Khmer-Route (7) Was ist Gerechtigkeit?

In Kambodscha will ein neuer Gerichtshof aufarbeiten, was nicht zu bewältigen ist: den Genozid am eigenen Volk

Die Zellen im ehemaligen Folterzentrum von Tuol Sleng

Die Zellen im ehemaligen Folterzentrum von Tuol Sleng

Gestern hat man mich mit Lotusblüten beworfen. Es kam wie ein Regen aus durchscheinenden weißen Blättern über uns nieder, die wir auf der Bühne im sehr neuen und sehr heißen Verhandlungssaal des Außerordentlichen Gerichtshofes von Kambodscha auf Strohmatten kauerten. Vielleicht 30 Leute, umstellt von hilflosen Ventilatoren. Männer in weißen Oberhemden, Frauen in langen Seidenröcken. Wir saßen mit gefalteten Händen und untergeschlagenen Beinen vor vier Mönchen, die mit dem Rücken zur hinteren Bühnenwand ruhten und Bitten und Beschwörungen intonierten, in rhythmischen Wiederholungen melancholische Tonfolgen in Pali sangen, der heiligen Sprache Buddhas, mit kleinen Einflechtungen von zeitgenössischem Khmer. Es war ein Auf- und Abschwellen von Silben und Tönen, der Anstoß immer wieder erneuert durch einen Zeremonienmeister, einen dürren, weißhaarigen Greis, und aufgenommen durch den Chor der Gemeinde. Es war ein Anklingen und Ausklingen von Hoffnung und Verzweiflung, ein sanfter religiöser Rap.

Die Mönche tauchten Palmwedel in Silberschalen und besprühten die Betenden mit heiligem Wasser, sie griffen mit beiden Händen in die blütengefüllten Goldschalen, die vor ihnen standen, und warfen die weißen Blätter in die Luft.

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Der Auftritt der Mönche zur Segnung der Extraordinary Chambers in the Courts of Cambodia for the Prosecution of Crimes Committed During the Period of Democratic Kampuchea, erfreulich kurz auch ECCC genannt, hat am Freitag eine merkwürdige Woche abgeschlossen. Eine, in der sich die Fragen nach dem, was Buddha vermag und was der Mensch, was heilend wirken möchte, nach den kambodschanischen Jahren der Dunkelheit, ob es die Erinnerung ist oder das Vergessen, das Gesetz, die Zeit oder nur die Ewigkeit, die Politik Kambodschas oder einzig der Nachdruck der Vereinten Nationen in New York.

Eine Woche also, in der sich alle diese Fragen wieder quälend neu stellten, wie jeden Tag in Kambodscha. An dem man sich zum Beispiel fragt, wann endlich die Regierung sich zur Vorschlagsliste der Richter äußern würde, welche die UN vorgelegt hat, wann denn die Ermittlungen aufgenommen werden könnten, wann wohl verhandelt wird oder gar ein Urteil gesprochen über die Schuldigen des Genozids, den Historiker auch Autogenozid nennen, weil ein Volk sozusagen über sich selber hergefallen ist. Ob es nach so etwas Gerechtigkeit gibt. Wie der Kreislauf des Leidens, in dem Kambodscha seit so vielen Jahren befangen ist, durchbrochen werden könnte. So viele Tote und so viele Menschen, die alles verloren haben, ihre Eltern, die Kinder, die Existenz.

Am Montag dieser Woche brachten sieben Busse 470 Überlebende der Pol-Pot-Ära aus verschiedenen Provinzen in die Hauptstadt, damit sie die Stätten des Horrors besuchen könnten, die Folterzentrale der Khmer Rouge in Toul Sleng und die Exekutionsgruben vor der Stadt. Anschließend sollten sie sich mit eigenen Augen davon überzeugen, dass es jetzt tatsächlich einen Gerichtssaal gibt, in dem die Anführer dieses Horrors sich verantworten müssen, nun endlich, 26 Jahre nach der Befreiung von dem Terror durch Angka, der allmächtigen Partei.

Das neue Gerichtsgebäude liegt 18 Kilometer vor der Stadt, an einer öden Landstraße, auf der Laster und Busse vorbeibrettern, nachdem sie die Verkehrsstaus der Ausfallstraßen hinter sich gebracht haben. Gegenüber eine riesige Fabrik. Nebenan ein monströs dekoriertes Gebäude der kambodschanischen Armee. Die Weite dieser Brachflächen und die Leere der hohen Bürotraktes, in dem Vertreter der Gerichtsbarkeit seit Monaten vergeblich erwartet werden, sind bizarrer Gegenpol zu Tuol Sleng, dem inmitten des Gewimmels der Stadt liegenden Folterzentrum, das ein Ort ist, in dem sich das Böse auf außergewöhnliche Weise verdichtet hat.

Sicherheitsgefängnis S-21. Früher war es eine Grundschule. Damals lag sie inmitten einer Geisterstadt, nachdem Khmer Rouge Phnom Penh geräumt und Millionen zum Auszug aus der Kapitale gezwungen hatten. Nur ein paar tausend Kader waren noch da, und der Horror von Tuol Sleng. Eingekreist von einer Mauer, darüber Stacheldraht. In diesem Nest von Stacheldraht also die Klassenzimmer, die in unzählige Zellen unterteilt sind, durch rohe Bretter oder nackte Steinwände. In den winzigen Zellen wurden innerhalb von drei Jahren mindestens 14.000 Menschen inhaftiert. Verhaftet, fotografiert, entkleidet. Gefoltert auf den rostigen Bettgestellen im Erdgeschoss. Ein Inferno, zuletzt konzentriert auf eineinhalb mal zwei Meter, auf einen Körper. Unter den Gestellen sind noch immer dunkle Flecken auf den dreckigen Fliesen zu sehen.

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