Popetown Streitsache Jesus

Für die Serie "Popetown" warb der Sender MTV mit einem lässig im Sessel sitzenden Jesus, darunter das Motto: "Lachen, nicht rumhängen". Viele Christen fanden das nicht lustig, ertragen müssen sie es dennoch.

In einer Zeit erhöhter religiöser Sensibilitäten konnte es nicht ausbleiben. Wahrscheinlich hatte es der Sender ganz kühl einkalkuliert. Die Cartoon Serie Popetown , die bald die Zuschauer von MTV beglücken soll, sorgt im Vorfeld für helle Aufregung. Wobei keiner der lautstark Protestierenden, ob Politiker, Kirchenfürsten oder Normalverbraucher, das Werk kennen dürfte. Aber bekanntlich protestiert es sich umso ungehemmter, wenn man unbeleckt ist von Faktenkenntnis. Zugegeben, die mittlerweile abgesetzte Werbung des Senders – Jesus, vom Kreuz gestiegen, schaut sich, gemütlich im Sessel sitzend, Popetown an, darunter das Motto „Lachen statt rumhängen“ – war nicht gerade geschmackvoll. Auch in der Serie geht es nicht zimperlich zu.

Der Papst ist ein ziemlich unausstehlicher Flegel, „durchgeknallt“, wie MTV verkündet. Ein geplagter Geistlicher hat ihn zu betreuen und wird dabei bedrängt von „kriminellen Kardinälen“, wie die Werbung von MTV verkündet. Gewiss frech und respektlos, sicher auch anstößig und verletzend für viele gläubige Katholiken.

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Doch das Konzept westlicher Freiheit, das wir für eine zivilisatorische Errungenschaft halten, umfasst nun mal das Recht, auch Religionen und Kirchen verspotten, ja beleidigen zu können. Ein Recht, das Christen im konkreten Einzelfall murrend, ja widerwillig hinnehmen mögen. Aber generell ist es in den westlichen Gesellschaften von allen Seiten akzeptiert. Jeder Versuch, diese Freiheit einzuschränken, stößt auf erbitterten Widerstand, allen voran von Künstlern, Intellektuellen und Journalisten.

Doch nun ist ein neuer Faktor hinzugekommen. Die muslimischen Minderheiten Europas akzeptieren nicht ein Verständnis von Freiheit, das auch das Recht auf blasphemische Scherze umfasst. Eigentlich hätten wir das seit den Bücherverbrennung von Salman Rushdies Satanischen Versen erkennen müssen. Begriffen haben wir es spätesten seit dem gewalttätigen Proteststurm, den die dänischen Mohammed Karikaturen auslösten.
Zunächst einmal hat das zu erhöhter Sensibilität gegenüber der muslimischen Minoritäten geführt – westliche Politiker tadelten die Zeitungen, die die Karikaturen nachdruckten. In Amerika und Großbritannien verzichtete die Presse freiwillig darauf.

Eine Rücksichtnahme, die zu einem Teil auch der Furcht vor potenziell bedrohlichen Folgen muslimischen Zorns entsprang. Beim Umgang mit aufgebrachten Christen spielte der Furchtfaktor keine Rolle. Populärkultur wie Avantgarde übergossen das Christentum jahrzehntelang genüsslich mit blasphemischen Hohn, den sie offenkundig für zivilisatorische Verfeinerung zu halten scheinen. In der Jerry Springer Oper tanzte im Londonder Westend jahrelang ein schwuler Jesus in Windeln über die Bühne. Proteste, letztlich folgenlos, gab es erst, als die BBC das Stück auch noch live ausstrahlte.

Kristallisiert sich im Umgang mit religiösen Empfindlichkeiten immer deutlicher heraus, dass mit zweierlei Maß gemessen wird, werden sich unweigerlich neue Probleme einstellen. Wahrscheinlich wären die Proteste gegen Pope Town in Deutschland vor einigen Jahren weniger heftig ausgefallen. Wie mit dem Dilemma umgehen? Es existieren legale Grenzen der Meinungsfreiheit, die im Fall Popetown offenkundig gerichtlich ausgelotet werden sollen. Über Geschmack jedoch lässt sich endlos streiten.

Leser-Kommentare
  1. Meinungsfreiheit und Redefreiheit in allen Ehren. Aber in meinen Augen gibt es einen Unterschied zwischen berechtigter Kritik an Missständen in Glaubensgemeinschaften und Lehren, die schon immer in der Geschichte genutzt wurden: Satire, Karikierung hoher Massstäbe mit der niederen Wirklichkeit; all diese Kritik ist notwendig für eine sich selbst verändernde und verbessern wollende Kultur. Auch in einem multireligiösen Rahmen muss das zu ertragen sein.

    Aber was bitte ist denn die kritische Aussage eines vor dem Fernseher lümmelnden Jesus? Welche Kritik soll dahinter stecken? Ist das nicht einfach nur noch Provokation um der Provokation willen, um des Erhöhens des "Marktwertes" willen?

    Und wenn wir in den Nahen Ostens schauen oder mit Muslimen sprechen: Kann mir einer jemand nennen, der in seiner ganzen Kritik an der derzeitigen politischen (!) Weltlage Jesus diffamiert? Der einen "christlichen" Gott herabsetzt? Nein: Wohl werden Glaubensvorstellungen kritisiert, aber nirgendwo zentrale Punkte selbst wie Nächstenliebe, Gott oder Jesus angegriffen.

    Vielleicht sollten wir lernen, zwischen Kritik und Verballhornung zu unterscheiden...

  2. Merkwürdig, beinah gleichlautend gab es einen Aufschrei für die (Presse)Freiheit als die fundamentlistischen (Mohammed-) Karikaturenstürmer Amok liefen. Wo bleiben ähnliche "Empfindlichkeiten" jetzt, da christliche Fundamentalisten aus Politik, staatlichen Institutionen und Kirche mit der Forderung nach Sendeverboten für einen wohl ebenso harm- wie geschmacklosen Cartoon reagieren? Ich fühle mich von diesem Fundamentalismus der "Leitkulturbefürworter" sehr viel stärker bedroht, er kommt von Menschen, die in den Zentren der Macht dieses Landes sitzen. Sie sind gegenüber dem Islam genauso unehrlich wie sie es gegenüber dem Real-Sozialismus waren:
    Stets bereit für die Freiheit der Kritiker ihrer Gegner
    einzutreten, stets bereit, die Freiheit der eigenen Kritiker einzuschränken.

    Stephan Krüger, Wedel

    • ZyciX
    • 13.04.2006 um 11:48 Uhr

    >> "Weshalb am Ende nur ein klares Bekenntnis zur Freiheit bleibt. Freie Rede, wozu auch künstlerische Freiheit gehört, ist das Fundament einer freien Gesellschaft."

    Sehe ich auch so, aber dann bitte nicht wieder die Christen kritisieren, wenn Sie mal wieder lustige Bilder über Muhammed o.ä. malen. Hier darf nicht mit zweierlei Maß gemessen werden.

    Solang wir einen Konsens finden, was religöses Befinden aushalten muss und was nicht, und das dann für alle gilt, bin ich daccord. Bloss habe ich trotz allem das Gefühl, dass MTV niemals Muhammend-town ausgestrahlt hätte....

  3. > Ein Recht, das Christen im konkreten Einzelfall murrend,
    > ja widerwillig hinnehmen mögen. Aber generell ist es in
    > den westlichen Gesellschaften von allen Seiten akzeptiert.
    > Jeder Versuch, diese Freiheit einzuschränken, stößt auf
    > erbitterten Widerstand, allen voran von Künstlern,
    > Intellektuellen und Journalisten.

    seltsam nur, dass das lt krönig berechtigte und erlaubte murren von selbigem sofort wieder zur moralischen standpauke genutzt wird!
    wenn das murren erlaubt ist, ist unverständlich, warum krönig als reaktion so einen sermon zusammenschreiben muss, um den murrenden den europäischen freiheitsbegriff unter die nase zu reiben.
    entwder muss krönig mal wieder den anti-religiösen affekt eines grossen teils der zeit-reaktion, pardon, redaktion, bedienen ... oder er muss schlicht seiten füllen.
    in beiden fällen ist sein artikel überflüssig -- den satz, dass für die religiösen empfindungen von christen wie muslimen der gleiche massstab gelten muss, hätte er auch ohne seitenschüsse gegen christen auswalzen können.

  4. Sie schreiben "...Jeder Versuch, diese Freiheit einzuschränken, stößt auf erbitterten Widerstand, allen voran von Künstlern, Intellektuellen und Journalisten."
    Wie definieren Sie die "anderen" und deren Freiheitsverständnis?

  5. Die Trennung von Kirche und Staat wird immer dringlicher.
    Was soll der Aufschrei der bisher kaum jemand kennt?
    Am Anfang der Christenheit waren die Christen bereit für ihre Religion zu streben. Später tötete die Katholische Kirche alle Menschen, die einen andere Meinung hatten. Ein Meer von Mord, Blut und Terror hat die Katholische Kirche über die Erde verbreitet und darauf ihre heutige Macht aufgebaut.
    Wovor hat die Katholische Kirche nun solche Angst?
    Könnte es sein, dass in der satire "popetwon" ein Körnchen Wahrheit liegt, die man der Welt lieber vorenthalten möchte?
    Wenn doch "Gott allmächtig" sein soll, wozu braucht dann die Katholische Kirche die Gerichte? Als einen verlängerten Arm der mittelalerlichen Inquisition?
    Oder, wenn Glauben Berge versetzen würde, hat dann der Bischof von München nicht genug Glauben, dass er nach dem Staat rufen muss (bzw. nach Gerichten)? Hilft nicht Beten und Fasten, wie es in der Bibel steht, viel besser?

    Sind die Richter, falls es zur Klage kommt, dann unabhängig oder auch katholisch?

    Man sollte meinen, dass es endlich Zeit würde, dass sich die katholische Kirche um sich selbst kümmert, um ihre "guten Werke", und nicht zwangsweise allen Menschen (z.B. Kreuze in den Schulen und öffentlichen Einrichtungen) ihren Glauben und ihre Meinung - wenn nicht freiwillig, dann mit Gewalt und dem Gericht - nahezubringen versucht.

    Wo ist denn die Religionsfreiheit der Katholischen Kirche Andersdenkenden gegenüber, etwa Atheisten?
    Oder soll mit diesem Vorgehen ein neues geistiges Mittelalter eingeläutet werden?

    Wie sprach Voltaire:
    "Ich teile zwar Deine Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür geben, dass Du sie frei äußern kannst".

    Wenn diese tolerante Haltung endlich in der fundamentalistischen christlichen Religion insgesamt Eingang fände, so, wie sie der biblische Jesus auch gelehrt hat, dann wäre es in der Welt besser bestellt. Dann gäbe es auch keinen Konflikt mit dem Islam, keine Achse "des Bösen".
    Ich denke, dass sich die Katholische Kirche mit dem Verbotsbegehren gegen "popetown" und damit gegen die Meinungs-, Presse- und Kulturfreiheit selbst zur Satire macht und ihren Mitgliedern und dem Christentum insgesamt keinen guten Dienst erweist. Darüber sollte man in München nachdenken.

  6. schaut sich MTV an, jedenfalls nicht aus meinem Bekanntenkreis..aber egal -wer sich diese Serie ansehen will hat meinen Segen-ich denke nach diesem Aufruhr bekommt diese Serie eine groessere Audienz als es normaler Weise geschehen waere.

  7. Jetzt wissen wir wenigstens, worum es bei dem Geschrei um Pressefreiheit ging im Fall der Mohammed - Karikaturen.
    Aufschluss geben zum Beispiel die Stoiber Zitate, die in der Welt - online zu finden sind.
    Unter den Stichworten "Stoiber Mohammed - Karikaturen" findet man einen Artikel vom Mo, 27. Februar 2006.
    Herr Stoiber möchte einen runden Tisch der Religionen:
    "Daher wolle er Spitzenvertreter der großen christlichen Kirchen, der jüdischen Religion und des Islam sowie Publizisten und Wissenschaftler an einen Tisch bringen. Damit könne ein Dialog der Kulturen angestoßen werden, sagte der CSU-Chef".
    Stoiber will den Film "Tal der Wölfe verbieten:
    "Der Film ist ein Scharfmacher, nicht ich. Ich trete für ein Zusammenleben der Kulturen in, der Film bringt sie gegeneinander auf."
    Download vom 15.04.2006 von welt.de, Politik.

    Alois Kück, 2006.

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  • Quelle ZEIT online, 13.4.2006
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