SPD

Neues Spiel, neues Glück

Der Führungswechsel ist für die SPD auch Chance zur Erneuerung. Manch einer betrachtet den Übergang zu Beck ohnehin eher als Rückkehr zur Normalität

Nach dem Rücktritt von Matthias Platzeck vom SPD-Vorsitz sieht sich die SPD mit einer vorzeitigen K-Frage konfrontiert. Doch während zu Zeiten der Troika aus Rudolf  Scharping, Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder vor allem darüber spekuliert wurde, wer den anderen erfolgreich wegboxen würde, wird jetzt eher darüber gerätselt, ob der  designierte neue Parteivorsitzende und Ministerpräsident aus Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, überhaupt mit ernstzunehmenden Konkurrenten zu rechnen haben wird.

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Das Problem ist zwar nicht neu, aber es fällt nun weit stärker ins Auge. Während die Union mit Christian Wulff, Günther Oettinger, Peter Müller, Roland Koch, Dieter Althaus oder Ole von Beust über einen ganzen Stall von starken Ministerpräsidenten in den besten Jahren verfügt, die im Zweifelsfall lieber heute als morgen die Nachfolge von Angela Merkel antreten würden, sieht es bei der SPD traurig aus.

Diejenigen, die wie Gerhard Schröder, Wolfgang Clement, Hans Eichel oder Renate Schmidt die Plätze in der ersten Reihe der SPD noch bis zur Bundestagswahl besetzt gehalten haben, sind mittlerweile entweder abgewählt oder in den politischen Ruhestand getreten. In den Landesverbänden herrschen nun weitgehend unbekannte wie etwa Andrea Ypsilanti in Hessen, Garrel Duin in Niedersachsen oder Claus Möller in Schleswig-Holstein. Keiner von ihnen könnte es vorerst auch nur ansatzweise in die Nähe einer Kanzlerkandidatur schaffen. Und der Rotschopf aus Thüringen, Christoph Matschie, der eine Weile auch auf der bundespolitischen Bühne präsent war, scheint sich mittlerweile wieder vorrangig auf die Mühen der Thüringer Oppositionsarbeit zu konzentrieren.

Von den fünf Landesfürsten, die die SPD noch stellt – davon zwei in ostdeutschen Kleinststaaten und zwei in Stadtstaaten – sind zwei schon verbraucht: Matthias Platzeck ist eben abgetreten und Kurt Beck ist nominiert. Von Harald Ringstorff, dem brummigen Regierungschef aus Mecklenburg-Vorpommern, redet in Berlin niemand mehr. Er führt seit Jahren mehr recht als schlecht die rot-rote Koalition in Schwerin und gilt selbst dort als Auslaufmodell.

Bleibt, neben dem Neuling Jens Böhrnsen in Bremen, der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit. Ihn kennt man zwar auch bundesweit, allerdings eher wegen seines Lebenswandels als wegen seiner politischen Visionen. Gleichwohl zählt er intern zu den wenigen ernstzunehmenden Alternativen zu einem Kanzlerkandidaten Beck. Schlechter sieht es dagegen mit der einzigen weiblichen Landeschefin von einiger Popularität und Gewichtigkeit aus. Ute Vogt ist durch die jüngste Wahlschlappe schwer angeschlagen. Wie Platzeck einst als Hoffnungsträgerin gefeiert, wird sie nun wohl erst mal eine gewisse Phase der Bewährung brauchen,  bevor ihr wieder größere Aufgaben zugetraut werden.

Ähnlich erging es Olaf Scholz. Auch er gehörte einst zu den jungen, schnellen Aufsteigern in der SPD. Dann scheiterte er als Generalsekretär. Jetzt bewährt er sich als Parlamentarischer Geschäftsführer. Er könnte in anderthalb Jahren Fraktionschef werden, heißt es über ihn. Dann hätte er eine Position, von der aus er nach höherem streben könnte. Fraktionschef Struck hat in der SPD zwar Gewicht, unter der bisherigen Führung galt er als einer der drei Punkte des angeblich dreischenkligen Machtdreiecks, das er gemeinsam mit Platzeck und Müntefering bildete. Doch für eine Kanzlerkandidatur ist der einstige Verteidigungsminister zweifellos zu alt und zudem gesundheitlich angeschlagen.

Der Vizekanzler und gewesene Parteichef Müntefering wiederum hat zwar bislang stets bestritten, dass er Ambitionen auf das Kanzleramt habe, sollte die Große Koalition allerdings vor der Zeit platzen, rechnen viele damit, dass er der ernsthafteste Widersachers des natürlichen Anwärters auf das Kanzleramt, Beck, werden könnte. Sollten die nächsten Wahlen jedoch erst regulär 2009 anstehen, wäre Müntefering zu diesem Zeitpunkt bereits 69 Jahre alt und für die Partei auch deswegen kein wirklich geeigneter Kandidat mehr.

Ob sein Verhalten in den letzten Monaten sein Ansehen in der Partei gesteigert hat, ist zudem fraglich. Erst schmiss er sein Amt trotzig weg. Manchem seiner Genossen erscheint das bis heute als Egotrip, den sie ihm nicht zugetraut hätten. Zugleich etablierte er ein zweites Machtzentrum in der SPD. Das Arbeitsministerium habe er zu einer Art Vize-Kanzleramt ausgebaut, spottet man in Berlin. Entscheidungen traf er – wie bei der Rente mit 67 – mitunter selbstherrlich. In seinem halben Kabinett, dem nur die SPD-Minister angehören, regiert er dem Vernehmen nach im alten Schröderschen Basta-Stil. Den Neuling Platzeck ließen Müntefering und Struck eher gnädig mitspielen, als dass sie sich ihm untergeordnet hätten, und kritisierten zugleich seinen Führungsstil. Seine Position haben sie damit bestimmt nicht gestärkt.

Immerhin gibt es im Kabinett noch drei Minister, die ihre Sache bislang recht gut gemacht haben. Außenminister Frank Walter Steinmeier haftet jedoch noch immer ein wenig der Ruch des unscheinbaren Kanzleramtsverwalters an, der seine Funktion zwar effizient und äußerst diplomatisch, aber eher geräuschlos ausfüllt. Dass er auch Bierzelte füllen kann, hat er bislang nicht unter Beweis gestellt. Sein Kollege im Finanzministerium, Peer Steinbrück,  wirkt auf den ersten Blick trocken, erweist sich auf den zweiten aber durchaus als humorvoll – typisch norddeutsch eben. Seine Chancen, nicht nur in der Partei sondern auch in der Öffentlichkeit anzukommen, stehen also nicht schlecht, Regierungserfahrung bringt er aus Nordrhein-Westfalen mit. Sein Rückhalt in der Fraktion gilt aber als schwach. Dritter im Bunde dieser Hoffnungsträger ist Siegmar Gabriel, ehemaliger Ministerpräsident aus Niedersachsen. Das Karrieremuster wäre also vertraut, wenn Schröder auch keine Phase als Pop-Beauftragter seiner Partei einlegen musste. In das Umweltressort hat sich Gabriel zum Erstaunen aller Beobachter ohne Vorkenntnisse schnell eingearbeitet. „Das ist einer, der seine Chance ergreift“, heißt es über ihn.

Dass die Auswahl für die Spitzenposten in der SPD also eher klein ist, hat natürlich vor allem mit dem Verschleiß an Personal in den letzten Jahren, aber auch mit dem grassierenden Machtverlust auf Landesebene zu tun, den die SPD während der rot-grünen Regierungszeiten erleben musste. Wo in den Ländern kaum noch regiert wird, wachsen eben auch nur wenige Regierungschefs nach. Hinzu kommt, dass erst jetzt der Blutverlust wirklich seine Auswirkungen zeigt, den die SPD einst durch die Gründung der Grünen erlebte. Die 30- bis 50-Jährigen sind weniger stark vertreten.

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Leser-Kommentare

  1. Kommunalwahlen in Hessen. Nur ein Ausschnitt. Die CDU erringt in der Gemeindevertretung zum ersten Mal die absolute Mehrheit. Die SPD gewinnt in einigen Ortsteilen, konnte aber noch nicht einmal eine vollständige Liste aufbieten. Zum ersten Mal tritt ein FDP-Kandidat an und kommt kaum über 1 Prozent. Die Grünen kraft und saftlos, waren zum ersten Mal mit keiner Liste angetreten.

    Und nun der Knaller: Die Wahlbeteiligung unter 50 %. Das heißt, mehr als 50 % der Wahlberechtigten sind nicht gekommen!!!

    Auf Bundes- und Landesebene übertragen heißen solche Wahlergebnisse nichts anderes, als dass die Parteien sich neu erfinden müssen. Parteien, denen in Scharen das Wahlvolk weggelaufen ist, haben keine Legitimation.

    Die Parteien müssen sich nach außen öffnen. Die Führungsstrukturen sind nicht mehr zeitgemäß. Wir müssen uns fragen, ob die Parteien alle Politikfelder glaubwürdig abbilden können. Eher gleichen die Parteien einem Gemischtwarenladen der Meinungsopportunisten, die medialen Strömungen hinterherlaufen.

    Die SPD muß sich neu erfinden. Eine Hoffnung bleibt. Nur der SPD kann die Kraft zur Antizipierung der modernen Gesellschaft zugetraut werden. Die FDP ist Lobby-Partei und wird immer Lobby-Partei bleiben. Die Grünen sind, von lokalen Ausnahmen abgesehen, gescheitert. Die WASG wird von der SED-Nachfolgepartei PDS instrumentalisiert. Die CDU bezieht ihr Selbstbewusstsein einzig und allein aus der Schwäche der SPD. Am Beispiel Hessens wird deutlich, wie sich die Volkspartei selbst zerlegt hat. Von der mächtigen SPD ist nur ein kümmerlicher Rest verblieben und der Betrachter fragt sich, wann diese Landespartei jemals wieder in die Nähe der Regierungsfähigkeit kommen will.

    „Opposition ist Mist“ soll Franz Müntefering einmal gesagt haben. Recht hat er. Aber Mitregieren um jeden Preis ist nicht alles. Den unwahrscheinlichen Fall eines Wahlsieges 2009 einmal angenommen, der Kanzlerkandidat ist nur eine Position von vielen, die besetzt werden müssten. Die Diätendiskussion zeigt parteiübergreifend, woran bei den Politikern unserer Tage Mangel herrscht. Verantwortungsbereitschaft, Willen zum Teilen, der Blick für das Ganze, Vorbildeigenschaften aller Art, Nachwuchsförderung, Öffnungsbereitschaft nach außen, ...

    Nachwuchs und Seiteneinsteiger bedeuten Konkurrenz. Nichts fürchten Politiker mehr als die Konkurrenz aus den eigenen Reihen. Die jahrelange Ochsentour möchte belohnt werden. Verständlich. Doch gerade deshalb verkochen die Parteien im eigenen Sud. Kurt Becks größte Leistung könnte darin bestehen, ein Mitmachklima zu etablieren, neue Formen der Mitarbeit zu erschließen, von ermüdenden Programm- und Alibidiskussionen wegzukommen. Nur dann kann der Aufbruch gelingen.

    Allen Politopportunisten sei gesagt, die Katastrophe lauert im Verborgenen. 50% Nichtwähler sind ein unheimliches Potential. Und ein Signal. Ein Signal, dass die Politik den Kontakt zu den Wahlberechtigten verloren hat. Nur zur Vollständigkeit sei vermerkt, dass auch bei hundertprozentiger Wahlbeteiligung nicht alle Bürger im Wahlalter politisch vertreten wären. Besonders in den Großstädten hat eine große Minderheit kein Wahlrecht. Kurt Beck & Co. vertreten mithin noch weniger Bürger als die Wahlergebnisse vorspiegeln. Ihre Legitimation ist nur medialer Natur.

    korfstroem

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  • Von Katharina Schuler
  • Datum 12.4.2006 - 12:31 Uhr
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  • Quelle ZEIT online, 11.4.2006
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