Hauptschuldebatte Keine Alternative
Die Lehrer an den Hauptschulen benötigen disziplinarische Möglichkeiten, um der Lächerlichkeit zu entgehen. Und ihre Schüler brauchen klare Regeln und eine gemeinsame Sprache, kommentiert Susanne Gaschke
Von der knallharten Realität an deutschen Hauptschulen bekommt der Mittelstandsbürger wenig mit - wenn es irgend geht, schickt er seine eigenen Kinder auf Realschulen, auf Gymnasien, zur Not auf Gesamtschulen, richtig gern auf christliche Privatschulen. Das gilt auch, vermutlich in überdurchschnittlichem Maße, für die Mitglieder der "chattering classes", für Journalisten und Politiker und deren Kinder. Sie alle müssen an der Hauptschule nicht leiden, und insofern kann sie ihnen ziemlich egal sein, nein, sie ist es sogar.
Leider muss man gleichzeitig davon ausgehen, dass jenen Eltern, die sich mit dem Hauptschulbesuch ihrer Sprösslinge abfinden, die Zustände an den entsprechenden Lehranstalten ebenfalls gleichgültig sind. Als ernst zu nehmende Erziehungsinstanzen, als Autoritäten und Vorbilder fallen sie mehrheitlich aus.
Das heißt, dass Lehrer, die idealistisch oder naiv oder wahnsinnig genug waren, den Beruf des Hauptschullehrers zu ergreifen, und Schüler, die häufig nur sehr rudimentär zivilisiert worden sind, praktisch unter Ausschluss er Öffentlichkeit aufeinander treffen. Es habe keinen großen Sinn mehr, von Hauptschulen an sozialen Brennpunkten zu sprechen, sagen Hauptschulrektoren; Hauptschulen seien heute die sozialen Brennpunkte der Gesellschaft. Und eine breite Mehrheit lebt gut damit, dass ihr ein paar Profis das Ärgernis aus dem Auge und aus dem Sinn halten.
Die Lehrer der Rütli-Hauptschule in Berlin Neukölln haben jetzt etwas geradezu Ungehöriges getan: nämlich dieser Mehrheit das Problem der hässlichen Hauptschüler auf den gemeinsamen Abendbrotstisch gelegt. Das Kollegium war offenbar nicht mehr bereit, Gewalt, Angst und Anomie an ihrer Schule als Privatsache zu betrachten. Und die Strategie erweist sich zumindest kurzfristig als wirksam: Jetzt steht die Polizei als Ansprechpartner bereit, Schulpsychologen und Sozialarbeiter rücken an, der vakante Schulleiterposten wird kommissarisch besetzt. Alles richtig, alles hilfreich, alles keine langfristige Lösung.
Die ist nicht zu haben, ohne den Frieden der nicht-hauptschulbetroffenen Bürger zu stören. Die Lehrer der Rütli-Schule haben das in ihrem Brief an den Berliner Senat formuliert: "Perspektivisch muss die Hauptschule in dieser Zusammensetzung aufgelöst werden zu Gunsten einer neuen Schulform mit gänzlich neuer Zusammensetzung." Das heißt: Es geht um Quoten. Mit zu vielen, mit ausschließlich Unterschichtenschülern kann man keinen vernünftigen Unterricht veranstalten. Wo allein Privatfernsehen, Konsumorientierung, Arbeits- und Haltlosigkeit der Eltern und allgemeine Brutalität das Leben bestimmen, funktioniert die Schule nicht, keine Schule. Das gleiche gilt für den Ausländeranteil: Es gibt Grenzen, jenseits derer die Schule nicht mehr integrieren kann. Bei 80 Prozent Schüler mit nicht-deutschem Hintergrund sind sie überschritten, meilenweit.
Also muss man die Konzentration der Deklassierten senken, und der Zu-Integrierenden. Dafür bieten sich Gesamt- oder Gemeinschaftsschulen an, aber um welchen Preis: Die Gesellschaft müsste sich bei einem Systemwechsel aus diesem Anlass offen eingestehen, dass künftig die netten Kinder aus den heilen Familien den Sozialkitt für jene Jugendlichen abgeben sollen, deren Vorbild bisher, an der Rütli-Schule und anderswo, der "Intensivtäter" war. Überaus fraglich, ob sich für ein solches Vorhaben eine demokratische Mehrheit findet.
Die Alternative bestünde in einer Art Ablasshandel: Man würde mit Heerscharen von Sozialarbeitern, Hilfslehrern, Fußballtrainern, Nachbarschaftspolizisten und freundlichen Schulköchinnen in der Hauptschule selbst eine Art intaktes Familienleben simulieren. Die enormen Mittel dafür werden wir allenfalls aufbringen, wenn wir vor der anderen Variante ausreichend Angst haben - wenn wir endlich begreifen, dass ein verfestigtes Milieu der Hoffnungslosen vielleicht nicht für immer ein Problem anderer Leute bleibt.
Und natürlich heißt es nun endgültig Abschied nehmen von manchen linksliberalen Sentimentalitäten und den letzten Resten antiautoritärer und multikultureller Blauäugigkeit. Sechzehnjährige, fitnessstudio-gestählte Gangleader brauchen Makarenko-Pädagogik , nicht die zaghafte Androhung des Ausschlusses vom Klassenfest. Die Lehrer müssen von den Kultusbürokratien mit intelligenten Disziplinarmaßnahmen ausgestattet werden, die sie nicht von vorne herein der Lächerlichkeit preisgeben. Die Zusammenarbeit von Polizei und Sozialbehörden mit der Schule gehört gestärkt - und zwar mit dem erklärten Ziel, sehr schnell Druck auf Problemeltern auszuüben. Und die deutsche Sprache ist - wie Gewaltfreiheit und das Bekenntnis zu Menschenrechten und Demokratie - unverhandelbare Geschäftsgrundlage für den Besuch deutscher Schulen. Es wird mühsam, anstrengend und teuer, einer bestimmten Migrantenklientel zu dieser Einsicht und zu den nötigen Sprachkenntnissen zu verhelfen. Aber dazu gibt es gar keine Alternative.
- Datum 25.01.2006 - 12:31 Uhr
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Leserbrief an DIE ZEIT"
Gedanken zum verfassungsgemäßen Gewaltmonopol - an der Rütli-Schule in Neukölln und anderswo.
Die Bilder der Hauptschule aus Neukölln ließen mich an meine eigene Schulzeit zurück denken. In der 8. Klasse des Wilhelmsgymnasiums in Kassel hatten wir im Jahre 1981 nur einen Ausländer - Stanislav aus Jugoslawien, er war einer der besten Schüler. Sein Vater war Arzt, bei der Integration" musste keiner nachhelfen.
Unsere Lehrerschaft war damals wie heute von den so genannten 1968´ern" und deren Gedankengut stark geprägt und die jungen Lehrer und Lehrerinnen waren bereits von Professoren dieser Generation an der Universität geschult worden. Das Predigen der Gewaltfreiheit war eine der Lieblingsbeschäftigungen dieser Beamten, die unser Staat den Schülern damals vorsetzte.
Ungeachtet ihrer pazifistischen Weltanschauung haben diese Staatsbediensteten im Lehrerberuf bei handfesten Schlägereien auf dem Schulhof beflissentlich weggesehen. Auch wenn sich unsportlicherweise gleich mehrere Schüler auf einen Außenseiter stürzten und die versammelte Schülerschaft laut anfeuernd darum herum stand wurde nicht eingegriffen. Die Aufsicht des Pausenhofs wurde nicht wahrgenommen, was sich schon an den Unmengen achtlos weggeworfenen Mülls auf dem Schulhof erkennen ließ...
An einen Lehrer erinnere ich mich besonders. Er nahm eine Vertretung war, der sonst diensthabende Lehrer war wie üblich unangemeldeterweise vom Dienst ferngeblieben. Dies konnte, wie nicht selten der Fall, erst 15 Minuten nach Beginn der Unterrichtsstunde vom Klassensprecher im Sekretariat recherchiert werden. Da dieser nun als Vertretung geschickte Lehrer ohnehin nicht mit dem Lehrplan seines Kollegen vertraut war (!), wurde für diese Stunde der Unterricht in Sachen Weltanschauung auf den Plan gestellt. Die Amerikaner waren gerade im Iran tätig geworden, um ihre Botschaftsangehörigen zu befreien. Was es doch für schlimme, gewalttätige, blutrünstige Kriegstreiber waren, diese Amerikaner, wetterte der Herr Lehrer durch seinen langen Rauschebart lautstark bis zur Pausenglocke....
Kurz danach wurde mein Vater für ein Jahr beruflich in die USA versetzt und ich besuchte dort die High School" in der 10. Klasse. Dort konnte ich mir aus erster Hand ein Bild darüber machen, wie man an Amerikas Schulen die Gewaltfreiheit nicht nur predigt, sondern auch praktiziert: Schlägereien waren tabu. Wer auf dem Schulanwesen auch nur die Hand gegen seine Mitmenschen hob landete sofort beim Direktor. Und wer dort landete musste sich schämen. Es war sofort in aller Munde. Die drakonischste Strafe bestand in der sogenannten Suspension". Unterrichtsverbot - der Schüler musste einige Tage zu Hause bleiben und sich besinnen. Die Strafe bestand darin, von der Schülerschaft ausgegrenzt zu werden. Schmach und Schande brachte dies über ihn. Das Konzept des Schule Schwänzen" kannte man gar nicht (!). Zum Toilettenbesuch während der Unterrichtszeit brauchte man einen Pass" - ein Holzpaddel mit der Nummer des Klassenzimmers, das jeweils nur an einen Schüler dieses Klassenzimmers vergeben werden konnte. Rauchen war grundsätzlich auf dem gesamten Schulgelände verboten. Das Verbot wurde auch durchgesetzt. Keine Kippe weit und breit. Unterrichtsausfall gab es nicht. Hierzu hatte die Schule eine lange Liste an freiwilligen Pensionären, die - dank dort üblicher, zeitiger Abwesenheitsmeldung der verantwortungsbewussten Lehrkräfte - rechtzeitig aktiviert werden konnten, so dass Schüler grundsätzlich auf dem Schulgelände oder im Gebäude niemals ohne Aufsicht blieben! Jede Freistunde im Stundenplan wurde als beaufsichtigte Hausaufgabenzeit im Klassenzimmer gestaltet. Study Hall" nannte man das. Alles sinnvolle Schritte, um den Schülern von Anfang an die Gelegenheit zu nehmen, Dummheiten zu machen oder sich desbezwecks auf dem Schulgelände zusammen zu rotten.
Seit ich diesen Vergleich der Systeme" erleben durfte, habe ich ein geschultes Auge für die immer wieder aufs Neue bewiesene Unfähigkeit unseres Staates und seiner Organe in der Wahrnehmung staatlicher Kernaufgaben und der mangelhaften Ausübung des verfassungsgemäß vorgegebenen Gewaltmonopols zum Wohle seiner Bürger entwickeln können. Die Rütli-Schule in Neukölln ist hier nur ein weiteres Beispiel.
Die Probleme an der Hauptschule in Neukölln haben leider nichts damit zu tun, dass es sich um eine Hauptschule handelt. Sie haben auch nichts damit zu tun, dass die Schule mehrheitlich von Ausländern besucht wird oder dass für die Schulkinder angeblich Perspektivlosigkeit herrscht. Man möge doch bitte einmal die Perspektiven in den Heimatländern der Ausländerkinder als Vergleich heranziehen. Und was machen so viele Libanesen in Neukölln? Haben ihre Eltern alle Asylantrag gestellt, weil sie verfolgt wurden oder auch weil sie verfolgt haben, damals im vom Krieg zerrütteten Libanon? Muss nicht davon ausgegangen werden, dass viele Kinder vom Elternhaus her eine erhöhte Gewaltbereitschaft geradezu anerzogen bekommen haben? Werden die Glaubensfehden aus dem Libanon nicht auch auf deutschem Boden (Pausenhof) weiter ausgetragen?
Die Probleme in der Hauptschule in Neukölln und anderswo haben sehr viel damit zu tun, dass in der Lehrerschaft, dem ersten regelmäßigen Kontakt junger Menschen mit unserem Staat, wie auch bei den zuständigen Staatsorganen, die Ansicht tief verwurzelt oder gar gesetzlich vorgegeben ist, man könne alle erzieherischen Aufgaben mit gutem Zureden bewältigen. Bloß keine Gewalt, bloß kein Zwang. Sinnigerweise wird durch einen solchen Ansatz in der Erziehung junger Menschen die Gewaltbereitschaft und die Ausübung der Gewalt geradezu gefördert. Das Ergebnis ist nun die vollständige und in alle Öffentlichkeit getragene Kapitulation der zuständigen Staatsorgane vor ein paar vorpubertären Halbstarken. Neukölln ist der Beweis, für alle die es nicht glauben wollen. Lächerlich! Sind das meine Steuergelder bei der Arbeit?! Wie soll mit so einer Jugend später einmal in Deutschland gewirtschaftet werden?
Wir tun den jungen Menschen keinen Gefallen damit, wenn wir nicht bereits früh in ihrem Leben ganz klare Grenzen ziehen. Grenzen, die für alle gleichermaßen gelten - Ausländer oder nicht. Erziehung bedeutet in aller erster Linie, den jungen Menschen klar zu machen, wie weit sie gehen können. Eine Binsenweisheit - die 68´er Generation, die Jahrzehnte lang insbesondere das Schulwesen in unserem Lande mit ihrer Ideologie prägte, sieht das freilich nicht so. Neukölln ist der handfeste Beweis für das Scheitern der Grundgedanken ihres Welt- und Menschenbildes an der Realität.
Dass es aufmüpfige, frustrierte, benachteiligte, von Hause aus schlecht erzogene Schüler gibt ist nicht neu. Es gibt sie unter Deutschen wie unter Ausländern und nicht nur in Neukölln. Dass unser Staat jedoch bereits Jahre lang tatenlos zusieht, wie die Situation in unserem Bildungswesen langsam (mindestens seit 1981) außer Kontrolle gerät, dafür muss Rechenschaft abgelegt werden! Es handelt sich um Deutschlands Nachwuchs, um Deutschlands Zukunft!
Die Verantwortlichen müssen die Verfahrenheit der Situation erkennen. Mit Psychologen und anderen Weltverbesserern mit ihren Seelenmassagen ist hier nicht mehr viel auszurichten. Eine Hundertschaft Bereitschaftspolizei - und sei es nur eine Woche lang - könnte mehr bewirken. Unser Staat muss mit seinem Gewaltmonopol Präsenz zeigen! Für gewaltbereite Fußballfans werden diese Mannstärken jederzeit ohne Umschweife mobilisiert. In jedem Klassenzimmer ein Polizist - wer aufmuckt wird sofort abgeführt. Als ergänzende Maßnahme sind Liegestütz auf dem Schulhof zu empfehlen. Die kurzfristige Ermüdung und langfristige Ertüchtigung durch diese einfache sportliche Betätigung würde allein schon durch Senkung des kollektiven Hormonspiegels zu einer Minderung der Gewaltbereitschaft führen. Aber so etwas darf man ja in Deutschland nicht einmal denken. Weil das gute Konzept einmal von den Kriegstreibern der deutschen Version mißbraucht wurde.... Liegestütz, der blanke Militarismus" werden viele meiner Mitbürger sagen - oder vielleicht heute nicht mehr?!
Deutschland, der selbe Staat, der sich in Neukölln bis aufs Mark blamiert, schickt sich im selben Atemzug an, mit einer Handvoll Soldaten im tiefsten Afrika für einen gewaltfreien (!) Ablauf der dortigen Wahlen sorgen zu wollen. Ein lobenswertes Anliegen, aber welch ein Aberwitz. Wie soll es unser Staat mit der Armee an halbwüchsigen, unter Drogen aufgeputschten Kindersoldaten aufnehmen, denen das Innenleben der Kalaschnikov genau so geläufig ist wie unserer Jugend vielleicht der Metallbaukasten, wenn wir noch nicht einmal in der Lage sind, auf den Schulhöfen unseres eigenen Landes für ein zivilisiertes, gewaltfreies und durch die Grundgedanken unserer Weltanschauung geprägtes Zusammenleben der Schüler zu sorgen?
Die Situation an der Rütli-Schule ist nur die Spitze des Eisbergs. Auch an Berliner Gymnasien ohne hohen Ausländeranteil ist die Situation prekär. Das habe ich schon vor 15 Jahren erfahren, als ich selbst mit einem Referendariat an einem Berliner Gymansium begann, wo ich es allerdings schon damals nicht länger als vier Monate aushielt. Schon damals gab es Schüler, die zu ihren Lehrerinnen "Fotze" sagten, überhaupt nicht gewillt waren, dem Unterricht zu folgen, mit anderen Mitschülern Quatsch machten und nur hämisch lachten, wenn der Lehrer etwas von ihnen wollte. Ich fand die Zustände so katastrophal, dass ich die Flucht ergriff. Zumal unsere damaligen 68'er Mentoren auch noch der Meinung waren, Disziplinprobleme seien auf einen schlechten oder langweiligen Unterricht des Lehrers zurückzuführen. Wie aber soll sich bitteschön ein Lehrer mit dem noch so spannendsten Unterricht Respekt verschaffen, wenn er nicht die geringsten Druckmittel mehr hat? Schulverweise werden ja kaum ausgesprochen, schlechte Noten beeindrucken die Schüler nicht, eine Ohrfeige darf der Lehrer nicht mehr geben. So what? Die antiautoritäre Erziehung ist gescheitert. Wenn wir das nicht erkennen, wird es verheerend weiter mit unserer Gesellschaft bergab gehen. Kein Wunder, dass die allgemeinen Umgangsformen so verrotten. Wir müssen mit Sicherheit nicht wieder den Rohrstock einführen wie in der Weimarer Republik, aber dem Lehrer muss in extremen Fällen schon mal die Hand ausrutschen dürfen - in extremen Fällen muss er vielleicht sogar Pfefferspray einsetzen müssen - ohne dass er gleich ein Disziplinarverfahren am Hals hat. Denn die Verhältnisse haben sich ja längst verkehrt: Im ausgehenden 19. Jahrhundert hatte der Schüler Angst vorm autoritären Pauker, seit Ende der siebziger Jahre hat der Lehrer Angst vorm Schüler-Terroristen! Wir müssen also unser Schulgesetz nivellieren. Dringend. zumal die Eltern ja oftmals leider gar nicht mit den Lehrern an einem Strang ziehen und ihre Kinder völlig unkritisch in Schutz nehmen. Die Eltern müssen zur Verantwortung gezogen werden, sowohl mental als auch finanziell. Vielleicht sollte man ein Schulgeld einführen, das die Eltern zu zahlen haben, damit sie und ihre Kinder begreifen lernen, dass es ein Geschenk ist, alphabetisiert zu werden. Um Anreize zu schaffen, könnte man das Schulgeld staffeln, und wer sich bessert, sollte auch eine Chance haben, im nächsten Schuljahr weniger zahlen zu müssen (analog zum Bonusprogramm der Krankenkassen). Eine Staffelung könnte in etwa so aussehen: O Euro für Kinder, die gerne und aufmerksam lernen, 50 Euro monatlich für Kinder, die öfter mal zu spät kommen, im Unterricht Kaugummi naschen und Walkman hören, 100 und 200 Euro für verbale Entgleisungen und ab 300 bis 500 Euro für gewalttätige Kinder.
Zunächst Danke an Frau Gaschke für die klare Position in einer ansonsten verschwommenen und ideologisierten Bildungsdiskussion.
Die Vorfälle in der Berliner Hauptschule sind m.E. kein Ausdruck eines Migranten-Problems sie sind auch kein Hauptschul bzw. Schulform-Problem, auch, wenn sie dort eher sichtbar machen, was jedoch an anderen Schulformen, Orten und Schülerbesetzungen strukturell ebenfalls als problematisch zu erkennen ist.
Vielmehr leisten wir uns seit Jahren eine unerträgliche Auseinandersetzung um Bildungsreform, Pisa-Studien, Bildungsföderalismus und "moderne" pädagogische Rezepturen, anstatt einige offensichtliche Fehlentwicklungen zu benennen und zu bearbeiten:
1. Die Klassenstärken sind definitiv zu groß. In einer zurecht nicht auf autoritäre Verhaltensmuster getrimmten Kindergeneration ist ein Unterricht mit bis zu 35 Schüler/innen in einem Klassenraum nicht möglich, zumal dann nicht, wenn zugleich individuelle Förderung großgeschrieben werden soll.
2. Lehrer sind zu unrecht schlecht angesehen. Eine Gesellschaft, die sich leichtfertig unausgegorene und Berufsschelten gegen Politiker, Ärzte, Beamte und nachhaltig auch gegen Lehrer auf Stammtischniveau leistet, muss sich nicht wundern, wenn Lehrer/innen von Schüler/innen respektlos behandelt werden. Die populistischen Parolen ("Lehrer sind alle faul") werden tendenziell dadurch fortgeschrieben, dass in der Pisa-Diskussion wie auch aktuellen Gewalt-Diskussion ständig von sogenannten Wissenschaftlern behauptet wird, die anstehenden Probleme ließen sich leicht lösen, wenn nur die Lehrer endlich fortgebildet würden (implizite Parole: Lehrer sind nicht nur faul, sondern auch blöd.).
3. Lehrer sind machtlos - Schüler und Eltern wissen darum und nutzen dies aus. Lehrer verfügen z.B. über keinerlei disziplinarische Instrumente, um einen Unterricht durchzusetzen, in dem sie auch Leistungen fordern können. In der Praxis bedeutet dies, dass weniger Störer in einer Klasse den Unterricht blockieren können - zu Lasten einer Mehrheit, die dadurch nicht von ihrem Recht auf Bildung Gebrauch machen kann. Die Konsequenz ist fatal: die Unterrichtsanforderungen werden mehr und mehr zurückgefahren, um ein Minimum an "Normalität" aufrecht zu erhalten.
4. Elternbeteiligung ist Unsinn! Wohlgemeinte Elternbeteiligung zeigt sich in der Realität meist so, dass die Eltern (meist die Mütter) der Problemschüler zetern, dass ihre lieben Zöglinge ständig vom bösen Lehrer zu unrecht überfordert seien.
Wie sähen die Forderungen aus:
1. Bei Klassengrößen mit maximal 15-20 Kindern hätten Lehrer eine echte Chance, Unterricht zu betreiben und soziale Lernziele einzuüben.
2. In der öffentlichen Diskussion muss dringend mit Vorurteilen aufgeräumt werden und das Ansehen der Lehrer gestärkt werden. Es ist z.B. für manche Menschen erstaunlich zu hören, dass Lehrer - trotz der Schulferienzeiten - längst die 40-Stunden-Woche überschritten haben.
3. Schulen brauchen klare Sanktionsregelungen und Lehrer benötigen disziplinarische Instrumente zur Durchsetzung ihres Unterrichts. Dies wäre z.B. die Möglichkeit, störende Schüler stundenweise vom Unterricht auszuschließen und in eine durch eine Lehrkraft oder Sozialpädagogen betreute Stillarbeit zu schicken.
4. Elternbeteiligung kann nicht eine direkte oder indirekte Einmischung in das Unterrichtsgeschehen bedeuten. Schulpflicht ist hingegen auch eine Verpflichtung der Eltern, die Schule in ihrem Bildungsauftrag nach Kräften zu unterstützen.
Wenn Schulen wieder die Möglichkeit hätten, einen deutlichen Bildungsauftrag zu erfüllen und ihre Aufgabe als angesehene Institution in übersichtlichen und klaren Strukturen wahrzunehmen, würden wir erkennen können, dass Migranten-Problematik oder Schulformen bei weitem nicht den Stellenwert hätten, der ihnen gerade zugeschrieben wird.
Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, dass aus den Worten von Frau Gaschke nicht nur Frustration sondern letztlich der Ruf nach Gegengewalt ertönt. Übertragen wir das "Konzept" auf die Gesellschaft, dann verabschieden wir uns von der Vision einer friedlicheren Zukunft. Willkommen in der Vergangenheit!
Das Durchschieben von Kindern durch das Schulsystem trotz mangelnder deutscher Sprachkenntnisse muss auf jeden Fall ein Ende haben! Allerdings darf man sich davon nicht zuviel versprechen! Das ist nur ein kleines Mosaiksteinchen.
Die Jugendlichen, die in Frankreich wochenlang für Stimmung gesorgt haben, sprachen als Kinder ehemaliger kolonialer Gebiete sicherlich gut französisch. Auch die Jugendlichen, die wir im Fernsehen über ihre Schule sprechen hören, zeigen nicht unbedingt einen Mangel an deutschen Sprachkenntnissen, auch wenn sie sich teilweise eine merkwürdige Ausdrucksweise angewöhnt haben.
Was jetzt wichtig sein sollte, nachdem die ersten Skandalwellen verebbt sind, ist ein Dranbleiben an der Problematik und vor allem, dass es alle betrifft, nicht nur den Stadtteil Neukölln in Berlin und noch hier und da in irgendwelchen Großstädten den einen oder anderen Bereich, um den man gemeinhin einen Bogen macht. Und da habe ich so meine Befürchtungen! Es gibt zur Zeit viel G'schaftlhuberei und Aktionismus, doch an langfristigen Vorschlägen fehlt es meines Erachtens.
Wenn ich die veröffentlichte Meinung und die Reaktionen in Internetforen etc. so lese, scheint es mir, als ob die Stimmung momentan auf Volkszorn steht da wird doch einiges an irrationalen Ängsten hochgespült! Auch auf die Gefahr hin mich unbeliebt zu machen, möchte ich dennoch erneut auf den sozioökonomischen Aspekt dieses Themas hinweisen.
Solche Vorfälle sind nicht nur auf mangelnde Integration zurückzuführen. Könnte man diese Ereignisse derart monokausal erklären, würde dies zwangsläufig bedeuten: a.) An ethnisch homogenen Hauptschulen gibt es solche Phänomene nicht. b.) Ethnisch gemischte Gymnasien / Hochschulen geben ein ähnliches Bild ab wie die Rütli Hauptschule. Menschen mit einer gewissen Beobachtungsgabe, würden diese Thesen sicherlich nicht klaglos stützen wollen. Das gleiche Spielchen ließe sich übrigens auch mit armen / reichen Stadtteilen machen.
Dann hätten wir noch die nächsten Sündenböcke: Linksliberale Spinner und Kuschelpädagogen. Komischerweise scheint es dabei niemanden zu irritieren, dass an der Rütli Hauptschule offensichtlich klassischer Schulunterricht ( inkl. Sanktionsmöglichkeiten ) gegeben wird und sie überdies Bestandteil des dreigliedrigen Schulsystems ist. Na ja, diese Informationen sind wohl im Eifer des Gefechtes untergegangen kann passieren! Dafür muss ich meinerseits wohl die Schlagzeile Gewaltexzesse an den Walddorfschulen überlesen haben!
Somit wären wir bei dem Thema: Zeitgeist, Werte, Vorbilder. Während sich die Ökonomen noch darüber streiten, ob sie eher die Devise Geiz ist geil oder Shoppen für den Weltfrieden ausgeben sollen, kann man eines mit Sicherheit feststellen: Wir befinden uns in einem Zeitalter des zunehmenden Konkurrenzkampfes und der Egomanie. Jedoch zeugt es von der kindlichen Naivität der Yuppies und deren Mitläufern zu glauben, dass wir uns die Dynamik eines neoliberalen Wirtschaftssystems importieren könnten ohne uns dabei die Slums der Working Poor und der stillen Reserve einzuhandeln. Also wohin mit den Wettbewerbsverlierern? Deutschland ist ja nicht gerade The Big Country. Wenn nicht zufällig ein Plätzchen auf der Insel Borkum frei werden sollte, könnte es durchaus sein, dass man diese Menschen z.B. in Neukölln antrifft.
Übrigens will ich mit diesem Beitrag Integrationsprobleme keinesfalls grundsätzlich negieren - ich möchte lediglich die Diskussionsgrundlage etwas verbreitern und anders akzentuieren.
Wenn wir die deutsche Bevölkerung im Schulsystem weiterhin separieren, so passierts halt: die Starken kennen die schwachen "Nächsten" nicht, können sie also weder verstehen, unterstützen, beeinflussen, belehren oder gar "lieben". Jeder bleibt schön für sich und wir vermeintlich "Stärkeren" maßen uns soziale Kompetenz an..............Wo haben wir die denn gelernt? Wenn wir so kompetent wären, so würde das an unseren Schulen nicht passieren, denn wir hätten ja rechtzeitig vorgebeugt, oder ?
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