Rütli-Hauptschule Unter Polizeischutz
Ein Einwanderungsland ist entsetzt wegen seiner Probleme: Berlin-Neukölln ist kein Einzelfall. Eine Nachrichtenanalyse
Es klingt wie eine Nachricht aus dem Bürgerkrieg, was die Deutsche Presseagentur an diesem Freitagmorgen meldet: "An der Berliner Rütli-Hauptschule hat der erste Schultag unter Polizeischutz ruhig begonnen." Unterdessen geben Reporter, die den Schulhof belagern, ihre Lagebeobachtungen an die Redaktionen weiter; sie müssen freilich aufpassen, nicht von Gegenständen getroffen zu werden, die hin und wieder in ihre Richtung fliegen.
Die Schule ist seit Donnerstag in den Schlagzeilen, weil sich das Lehrerkollegium wegen der sich häufenden Gewalttaten unter Schülern und an Lehrern hilfesuchend an die Schulaufsicht gewandt hatte. Die Hauptschule liegt im Problembezirk Neukölln, nur ein Fünftel der Schüler ist deutscher Herkunft. Nun sollen Polizisten gewährleisten, dass die Schüler wenigstens keine Waffen mitbringen; der Berliner Bildungssenator Klaus Böger kündigte an, dass die Lehrer in Zukunft von Sozialarbeitern und Schulpsychologen unterstützt werden sollen. Das war schon seit langer Zeit eine Forderung des Kollegiums gewesen.
Der Brief der Schulleitung, den der Tagesspiegel veröffentlicht hatte, informiert auch über die Zusammensetzung der Schülerschaft, die sich dergestalt verändert habe, "dass der Anteil der Schüler und Schülerinnen mit arabischem Migrationshintergrund inzwischen am höchsten ist. Er beträgt zurzeit 34,9 Prozent, gefolgt von 26,1 Prozent mit türkischem Migrationshintergrund. Der Gesamtanteil der Jugendlichen n.d.H. (nicht deutscher Herkunft) beträgt 83,2 Prozent." Zwischen diesen ethnischen Gruppen spielen sich heftige Konflikte ab. Der Tagesspiegel schreibt: "Kinder deutscher Herkunft, die als 'Schweinefleischfresser' verspottet werden, versuchen sich in der Rütli-Schule den Gewohnheiten der Mehrheit anzupassen und sprechen zunehmend bewusst auch gebrochenes Deutsch, um weniger aufzufallen."
Entgegen manchen Meldungen hat die Lehrerschaft keineswegs um die Auflösung der Schule gebeten. Vielmehr heißt es in dem Brief, "dass die Hauptschule am Ende der Sackgasse angekommen ist und es keine Wendemöglichkeit mehr gibt. Welchen Sinn macht es, dass in einer Schule alle Schüler/innen gesammelt werden, die weder von den Eltern noch von der Wirtschaft Perspektiven aufgezeigt bekommen, um ihr Leben sinnvoll gestalten zu können." Der Schultyp müsse langfristig geändert werden, forderten die Pädagogen, "zu Gunsten einer neuen Schulform mit gänzlich neuer Zusammensetzung. Kurzfristig brauchen wir eine Erhöhung der Lehrer/innenausstattung, um Ruhe in den Schulalltag zu bringen, der, wie oben erwähnt, geprägt ist durch Unterrichtsausfall und Vertretungsunterricht...Wir brauchen die tägliche Präsenz einer Fachkraft, die uns bei Deeskalation und Krisenintervention hilft."
Nun also: Polizei. Demnächst wohl Sozialarbeiter. Ach ja, und: Der Berliner CDU-Aspirant für die Bürgermeisterwahl, Friedbert Pflüger, forderte die Abschiebung mehrfach straffällig gewordener Schüler.
Der Fall ist lehrreich, zumal er kein Einzelfall ist. In Berlin werden Stimmen von Lehrern anderer Schulen laut, die auf ähnliche Missstände hinweisen. Es handelt sich also um ein verbreitetes Phänomen, das durchaus anderen Charakter trägt als die Schulskandale, wie sie seit den Siebzigern alle Jahre einmal auftraten und die als Wohlstandsverwahrlosung gewertet werden konnten: Gymnasiasten trieben es hin und wieder nicht anders als die Rütlischüler, bewarfen Lehrer mit Gegenständen und übten sich in Brutalität und Zerstörung. Diesmal jedoch handelt es sich nicht um Exzesse einer ausrastenden jeunesse dorée , sondern um Migrationsalltag.
Den kennt man durchaus auch in anderen Einwanderungsgesellschaften; Szenen wie in Berlin sind beispielsweise aus den Vereinigten Staaten bekannt, und Schlimmeres auch. Sie begleiten Gesellschaften, in denen die Integration von Immigranten unzureichend ist, und das ist fast in allen Ländern der Fall, die mehr als eine niedrige Einwanderungsrate aufweisen. Verhältnisse wie die an der Rütlischule werden sich wohl nie ganz vermeiden lassen. Aber man kann natürlich auch das Gegenteil tun und solche Vorkommnisse fördern. Just das tun die Deutschen. Sie halten eine eigene Schulform als Restschule vor, die Hauptschule, die den idealen Schauplatz für Gewaltverhältnisse abgibt; sie statten große Teile ihres Schulsystem nicht mit dem Nötigsten aus; sie investieren wenig in die Integration der hier Ankommenden, und noch weniger in diejenige ihrer Nachkommen; ihre Ordnungs- und Sozialbehörden geben ganze Stadtteile auf, mangels ausreichender Kommunalfinanzen. Ja, in diesen Sätzen ist auch von Geld die Rede. Und gewiss, Geld ist nicht alles. Aber seine Verteilung ist doch ein unverstellter Ausdruck von Interessen und Geisteshaltungen. Eine Einwanderungspolitik, die mit Fragebögen wedelt, aber nicht bereit ist, Ressourcen für die Integration zu mobilisieren, hat ihren Namen nicht verdient.
- Datum 05.04.2006 - 13:31 Uhr
- Quelle ZEIT online, 31.3.2006
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Wenn ich die veröffentlichte Meinung und die Reaktionen in Internetforen etc. so lese, scheint es mir, als ob die Stimmung momentan auf Volkszorn steht da wird doch einiges an irrationalen Ängsten hochgespült! Auch auf die Gefahr hin mich unbeliebt zu machen, möchte ich dennoch erneut auf den sozioökonomischen Aspekt dieses Themas hinweisen.
Solche Vorfälle sind nicht nur auf mangelnde Integration zurückzuführen. Könnte man diese Ereignisse derart monokausal erklären, würde dies zwangsläufig bedeuten: a.) An ethnisch homogenen Hauptschulen gibt es solche Phänomene nicht. b.) Ethnisch gemischte Gymnasien / Hochschulen geben ein ähnliches Bild ab wie die Rütli Hauptschule. Menschen mit einer gewissen Beobachtungsgabe, würden diese Thesen sicherlich nicht klaglos stützen wollen. Das gleiche Spielchen ließe sich übrigens auch mit armen / reichen Stadtteilen machen.
Dann hätten wir noch die nächsten Sündenböcke: Linksliberale Spinner und Kuschelpädagogen. Komischerweise scheint es dabei niemanden zu irritieren, dass an der Rütli Hauptschule offensichtlich klassischer Schulunterricht ( inkl. Sanktionsmöglichkeiten ) gegeben wird und sie überdies Bestandteil des dreigliedrigen Schulsystems ist. Na ja, diese Informationen sind wohl im Eifer des Gefechtes untergegangen kann passieren! Dafür muss ich meinerseits wohl die Schlagzeile Gewaltexzesse an den Walddorfschulen überlesen haben!
Somit wären wir bei dem Thema: Zeitgeist, Werte, Vorbilder. Während sich die Ökonomen noch darüber streiten, ob sie eher die Devise Geiz ist geil oder Shoppen für den Weltfrieden ausgeben sollen, kann man eines mit Sicherheit feststellen: Wir befinden uns in einem Zeitalter des zunehmenden Konkurrenzkampfes und der Egomanie. Jedoch zeugt es von der kindlichen Naivität der Yuppies und deren Mitläufern zu glauben, dass wir uns die Dynamik eines neoliberalen Wirtschaftssystems importieren könnten ohne uns dabei die Slums der Working Poor und der stillen Reserve einzuhandeln. Also wohin mit den Wettbewerbsverlierern? Deutschland ist ja nicht gerade The Big Country. Wenn nicht zufällig ein Plätzchen auf der Insel Borkum frei werden sollte, könnte es durchaus sein, dass man diese Menschen z.B. in Neukölln antrifft.
Übrigens will ich mit diesem Beitrag Integrationsprobleme keinesfalls grundsätzlich negieren - ich möchte lediglich die Diskussionsgrundlage etwas verbreitern und anders akzentuieren.
Wenn man einmal den Blick gen Frankreich richtet, wundert es einen schon, wie duldsam die Menschen hierzulande sind ( inkl. Migranten )
Habe es satt, von Leuten, deren Wirtschaft von interner und externer Globalsierung jahrzehntelang geboomt hat(Stichworte "Gastarbeiter" bis in die 90er-Jahre und "Exportnation" - da sind die Deutschen die Eindringlinge???)und denen jetzt die Eigenheimgarantie ein wenig wackelt (ihr erbt noch früh genug...) rassistisches Gewäsch zu lesen.
Es gibt kein größeres Unternehmen in Deutschland, das nicht in den letzten 30 Jahren und länger von der billigen, eben weil von ungebildeten Immigrant/innen zur Verfügung gestellten Arbeitskräften gelebt hat. Jede bis vor kurzem noch in Deutschland hergestellt Zigarette, Tablette, Glühbirne, Telefondiode oder Ordnermappe wurde an Fließbändern hergestellt, an denen Leute saßen, die diese Arbeit so billig machten, weil sie keine Ausbildung hatten. Jede Toilette in jedem deutschen Rathaus, an Unis, in Verwaltungsgebäuden usw. ist tausendmal unter Eurem Hintern geputzt worden, ohne dass ihr die Frauen, die das taten auch nur angesehen habt - geschweige denn über ihre Bildung nachgedacht habt.
Das Bildungsdefizit von zweiten und dritten Generationen ist auf Gleichgültigkeit, Verachtung und drögem Ellenbogen gewachsen - die Eltern waren und sind nämlich so billig und so anspruchslos, weil sie keine Ausbildung hatten. Sie haben es sich am Rand einer Gesellschaft, die gerade die Frauen zum Symbol dumpfer Ausländerblödheit macht, einigermaßen eingerichtet - na und?
Das Bildungsdefizit von Immigrantinnen war solange kein Problem, wie es Deutschen genützt hat - und es wird jetzt zu einem Problem der Immigrantinnen gemacht. Das Islamisten vor dem Hintegrund nach wie vor selbstverständlich niedriger Bildungschancen und wachsender Verachtung und Kommunikationslosigkeit von großen Teilen der Mehrheitsgesellschaft Erfolge haben, wundert mich nicht.
Eins wird allerings hinter der von Deutschen unter sich geführten sogenannten Integrationsdebatte mehr und mehr deutlich: die Bereitschaft die eigenene gefühlte Bedrohung durch die Globalisierung (in einem der reichsten und am sozial am besten abgesicherten Länder der Welt - aber das interessiert niemanden) ohne mit der Wimper zu zucken, auf andere abzuwälzen, die einem bisher ganz gut zu Diensten waren - Hass ist dabei offenbar ein wirksames Mittel.
In dieser verfahrenen Situation hilft nur noch ein Mann wie Claudia Roth!
@Gorgo:
Richtig so.
Was soll der Mist mit dem "Wir haben nix von den Ausländern"? Die ersten Ausländer, die wir ins Land gelassen haben, wurden ANGEWORBEN (nebenbei: weil der konservative Mainstream lieber ausländische Männer als inländische Frauen am Arbeitsplatz haben wollte).
Heutzutage gibt es neben Asylbewerbern (ebenfalls nur noch in die 10.000er) kaum noch Zuwanderung (hat jemand aktuelle Zahlen?). Wollt ihr das Recht auf Asyl abschaffen??? Oder die hier lebenden Ausländer rausschmeissen???
Es ist Zeit anzuerkennen, dass die hier aufgewachsenen Kinder von Ausländern durch unsere Gesellschaft geprägt wurden! Nicht nur, ganz klar. Vieles liegt im Argen im familiären Bereich diverser nicht-deutscher Kinder. Und wir müssen darauf hinwirken, dass Missstände als solche auch wahrgenommen werden. Aber das entbindet uns nicht von der Pflicht, alles in unserer Macht stehende zu tun, diese Kinder ordentlich auszubilden. Aber wieviel Geld wird denn in zusätzliche Sprachkurse etc für Ausländer geschleust? Mein Eindruck ist, dass man bislang das Geld lieber in die Gymnasien der Bürgerkinder steckt.
Ob die BRD ein Einwanderungsland ist oder nicht, ist Sophisterei. Fangt an, Euch um alle Kinder hier zu kümmern. Das ist wichtig.
@ buddhafrosch
Wird nicht lange dauern, bis die linken Gutmenschen Ihren Vorschlag als ausländerfeindlich qualifizieren. Ist wirklich ein starkes Stück, wie Sie mit der kulturellen Bereicherung umgehen wollen.
Aber muss es gleich so brutal sein?
Die Türken in die Türkei abschieben und die Libanesen in den Libanon.
Könnte man nicht eine weniger harte Strafe verhängen, z.B. 20 Jahre Knast?
Es sind nicht die Jugoslawen (Serben, Kroaten usw.), die Griechen, die Italiener usw. die Randallieren. Die Probleme kommen aus einer ganz bestimmten sozio-religiös-kulturellen Ecke. Ich bitte, das zu berücksichtigen.
Eine schulische, wie auch immer gestaltete (Schultyp) Integration ist nur mit entsprechenden Sprachkenntnissen möglich.Da hilft auch keine Ganztagsschule, keine Gesamtschule. Wenn ich gar nicht verstehe, wovon die Rede ist, Texte nicht lesen oder nach Anleitungen nicht handeln kann, geht eben in unserer entwickelten Gesellschaft gar nichts mehr.
Einzige Möglichkeit : Die Vermittlung entsprechender Sprachkenntnisse vor jeder Einschulung in eine deutsche Schule.
So lange dies nicht erreicht und angestrebt wurde, ist jede Schulstunde unbefriedigend (und mehr) - für die Ausländer, da sie ja doch nicht mitmachen können, für die einheimischen/ deutschsprechenden Kinder, da sie ständig ausgebremst werden.
Zukunftsperspektive Arbeitswelt ist auch nur so, und nicht anders möglich. Oder soll demnächst der Meister die Lehre auf Türkisch oder Arabisch gestalten ?
Wer dann immer noch seine Kinder nicht zum Deutschlernen anhält, der muss sich wirklich fragen lassen, was er hier will.
Und wenn es derartige Probleme mit Ethnien gibt, muss man sie dringend trennen um überhaupt wieder eine Art von Lernen möglich zu machen.
Aber Berlin war immer schon ein Trendbarometer. Die hier so Medienwirksam dargestellte Rütli- Hauptschule ist keinesfalls eine Ausnahmeerscheinung, sondern nur eine von vielen Schulen an denen es Ähnlich zugeht. Wenn auch noch nicht in so einer Extremen Art und Weise. Und Hilfen werden hier nicht angeboten, ob wohl es zumindest an dieser Schule fünf nach zwölf ist. Die Hilflosen Reaktionen beschränken sich auf Polizeipräsenz und Rufe nach Schulauflösung. Demnächst rufen Ewig Gestrige noch nach einem "Boot- Camp" ala USA. Hier sind Wirklich andere Maßnahmen angesagt. Mit den Schülern sollte Tacheles geredet werden. Vieleicht könnte das eine Hilfe sein. Einen Idee dazu finden Sie bei www.textdiebe. de unter dem Titel "Der Soundtrack zum Untergang". Machen Sie was daraus.
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