische Verteidigungsministerium, die übelsten Fotos mit fadenscheinigen Gründen zurückzuhalten. Das wird nicht gelingen. Am Montag bereits zeigte der Guardian auf dem Titel einen nackten Gefangenen aus dem Verhörzentrum Bad Nenndorf: einen zum Skelett abgemagerten, erbarmungswürdigen Menschen.

Solche Fotos machen aus einem längst bekannten Umstand eine Riesensensation. Ein Thema auch für unsere Skandal-Presse. Ich sehe schon den pseudo-historischen Vergleich kommen: Hier die befreiten Auschwitz-Gefangenen, dort die befreiten Nenndorf-Opfer. Und zwischen den Zeilen: Die Tommies waren auch nicht viel besser.

Doch, sie waren viel besser. Denn ausgerechnet das Beispiel Bad Nenndorf, genauer gesagt seine Schließung, zeigte damals die Überlegenheit der britischen Demokratie. Von Deutschen wurden in der Nazizeit im Staatsauftrag Millionen Menschen verhaftet, gequält, zu Tode geprügelt, vergast. Keine deutsche Zeitung hätte jemals darüber berichtet. In Großbritannien sollte das anders verlaufen.

Die britischen Verhörzentren waren streng geheim. Opfer wurden dort vor allem verdächtige Kommunisten und Antifaschisten, aber auch suspekte Nazis. Den Gefangenen Kurt Parbel, den ich zu Lebzeiten noch interviewen konnte, hatte man in dem Verhörzentrum Bad Nenndorf massiv misshandelt. Als ehemaliger politischer Zensor der Deutschen Wochenschau war er unter falschem Namen untergetaucht, aber entlarvt worden. Die Briten vermuteten in ihm einen Spion. Zu Parbels Misshandlungen gehörten vor allem Schläge und ein Aufenthalt in der berüchtigten Wasserzelle Nr. 12. Dort mussten die Gefangenen tagelang mit nackten Füßen im kalten Wasser stehen. Als Parbel zurückverlegt wurde ins Internierungslager Fallingbostel – er hatte zwar eine kleine Untergrund-Organisation gegründet, aber nicht für die Sowjets spioniert – nahm der ehemalige Nazi demokratische Tugenden an: „Wenn wir zu den Konzentrationslagern geschwiegen haben – zu Bad Nenndorf schweigen wir nicht.“ Er sprach den Lagerpfarrer an und der seinen Bischof. Der Bischof informierte den englischen Kardinal Griffy, der wiederum den Labour-Unterhausabgeordneten Richard Stokes. Und dieser Stokes stand eines Morgens vor dem Lagertor in Bad Nenndorf und verlangte Einlass. Kurt Parbel: „Meine Bewunderung galt dem britischen Parlamentarismus, dass es überhaupt möglich ist, dass, wenn ein Unterhausabgeordneter kommt, sich Gefängnistore öffnen, und er kann jeden einzelnen fragen: Wie sind Sie behandelt worden?“. Stokes zettelte eine Unterhaus-Debatte an, die Presse schrieb von Nazi-Methoden – und dann wurde das Lager geschlossen, die Verantwortlichen wurden angeklagt.

So funktioniert Demokratie. Was würde wohl mancher hiesiger Staatsschützer alles anstellen, wenn ein Krieg drohen würde und der potenzielle Feind vielleicht unsere AKWs in die Luft jagen wollte? Folter ist nie zu rechtfertigen, aber wo keiner hinguckt, da entsteht sie, wenn extreme Stresssituationen eintreten. Nicht das ist der Skandal, sondern der Skandal entsteht, wenn Gesellschaft oder Öffentlichkeit so etwas durchgehen lassen. Deshalb hat sich die britische Demokratie gerade im Skandal um Bad Nenndorf bewährt.

Und das war kein Einzelfall: Noch heute behaupten Neonazis, die Briten hätten in den regulären Internierungslagern für Nazis nach dem Krieg Methoden angewandt wie die Nazis selber. Schließlich gab es solche Civil Internment Camps mit insgesamt 90.000 Internierten auch in den vormaligen KZ Esterwegen und Neuengamme. Doch das ist reiner Quatsch. KZ-Baracken kann man so oder so nutzen. Die Behandlung in den britischen Camps war nach der chaotischen Übergangsphase bei Kriegsende fast immer korrekt und unbestechlich. Das bestätigten selbst ehemalige Nenndorf-Gefangene wie Kurt Parbel. Allerdings war der Hunger groß, und einige Gefangene starben an Unterernährung. Dasselbe schwere Los musste 1946 draußen im Hungerjahr auch die Zivilbevölkerung ertragen.

In einem der Internierungslager weigerte sich 1946 ein internierter SS-Lagerarzt, eine falsche Todesursache auf dem Totenschein zu notieren und bestand auf der Angabe starvation , Hungertod. Dieser Totenschein kursierte in der britischen Militärbürokratie; parallel brachten die Kirchen Informationen nach England - und wieder zu unserem bekannten MP Richard Stokes. Ein Unterhaus-Abgeordneter fragte im Parlament, ob es Politik der Regierung sei, die Internierten verhungern zu lassen. Das wirkte: Die Internierten nahmen schnell wieder an Gewicht zu und hatten es schließlich besser als die hamsternde Zivilbevölkerung draußen.

Was lernen wir aus alledem? Menschliche Abgründe gibt es überall. Die Frage lautet, ob Kontrollmechanismen existieren. In Großbritannien ja, damals wie heute. Die Medien dort sprechen heute von „Nazi-Methoden“ ihrer eigenen Dienste nach dem Krieg. Das ist überzogen, aber gut so. Denn es ist ein Beweis, dass die Briten die Folterer schnell zur Räson rufen und Missstände abstellen. Genauso gut ist, dass wir nach dem Krieg solche Kontrollmechanismen von den Briten gelernt und die Barbarei verlernt haben. Die Tommies waren doch besser. Und wir, wir sind inzwischen auch besser geworden.

Heiner Wember ist Historiker und Fachjournalist für Geschichte. Er produziert Fernsehdokumentationen und Hörfunk-Beiträge. In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit den Internierungslagern für ehemalige Nationalsozialisten in der britischen Besatzungszone Deutschlands. Die Arbeit ist unter dem Titel „Umerziehung im Lager“ im Klartext Verlag Essen erschienen. Sie wird in Kürze neu aufgelegt.

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Leserkommentare
  1. das es gute Folter und schlechte Folter gibt.

    Vielleicht sollte mal jemand den intelligenzbefreiten Autor gut foltern, das soll ja nach seinen Aussagen helfen.

  2. > Vielleicht sollte mal jemand den intelligenzbefreiten Autor gut foltern, das > soll ja nach seinen Aussagen helfen

    falls sich das auf den artikel beziehen sollte (und anderes kann ich kaum annehmen), dann sollten sie sich ihre äusserung wohl selbst zu herzen nehmen ...

    andernfalls (so die zeit einen unzuträglichen kommentar gelöscht hat), wäre es wohl angebracht, würde die redaktion zumindest darauf hinweisen -- sonst verliert nämlich ein antwort-kommentar nicht nur seinen sinn, sondern wird womöglich in sein gegenteil verkehrt.

    • fbm
    • 04. April 2006 12:48 Uhr

    arneanka - ich wäre gar nicht auf die idee gekommen, dass sich
    keisakunins beitrag nicht auf den artikel beziehen könnte und wäre sehr schnell bei einer antwort gewesen. dieser kommentar bewegte sich noch unter dem niveau der leserbriefe, die BILD nach lügenartikeln bekommt und ist somit mehrere stufen darunter zu beurteilen.

    doch auch der artikel selbst stellte für mich eine bereicherung dar. endlich eine andere perspektive auf die problematik.

    danke an artikel- und kommentarautor/in (arne anka)

  3. Warum sollen Folterer besser oder schlechter sein als Folterer?
    Im Schock über die sichtbar gewordenen Ereignisse, im so prädisponierten Nachkriegsklima und in Folge des propagandistisch behaupteten "Kreuzzuges gegen die Barbarei" war es wirklich nicht amüsant, sich selbst als Barbaren kenntlich zu machen.
    Darin bestand die Chance sich selbst zu erhöhen, und en passant irgendwelche eventuellen Beiträge zur Ideologie der "Überlegenheit der nordischen Rasse" durch ostentatives Distanzieren von "nazi-ähnlichen" Handlungsweisen öffentlichkeitswirksam vergessen zu machen.
    Auch darin liegt eine Quelle des Unterschieds, den der Autor dankenswerter Weise feststellt. Obwohl ihn die Tatsache der Folter als solche erstaunlich kalt bleiben lässt. Zumindest bei "guter Folter". Aber das ist vielleicht mehr ein flüchtiger Eindruck.

  4. Fachhistoriker Wember verschönert die Taten der Briten. Wenn man bedenkt, 4 Jahre lang tausendfache Bombardierung auf Zivilisten, +600 000 Verbrannte und 2-3 Millionen Verkrüpelte Menschen. Wahnsinnge wie Maddog Harris u. Churchill waren dafür die Atombombe übers Reich einzusetzen. Dieses Volk nennt Wember "besser". er verhöhnt die Leidtragenden der britischen Grausamkeit und Brutalität im Deutschen Reich. Heinz Dieter Chiba, Vertriebener im Alter von 2 Jahren.

    • mawato
    • 04. April 2006 19:56 Uhr

    Ein Beitrag wie aus einem Kommentar-Computer für korrekte
    Geschichts- und Gegenwartsdeutung.
    Eiskalt, unverständig, schlicht kopf- und herzlos.
    Zunächst eine Art pawlowscher Reflex, der bei der Wahrnehmung bestimmter Informationen gleich allerlei Vorprogrammiertes projeziert.
    Hier hat der Autor ruckzuck eine eingebildete kommende Pressekampagne vor Augen.
    Dann hängt er sich diese samt einem Anhang von Verschwörungen vor die Nase.
    Das Ganze gilt es dann grimmig zu bekämpfen.
    Richtig peinlich wird es dann, wenn er sich beim Vergleichen (für ihn ein Schreckgespenst, wenn´s andere täten) völlig verheddert.
    So führt er extreme äußere Stresssituationen als Begründung für Folter an.
    Bei den fraglichen Vorkommnissen kann davon aber keine Rede
    sein. Sie fanden nicht etwa während eines tobenden Krieges
    mit seinen Lebensgefahren statt, sondern in einem total besiegten, zerstörten Land, das von der Besatzungsmächten absolut beherrscht wurde.
    Aber, einem Autor im Kampf mit seinen Hirngespinsten Raum
    zu geben, kann auch interessant sein.
    Wenn dabei aber so ein stereotyper Reflex herauskommt, bei
    dem der Leser jeden Gedanken schon seitenlang voraussieht -
    dann ist das ein bisschen unter ZEIT-Niveau.
    Trotzdem, weil so idealtypisch, läßt sich der Artikel
    immerhin gut weiterverwerten. Wer mag, kann sich da Argumentationsmuster und Textbausteine für fast jede
    Gelegenheit herausknipsen.

  5. Tatsächlich war die Überlebensrate deutscher Kriegsgefangener in britischen Lagern weit höher als in amerikanischen oder französischen, auch existieren keinerlei Hinweise auf Anordnungen systematischen Nahrungsentzugs vergleichbar den von Eisenhower unterzeichneten (siehe James Bacque, „Other Losses“).
    Das Interessante an dem zitierten Guardian-Artikel liegt m.E. darin, dass er zeigt, wie fest das britische Militär von einem Krieg gegen die SU noch vor Ende 1945 überzeugt war. (Die Schliessung Nenndorfs 1947 dürfte dann weniger von dem Protest des Labour-Unterhausabgeordneten Stokes als vielmehr von der sowjetischen Atombombe getriggert worden sein – ein Krieg kam nun nicht mehr in Frage.) Bedeutsam ist diese Überzeugung der Briten vor allem in Bezug auf Dresden, dessen Zerstörung nur vor diesem Hintergrund „einen Sinn ergibt“ – am 12.2.1945 wurde Churchill in Jalta zu seinem Entsetzen Zeuge der Aufteilung Europas zwischen Stalin und den Amerikanern. Am 13.2. wurde Dresden samt Einwohnern von den Briten verbrannt, das als einzige noch nicht bombardierte deutsche Grosstadt der russischen Einflussphäre zugeschlagen worden war. An diesem Tag begann also der „Kalte Krieg“, für den Churchill dann auch in Amerika mit Vehemenz und Eloquenz (berühmte Floskeln – „we slaughtered the wrong pig“ ‚ „iron curtain“ etc.) auf Werbetour ging. Man muss sich vergegenwärtigen, dass in der US Regierung zu diesem Zeitpunkt noch eine starke pro-stalinistische Strömung existierte, angeführt von Roosevelts Vice president Henry Wallace.

  6. "Die Tommies waren doch besser. Und wir, wir sind inzwischen auch besser geworden."

    Wo waren denn die Engländer besser? In Dresden?

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