Echolot Star aß Chips in Graz!
Was Zeitungen so alles berichten: Manchmal ist es der letzte Mist. Mehr darüber in unserer Musikpresseschau. Außerdem Wissenswertes über: The Kooks, The Paddingtons, The Streets, Nightmare Of You, Blumfeld, Fehlfarben und Die Sterne
Es war einer dieser Momente, von denen in Graz und Wien vermutlich noch in Wochen erzählt werden wird: Pete Doherty, der skandalträchtige Frontmann der englischen Babyshambles , gab sich die Ehre. Zunächst in einem Wirtshaus im 9. Bezirk, später beim intimen Überraschungsauftritt in einem Grazer Porno-Kino und im Flex in Wien. Online sind Ausschnitte des Auftritts bereits bei youtube.com zu finden. Der Poète maudit Doherty als Videobotschaft und Leute-Heute-Thema. Punk war irgendwann einmal etwas anderes. Heute berichtet Die Kleine Zeitung aus der Steiermark ebenso beflissentlich wie die rechtskonservative Presse , Der Standard oder die taz aus Berlin über den Kurztrip des drogenabhängigen Musikers.
Richtig nett liest sich das dann in der Kleinen Zeitung . Unter einem Bildchen, das Doherty beim Kindchen-Hätscheln zeigt, berichtet Reporterin Nina Müller, dass der Ex-Freund von Kate Moss in Graz Chips mampfte! Wirkte er tags zuvor noch so fertig und benebelt, dass er fast vom Stuhl kippte, witzelte das Chamäleon Doherty entspannt mit dem Publikum, nahm I love you -Zurufe zur Kenntnis und tauschte sogar mit einem Fan den Hut. Als ihm ein kleiner Junge auf der Bühne einen Stein schenkte, reagierte er bad-boy-like mit der Bob-Dylan-Textzeile Everybody must get stoned .
Die konservative Presse feiert unter der Überschrift Bambi und der Wolf das Zusammentreffen des New Yorker Songwriters Adam Green mit Doherty im Flex in Wien. Manchmal ist Musik eben mehr als Musik. Nämlich eine Intensität, Intimität, Leichtigkeit des Moments, das Gefühl, dass hier und jetzt eigentlich alles geschehen kann. Weil einer stellvertretend für alle unten im Publikum zwischen death and glory balancierend seine eigenen Regeln macht ohne Pathos, ohne Ironie, Scheitern inklusive.
In der taz fasst Robert Misik die Österreich-Reise des britischen Musikers zusammen und konstatiert doch nur Individualismus von der Stange. Dieses Wissen führe aber gleichwohl nicht dazu, dass man sich der Faszination der Popmagie entziehen könne.
Die unzähligen Neuerscheinungen, die doch nur auf die ein oder andere Art die Popgeschichte repetieren, sprechen Bände. Vor zwei Wochen war an dieser Stelle von den Kooks zu lesen. Thomas Winkler bespricht in der taz in dieser Woche den Hype aus Brighton, nebst Neuerscheinungen von den Paddingtons und Nightmare Of You .
First Comes First von den Paddingtons aus Hull sei die Platte für jeden Alt-Punk, der seinen Enkelkindern vorführen will, was 1976 denn nun so prickelnd gewesen sein soll. Englischer als die Engländer klängen Nightmare Of You aus New York. Auf ihrem Debütalbum wandelten sie so passgenau in den Fußstapfen der Smiths , dass sich selbst Morrissey fragen lassen muss, wer hier für das Verwalten seines Erbes zuständig sein soll. Dabei wird die Rückkehr des Pop-Königs aus Manchester allerorten bejubelt. Nach der SZ würdigen in dieser Woche auch FAZ , Welt (ein Monolith) und Les Inrockuptibles das Alterswerk des mittlerweile in Rom lebenden Sängers.
Stilprägend war vor vier Jahren das Debüt von Mike Skinner alias The Streets . Trockenste Rhythmen, Geschichten aus den Vororten der nordenglischen Metropolen und die immer wieder überraschenden Reime machten aus Original Pirate Material eines der spannendsten Club-Alben des noch jungen, neuen Jahrtausends. A Grand Dont Come For Free machte zwei Jahre später alles noch etwas größer. Nun ist der dritte Liederreigen ( The Hardest Way To Make An Easy Living ) erschienen. Auf dem Cover zeigt sich Skinner mit verschränkten Armen lässig an seinen Rolls Royce gelehnt. Hochhaus-Getto - das war einmal. Es sei ihm gegönnt. Tobias Rapp vermisst in der taz die mühelose Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, die die Songs von Mike Skinner früher auszeichneten; bezaubernde Ein- oder Zweizeiler aber schüttelt er weiterhin mit beeindruckender Leichtigkeit aus dem Ärmel.
Schlecht ist es um den Deutsch-Pop bestellt. Die viel gepriesene Hamburger Schule ist Geschichte, selbst wenn Bands wie Blumfeld oder D ie Sterne gerade mal wieder neue Platten veröffentlichen. Zumindest ist Richard Kämmerlings in der FAZ dieser Ansicht. Unter der Überschrift Was ist aus dem Deutsch-Pop geworden? stellt er fest: Es ist vorbei. Es geht nicht mehr. Der Zauber ist verflogen. Statt Innovation reagiere das einfallslose Weiterstricken eines Erfolgsrezepts. Im Willen zum kommerziellen Durchbruch verkam die Individualität zur Masche, nah an der Grenze zur Selbstparodie vor allem bei Tomte , die eine fatale Selbstmythisierung zum Sprachrohr einer Generation dazu verführte, jede von ihnen besungene Alltagstrivialität für zeichenhaft zu halten.
Nicht viel besser sind die neuen Stücke der einstigen Vorreiter Blumfeld geraten: Musikalisch an der Grenze zum Schlager bliebe nur Biedermeier übrig. Beziehungsweise: das Kinderlied. Distelmeyer besingt Schneeflöckchen, den rührigen Apfelmann, der auf dem Wochenmarkt seine Früchte, verboten oder nicht, feilbietet, den April oder Schmetterlings Gang. Die soziale Wirklichkeit endet im Vorgarten, in dem sich, eben wie im Paradies, nicht nur Fuchs und Hase, sondern auch Löwe und Krokodil gute Nacht sagen. Der Soundtrack könnte auf jedem Kindergeburtstag für Stimmung sorgen.
Zumindest dies lässt sich von den neuen Alben der Düsseldorfer Fehlfarben , von S.Y.P.H. und Britta nicht zwingend behaupten. Alle drei Alben handeln vom Älterwerden auf je verschiedene Weise.
26 1/2 , das neue Album der ergrauten Fehlfarben, ist folgerichtig das Alter der Band. Monarchie und Alltag stiftete bei seinem Erscheinen 1980 ein Wir, obwohl (oder weil) es ein Abgesang war auf die verlorenen Punkkriege, schreibt Klaus Walter in der taz . Fehlfarben-Sänger Peter Hein führte Knietief im Dispo steckend seine alte Band 2002 wieder zusammen. Anlässlich eines Jubiläums, das keines ist, dürfen auf 26 1/2 alte Freunde und Weggefährten das Mikrofon ergreifen. Bei Helge Schneider oder Sven Regener wirkt das durchaus ansprechend, bei Toten-Hosen-Sänger Campino und Herbert Grönemeyer eher peinlich.
Und was macht die nachfolgende Generation? Bands wie Wir sind Helden oder Kettcar ziehen sie den Karren aus dem von Kämmerling beschriebenen Dreck? Die Berliner Wir sind Helden versuchen gerade die gesamteuropäische Karriere. Die taz berichtet von einem Konzert in Frankreich, ZEIT-Online war bei Auftritten in Holland und Dänemark zur Stelle.
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- Datum 09.11.2005 - 12:31 Uhr
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- Quelle (c) ZEIT online, 10. 4. 2006
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