Computer Revolution beta
Was bislang nur mit viel Aufwand möglich war, soll dank einer von Apple selbst vorgestellten Software nun ganz einfach sein: Windows auf dem Mac zu installieren. Die bisher getrennten Computerwelten beginnen sich zu vermischen.
Apple verkündet das Unglaubliche ganz trocken: „Macs können auch Windows“. Ein am Mittwoch präsentiertes Programm ermöglicht es Mac-Besitzern, neben dem mitgelieferten OS X nun auch Windows XP auf einem separaten Teil der Festplatte zu installieren. Anders als bisher läuft Windows dabei eigenständig und mit voller Geschwindigkeit. Wer Boot Camp einmal eingerichtet hat, kann nach dem Einschalten seines Macs entscheiden, ob OS X oder Windows gestartet werden soll.
Ob Windows überhaupt etwas auf dem Mac zu suchen hat, ist eine seit jeher mit fast religiösem Eifer diskutierte Streitfrage in der Computerwelt. Während eingeschworene Fans Verrat und Sakrileg wittern, freuen sich nun andere Nutzer, die auf ihre gewohnten Windows-Programme nicht verzichten können oder wollen, über den Fall des letzten noch geltenden Tabus der bisher säuberlich getrennten Computerwelten.
Obwohl der praktische Nutzen des Programms vorerst noch unklar ist, jubeln die Analysten. Die Apple-Aktie machte am Mittwoch einen Freudensprung und die Technologiebörse Nasdaq notierte noch am selben Tag ein Fünf-Jahres-Hoch. Was Apple da auf seinen Servern zum kostenlosen Download zur Verfügung stellt, soll eine Revolution sein. Oder ein verspäteter Aprilscherz. Auf jeden Fall aber ein Geniestreich in Sachen Marketing.
Denn die Präsentation von Boot Camp wurde nicht wie sonst üblich inszeniert - keine Geheimniskrämerei und keine aufwändigen Shows. Stattdessen wurde Boot Camp einfach veröffentlicht. Das ist zwar untypisch, aber vielleicht umso wirksamer. Denn das Tool ist eine logische Konsequenz des im vergangenen Jahr heiß diskutierten Abschieds Apples von den PowerPC-Prozessoren, die einst gemeinsam mit IBM entwickelt worden waren. Seitdem war es nämlich theoretisch bereits möglich, Windows auf den neuen Intel-Macs zu installieren.
Genau das hatten einige Nutzer versucht. Apple dürfte die weltweite Fangemeinde mit einer Mischung aus Amüsement und Interesse beobachtet haben, zumal deren Bastelarbeit für jede Menge Aufmerksamkeit sorgte. Als Mitte März ein Video im Netz auftauchte, das eine gelungene Windows-Installation auf einem Intel-Mac beweisen sollte, wurde noch an der Echtheit des Filmchens gezweifelt. Ein Internetportal hatte zeitweilig sogar ein Preisgeld von mehr als 13.000 Dollar für die Lösung des Windows-Problems ausgeschrieben, das letztlich ein Hacker namens narf2006 kassierte.
Dass Apple das Rätsel nun kurzerhand mit einer eigenen Software löst, könnte ein Indiz für eine längerfristige Strategie sein: Boot Camp soll Teil der zum Jahreswechsel erwarteten neuen Generation des Betriebssystems OS X werden; die derzeitige Variante wird nur als so genannte Beta-Version zum Testen angeboten. Wenn Windows allerdings als Dauergast auf dem Mac einziehen sollte, eröffnet sich Apple eine ganze Palette neuer Kundenkreise.
Durch die Kompatibilität zum bisher marktbeherrschenden Microsoft Windows könnte die Verbreitung des eigenen Systems OS X gesteigert werden. Zudem wird die wegen ihres Designs beliebte Apple-Hardware, wie etwa der Desktoprechner iMac oder die Notebook-Reihe MacBook Pro, für den Massenmarkt attraktiv. So könnte der Schachzug als Angriff auf die Konkurrenz - einerseits den Softwareproduzenten Microsoft, andererseits die etablierten Hardwarehersteller Dell und Hewlett Packard - gelesen werden.
Das ist zwar keine Revolution, aber ein Strategiewechsel. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob und wie der sich auswirken wird. Wer nämlich tatsächlich zu einem Microsoft-Mac kommen will, muss neben einem Apple-Rechner auch noch Windows kaufen und dieses auf dem Mac einrichten. Was nicht jedermanns Sache sein dürfte, wie das 18-seitige Installationshandbuch zeigt. Und so gibt sich auch Apple zurückhaltend: „Wir haben weder den Wunsch noch die Absicht, Windows zu verkaufen oder zu unterstützen.“ Das wäre dann das letzte Tabu, das man noch brechen könnte.
Diskutieren Sie mit: Windows auf dem Mac?
- Datum
- Serie -
- Quelle ZEIT online 06.04.2006
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







