Pop Ein Knaller aus Berlin

Nah am Alltag, fordernd, böse, freudig erregt… Die Gruppe Britta besingt auf ihrer neuen Platte Das schöne Leben: "Ist das noch Bohème oder schon die Unterschicht?“ – So treffend kann Musik mit deutschen Texten sein!

Brittas neues Album "Das schöne Leben"

Brittas neues Album "Das schöne Leben"

Das schöne Leben , riskant, so ein CD-Titel. Doch um Durchhaltepop der neuen Neuen Deutschen Welle geht es der Berliner Band Britta nicht, wenn sie die heiklen Themen der gesellschaftspolitischen Gegenwart besingen. Passend zu aktuellen Schlagzeilen wie „Die prekäre Generation“ fragen die vier Musikerinnen und Musiker und antworten im Refrain Wer schon hat, dem wird gegeben / und für uns bleibt nur das schöne Leben. Während die Verlagshäuser wohl manchen Euro machen mit ihrer Sensationspresse über zusammenbrechende Sozialsysteme, rebellierende Jugendliche und Kriminalität an den Schulen, bekennen Britta: Für uns heißt es weiter / rechnen, krebsen, wursteln, durchschlagen.

Der jüngsten Erfolgsgeschichte deutschsprachiger Popmusik nach der Art von Wir sind Helden zum Trotz, war Brittas Geschichte von Anfang an keine, in der sich Held auf Geld reimte. Als Sängerin und Gitarristin Christiane Rösinger, aus dem badischen Hügelsheim stammend, Ende der achtziger Jahre mit Almut Klotz die Lassie Singers gründete, übersetzten sie den Zorn des Riot-Girl-Punk in mehrstimmigen Mädchengesang. Wo spätpubertäre Jungmännergilden bis heute in der alternativen Rockmusik wahlweise nölen oder grölen, schufen zuerst die Lassie Singers und später Britta eine ganz eigene Form der wehrhaften Melancholie, die für viele Fans zur persönlichen Tonspur mehrerer Lebensabschnitte wurde.

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Nach etlichen Platten und Jahren schlecht bezahlten Tourens lösten sich die Lassie Singers auf und ein Teil von ihnen, Christiane Rösinger und Britta Neander, fing 1997 neu an. Schlagzeugerin Neander gab ihren Vornamen, und mit Bassistin Julie Miess entstand die Band Britta, zu der von der zweiten Platte an Barbara Wagner hinzustieß, um der Gitarre mehr Volumen zu geben. Zudem gründeten Rösinger und Klotz 1998 ihr eigenes Plattenlabel Flittchen Records.

Seit ihrem Debut Irgendwas ist immer ist Brittas wehmütiger Schrammelpop nicht mehr wegzudenken aus dem Chor der Berliner Popmusik. Ihm gab Christiane Rösinger ihren warmen hellen Alt als Stimme – und ihre Geschichten über politische Desillusionierung und über die Liebe als Konstrukt. Hinter den lebensklugen Texten und der leisen Selbstironie steckte immer ein mildes, weises Lächeln. Auch wenn es auf der zweiten Platte Kollektion Gold hieß Wir sind die traurigsten Menschen von ganz Berlin – das „na und?“ lief wie ein Untertitel im Film mit.

Doch manchmal geht dem mutigsten Melancholiker die Puste aus. Durch die Pleite des EFA-Vertriebes verlor Flittchen Records fast alle Einnahmen des dritten Albums, Lichtjahre voraus , dann starb im Dezember 2004 Schlagzeugerin Britta Neander nach einer Herzoperation. Christiane Rösinger wurde krank. Während frühere Weggefährten wie Blumfeld längst zu größeren Plattenfirmen gewechselt sind, Die Sterne Jahr um Jahr durch ausverkaufte Konzerthäuser touren und sogar alte Achtziger-Hasen wie Fehlfarben die Neuauflage ihres Nonkonformistenpop feiern dürfen, sah es für Britta nach einem endgültigen Abschied aus.

Schön, dass es dazu nicht kam, denn die jetzt veröffentlichte vierte Platte ist in jeder Hinsicht ein kleines Wunder. Nicht nur, weil sich die drei Frauen wieder aufgerappelt, zusammen mit Kante-Schlagzeuger Sebastian Vogel und Tausendsassa Herman Herrmann als Produzent den Neustart gewagt und in dem Elektroniklabel Morr Music einen neuen Finanzpartner gefunden haben – Das schöne Leben ist ein Knaller, ein Popjuwel geworden. Glasklar und fordernd in den Arrangements verbreiten die Melodien eine unerwartet freudige Erregung, wie aus dem Unterbewusstsein aufgetaucht erzeugen hier ein paar Mandolinen und dort ein Cello anrührende Schönheit. Nur scheinbar gezähmt grollt die E-Gitarre im letzten übrig gebliebenen Lied über die Unmöglichkeit der Liebe, und natürlich rocken Britta auch ordentlich zu Fragen wie Ist das noch Bohème oder schon die Unterschicht?

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    • Quelle (c) ZEIT online 10. 4. 2006
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