Khmer-Route (8) "Nur die Zeit hilft"

Der Direktor des kambodschanischen Dokumentationszentrums spricht mit Susanne Mayer über die Pol-Pot-Ära und darüber, wie er selbst mit dem Grauen fertig wird

Nüchterner Blick: Youk Chhang, Leiter des kambodschanischen Dokumentationszentrums, an seinem Schreibtisch

Nüchterner Blick: Youk Chhang, Leiter des kambodschanischen Dokumentationszentrums, an seinem Schreibtisch

Den Besuch im Documentation Center of Cambodia hatte ich vor mir hergeschoben. Wer sich mit der Geschichte Kambodschas beschäftigt, muss in dieses Institut zur Dokumentation und Erforschung des Genozids. Direktor des DCCam ist Youk Chhang, ein Politologe. Ein wortgewandter Mann von Mitte 40, Studium in Texas. In seinem Institut werden alle Dokumente gesammelt, die etwas mit dem Genozid zu tun haben. Das letzte Mal, als er Youk Chhang besucht habe, sagt ein Kollege mit verzerrtem Gesicht, habe er ihn mit einem Schädel in der Hand angetroffen, Youk habe ihm die Verletzungen an der Schädeldecke erklärt.

Der Weg zum DCCam führt durch ein großes schweres Eisentor, es steht einen Spalt offen. „Public Reading Room“ sagt ein Schild und weist durch einen kleinen Hof, der mit Mopeds vollgeparkt ist, in einen Raum, an dessen Wänden graue Metallschränke für Hängeregistraturen stehen. Die Schubladen sind etikettiert: „Confessions of prisoners and interviews“. Oder: „Petitions, Biographies of Prisoners and list of Prisoners“. Oder: „Khmer Rouge Notebooks.“ Oder: „The name list of People implicated in the enemies confessions…“

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Youk Chhangs Büro liegt im zweiten Stock. Man geht durch Räume mit viel Glas. Weiße Wände, weiße Fliesen auf dem Boden. Junge Leute in weißen Hemden und Blusen sitzen vor Computern und reden leise miteinander. An der Wand Gemälde von Gesichtern, gemalt im naiven Stil von Svay Ken, einem hoch verehrten kambodschanischen Maler, einer der wenigen, die das Pol Pot Regime überlebten. Der Torso eines Buddhas, an einem kleinen Bücherstapel gelehnt.

Youk schaut von seinem Schreibtisch, einer minimalistischen Konstruktion aus kantigem dunklen Holz, auf eine Terrasse, die mit Rosen, Palmen, Bougainvillea in einen wilden Garten verwandelt ist. Steht da tatsächlich ein kleines Fitnessgerät? Eine Leiter führt zur einer hölzernen Plattform, über der ein Dach wie ein Zelt schwebt, das ist der Versammlungsraum. Panoramablick zum Unabhängigkeitsdenkmal!

Ja, das hatte man sich doch ganz anderes vorgestellt, das Haus, an dem alle Düsternis der drei Jahre, acht Monate, 22 Tage versammelt wird. Mir wird klar, wie sehr ich mich vor dem Besuch gefürchtet hatte.

ZEIT online: Wie viele Tote gab es in der Pol-Pot-Ära? Die Zahlen schwanken zwischen einer Million und drei Millionen, was soll man glauben.

Youk Chhang: Es gibt drei Versuche, der Wahrheit nahe zu kommen. Die Regierung Kambodschas geht von 3,3 Millionen Toten aus. Sie stützt sich dabei auf eine Bevölkerungszählung aus dem Jahr 1982. Man versuchte damals nach dem Krieg herauszufinden, wie viele Menschen noch wo lebten. Diese Befragung ist aber ungenau, weil es viele Doppelzählungen gab. Die Franzosen haben eine statistische Hochrechnung gemacht und diese durch Interviews gestützt und kamen auf 1,7 Millionen Tote. Wir Wissenschaftler gehen von etwa 2,2 Millionen Opfern aus. Die Zahl ist das Fazit vieler Überlegungen unter Berücksichtigung des unterschiedlichsten Beweismaterials. Aber genau wissen wir es nicht. Es gibt keine exakte demografische Studie. Eine Belgierin hat sich das Thema gerade für ihre Dissertation vorgenommen.

ZEIT online: Zwei Millionen Tote - bedeutet das nun, jeder vierte Kambodschaner starb oder jeder siebte, wie manche meinen?

Youk Chhang: Als die Roten Khmer die Macht übernahmen, gab es in Kambodscha 7,7 Millionen Menschen. Wir gehen davon aus, dass jeder Kambodschaner mindestens einen Verwandten verloren hat. Das sagt natürlich noch gar nichts. In meiner Familie starben zehn Menschen.

ZEIT online: In Stilled Lives , einem Buch, das Ihr Institut herausgegeben hat, sieht man ganze weit verzweigte Familienstammbäume verlöschen - und das bei Kinderzahlen, die nicht selten bei fünf oder acht lagen.

Youk Chhang: Ja. Sagen wir es so: Es ist in Kambodscha sehr schwer, jemanden zu finden, der nicht jemanden betrauert.

ZEIT online: In den drei Jahren der Khmer-Rouge-Diktatur wurden Menschen aus ihren Häusern vertrieben, Familien auseinander gerissen, Männer und Frauen und Kinder in Arbeitskolonnen an verschiedenen Orten eingesetzt und auch von dort aus in immer neue Gruppen abbeordert. Es war oft verboten, sich zu besuchen. Es gab keine Post, keine Medien. War den Kambodschanern während der drei Jahre der Pol-Pot-Ära das Ausmaß der Katastrophe bekannt? Wussten die Khmer Rouge selber, wie viele Opfer der Wahn vom Bauernstaat forderte?

Youk Chhang: Die Khmer Rouge hatten das Land in zehn verschiedene Zonen eingeteilt und sie wetteiferten miteinander, wer das Land am schnellsten „befreien“ würde. Es gab interne Konflikte. Einige waren bemüht, ihre Zone als mustergültig zu präsentieren, sie dokumentierten, wie gut es ihren Leuten ging. Ihre Fotos und Filme zeigen gut genährte Leute. Bei ihnen gab es weniger Tote. Andere bemerkten zwar, dass viele Menschen starben, aber sie versuchten sogar, dieses Sterben voranzutreiben im Glauben, man könne diese historisch angeblich notwendige Phase schnell hinter sich bringen, um so früher die ideale Gesellschaft zu erreichen.

ZEIT online: Bald werden Richter die Ermittlungsarbeit aufnehmen und Beweismaterial gegen die Schuldigen suchen. Ihr Institut hat alle Dokumente gesammelt. Können Sie den Ermittlungen den Weg weisen?

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    • Quelle ZEIT online, 6.4.2006
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