Gentherapie Krebsrisiko inbegriffen

Ein internationales Forscherteam hat Schwerkranke geheilt, indem es defekte Gene durch intaktes Erbgut ersetzte. Die Fachwelt ist beeindruckt. Doch das Verfahren bleibt unberechenbar

Es war ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Im besten Fall würde der Therapieversuch die drei Kranken heilen - oder sie, im schlimmsten Fall, töten. Dennoch, vor zwei Jahren wagte ein 27-köpfiges Gentherapeutenteam aus Frankfurt, Heidelberg und Zürich den Eingriff. Zwei Männer, 25 und 26 Jahre alt, beide schwerkrank, bekamen mehrere Hundertmillionen genetisch veränderte Blutstammzellen in den Kreislauf gespült. Sechs Monate später wiederholten die Wissenschaftler die Behandlung mit einem fünfjährigen Jungen am Universitätskinderspital Zürich.

Alle drei Patienten litten an septischer Granulomatose, einem angeborenen Gendefekt. Er vermindert die Immunabwehr gegen Pilze und Bakterien so weit, dass die Betroffenen Zeit ihres kurzen Lebens mit schwersten Infektionen kämpfen. Die Fresszellen (Makrophagen) im Blut von Granulomatose-Patienten können die Keime zwar noch verschlingen, sie aber nicht mit Hilfe von Peroxiden abtöten. Aufgrund eines Gendefekts produziert ihr Stoffwechsel diesen Bazillenkiller nicht. Schlimmer noch, die machtlosen Immunzellen tragen die Erreger in alle Organe des Körpers, ohne Behandlung sterben die Patienten meist noch vor dem 25. Lebensjahr. Die einzige Chance, die sie bisher haben, ist eine Knochenmarktransplantation. Die Blutstammzellen eines Gesunden ersetzen die kranken Fresszellen und stellen die Abwehrfunktion wieder her.

Anzeige

Doch nicht alle Patienten finden einen passenden Spender, auch die zwei jungen Männer hatten kein Glück. Zumindest nicht, bis sie stattdessen an der heiklen Prozedur der Gentherapie teilnahmen. Am Sonntag meldete das Fachblatt Nature Medicine nun den durchschlagenden Erfolg des Experiments. Rund 50 Tage nach der Behandlung hatten sich die Symptome der Patienten - eine schwärende Bakterieninfektion der Leber und ein massiver Pilzbefall der Lunge - verflüchtigt. Die ohnehin kaum wirksamen Antibiotika konnten abgesetzt werden. Nachdem die beiden Männer den Versuch gut überstanden hatten, beschloss man, auch das Kind in Zürich zu behandeln. »Ein Pilz hatte seine Lunge befallen und sein Rückenmark eingemauert«, sagt der verantwortliche Kinderarzt Reinhard Seger. Der Keim drückte derart massiv auf die Nervenbahnen, dass der kleine Patient nicht mehr laufen konnte. Ohne die Gentherapie wäre der Junge gestorben, glaubt Seger. Nach der Behandlung sei die Infektion jedoch abgeklungen, der Patient könne wieder kurze Strecken laufen.

Obwohl bislang erst drei Granulomatose-Patienten behandelt wurden, gilt der Erfolg in der Fachwelt mindestens als hoffnungsvoll. »Es ist ein tolles Ergebnis und der Lohn für jahrelange harte Arbeit« sagt der Kölner Klinikchef Michael Hallek. Der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Gentherapie warnt allerdings vor zu frühem Jubel. Es bleibe abzuwarten, »ob die Patienten langfristig profitieren und ob Nebenwirkungen auftreten«. Die Gentherapeuten sind vorsichtig geworden. Hatte so mancher vor Jahren noch vollmundig Heilung versprochen, redet man heute lieber von »kleinen Schritten«. Zu lange war die Gentherapie übel beleumundet, die erste Katastrophe geschah vor sieben Jahren: 1999 starb der 18-jährige Amerikaner Jesse Gelsinger nach einem Therapieversuch mit einer enorm hohen Dosis Adenoviren. Die Viren sollten ein Korrekturgen in seine Leberzellen schleusen, doch Gelsinger litt zwar an einem angeborenen Stoffwechseldefekt. Er war aber gar nicht lebensbedrohlich erkrankt. »Das war Übereifer«, urteilt Christof von Kalle rückblickend über den Ehrgeiz der US-Kollegen, die zu früh ein zu hohes Risiko eingegangen waren.

Erste Erfolge verzeichnete man später mit der gentherapeutischen Behandlung von Kindern mit einer angeborenen Immunschwäche, X-SCID genannt. Insgesamt 18 solcher Kinder wurden bis heute mit einem Retrovirus therapiert. Der Erreger schleuste ein Korrekturgen in ihre Blutstammzellen ein. Die meisten dieser Versuche leiteten der Londoner Immunologe Adrian Thrasher und der Pariser Mediziner Alain Fischer. In fast allen Fällen war der Gentransfer erfolgreich und stellte die Immunfunktion der Patienten wieder her - doch dann erkrankten drei von Fischers Patienten nach der Gentherapie an Blutkrebs. Eines der Kinder starb und der Optimismus der Forscher hatte erneut einen gehörigen Dämpfer erhalten. Als der erste dieser Fälle bekannt wurde, stoppte die Kommission für Somatische Gentherapie der Bundesärztekammer auch die Frankfurter Studie. Sie empfahl, nur noch Patienten ohne therapeutische Alternative zu behandeln, die zudem über die Krebserkrankungen informiert werden mussten.

Verantwortlich für das hohe Krebsrisiko moderner Gentherapien sind die von Retroviren abgeleiteten Genfähren. Sie sollen Ersatzgene für defekte Erbanlagen in die Zellen der Patienten bringen, und das tun sie auch recht effektiv. Doch wo genau sich die Genvehikel schließlich im Erbgut einnisten, ist nicht vorherzusehen. Inzwischen weiß man, dass Transferviren die Nähe aktiver Gene bevorzugen. Zu diesen Genen können auch potenzielle Krebsgene gehören - und dann wird es gefährlich: Bei den drei X-SCID-Patienten in Paris aktivierten die therapeutischen Retroviren vermutlich das so genannte LMO2-Gen der Zellen und verursachten so eine T-Zell-Leukämie.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service