Mein Leben mit Musik Ich tanze nicht

Wenn seine Freunde unter der Glitzerkugel auf und ab hüpfen, sieht unser Autor ihnen immer nur zu. Sich vor aller Augen im Takt zu schütteln, das käme ihm lächerlich vor. So steht er im Club die ganze Nacht bloß herum. – Erfahrungen aus dem tönenden Alltag

Ich kann nicht tanzen. Konnte ich noch nie. Der simpelste Viervierteltakt bringt meine Füße durcheinander. Jeder Off-Beat macht mich lächerlich. Auf Hochzeiten gehe ich bei der Damenwahl zur Toilette. Aber wenn meine Freunde am Wochenende tanzen gehen, gehe ich mit. Sie stürmen die Tanzfläche, ich stehe am Rand und sehe ihnen zu. Stundenlang. Die ganze Nacht.

Anfangs haben sie mich noch zu überreden versucht. Mädchen haben mich am Arm gezogen. Sie wollten mich tanzen sehen. Irgendwann haben sie aufgegeben. Sie wissen inzwischen: Es ist mir peinlich. Wirklich verstehen tun sie es nicht.

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Im Club kann man sich zur Musik schütteln, man kann springen oder zucken. Unter der Glitzerkugel ist alles erlaubt. Diese Freiheit steht manchen verdammt gut, anderen weniger. Manche prüfen sich in den Spiegelsäulen. Andere hüpfen Arm in Arm herum, egal, ob nun Green Day oder Portishead laufen.

Ich stehe da und frage mich, wie es wohl wäre, einfach so zu tanzen. Ganz selbstvergessen mit einem breiten Grinsen. In Gedanken bewe-ge ich meine Füße, schwinge meine Arme umher, nicke mit dem Kopf dabei. In Gedanken denke ich nicht nach. Nicht darüber, ob meine Füße dem Takt folgen müssen. Ob sie auf der 1 oder auf der 2 wieder den Boden berühren sollten. Nicht an meinen albernen Gesichtsausdruck. Nicht an die feixenden Zuschauer. Nicht an die Schwitzflecken auf meinem T-Shirt. Ich tanze wie alle anderen. Aber ich tue es nicht. Deswegen bin ich im Club eine Randfigur. Eitelkeit? Feigheit?

Trotzdem verbringe ich gern die ganze Nacht da. Schließlich bin ich ja der Musik wegen gekommen, ich drängle mich zum DJ durch und wünsch mir was. Sein schiefgestellter Kopf schreckt mich nicht ab: „Jaja, spiel ich gleich“ oder „Im Moment passt’s gerade nicht, aber später vielleicht“.

Diese Achtlosigkeit amüsiert mich. Und sie quält mich. Soll ich bis fünf Uhr früh auf einen Song warten oder einfach nach Hause gehen, wo die Platte im Schrank steht? Warum den nächsten Tag verschlafen, wenn ich das Gewünschte auf dem Sofa hören könnte. Aber es wäre nicht das gleiche. Diese Pause zwischen zwei Liedern, das stille Rätseln, die Anspannung, bis… endlich… das erlösende Anfangsriff!

Leser-Kommentare
    • Thian
    • 09.04.2006 um 19:34 Uhr

    JA! Sie sprechen mir aus dem Herzen, was das Tanzen angeht!

    Allerdings ist meine Konsequenz daraus die, dass ich Diskotheken meide...

    Wie heißt es so schön bei Farin Urlaub:
    es gibt Leute die könn' tanzen, ich gehöre nicht dazu, denn ich hab' zwei linke Füße, Tanzen ist für mich tabu, auf 'ner guten Tänzer-Skala eingeteilt von eins bis zehn, läge ich bei minus sieben, nur damit wir uns verstehen...

    ;-) Thian

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  • Quelle ZEIT online 9.4.2006
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