Iran Jetzt eine Atommacht?

In Teheran regieren Meister der Propaganda. Im Westen fällt mancher auf sie herein. Eine Nachrichtenanalyse

Der iranische Präsident Ahmadineschad beherrscht die psychologische Kriegführung, als hätte er die Disziplin erfunden. Am Montagabend kündigte er für den Dienstag die Bekanntgabe kerntechnischer Erfolge an, tags darauf sodann ließ er bekannt geben, dass in der Nuklearanlage Natanz Uran angereichert worden sei.

Und alle sprangen über das Stöckchen.

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Dabei handelte es sich um die Nachricht von einem Nullereignis. Dass in Natanz (einer Anlage übrigens, über die der amerikanische Enthüllungsjournalist Seymour Hersh irrig schreibt, sie sei der Kontrolle der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA entzogen ) eine Kaskade von 164 Zentrifugen zusammengefügt und zum Zwecke der Anreicherung mit Urangas befüllt wurde, ist seit Wochen bekannt. Nun behauptet Iran also, das Gas auf 3,5 Prozent Anteile des Isotops U-235 angereichert zu haben, also auf jene Konzentration, die zur Herstellung von Brennelementen für Leichtwasserreaktoren nötig ist. Technisch oder gar rüstungstechnisch ist das kein wirkliches Event. Falls die Angaben überhaupt stimmen.

Auch, dass Iran nun den „atomaren Kreislauf beherrsche“, ist Unsinn, denn von einer Wiederaufbereitung benutzter Brennelemente ist das Land weit entfernt. Um den im iranischen Busheer demnächst fertig gestellten Reaktor bestücken zu können, plant Teheran einen Anreicherungsbetrieb mit über 50.000 Zentrifugen – nicht eine 146er-Kaskade im Technikumsmaßstab, die lediglich experimentellen Charakter hat; und als diese seit Monaten bekannte Tatsache an diesem Mittwoch noch einmal öffentlich geäußert wurde, machten einige Medien schon wieder eine Sensationsmeldung daraus.

Mit anderen Worten: Dem Regime ist es gelungen, aus einem Nichts ein Symbol zu machen.

Und zwar ein beängstigendes. Immerhin hat der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen das Land aufgefordert, bis zum 29. April den vorläufigen Verzicht auf Urananreicherung zu erklären – aber das Regime zeigt der Welt, dass es nicht daran denkt, sich zu fügen. Das ist der brisante Aspekt der Meldungen. Dass Ahmadineschad sein Land nunmehr als „Nuklearmacht“ bezeichnet habe, ist gleichfalls unrichtig, vielmehr gehört Iran ihm zufolge nun zum Kreis der Nationen, die imstande sind, die Kerntechnik zu beherrschen – was immer das heißen soll. Gleichwohl, seine Äußerung war eine weitere, berechnete Provokation, und die Fehlinterpretation war vermutlich intendiert.

Unbestreitbar, dass die Gesten aus Teheran fatal sind. Sie signalisieren, dass es bisher keine Verhandlungsbereitschaft gibt. Aber das kennt man ja aus den bisherigen Runden des Atompokers ; bisher zeichnete sich noch nach jeder Eskalationsphase am Horizont eine Lösung ab. Erreicht wurde sie bisher nicht, aber das Fenster der Diplomatie steht ja auch noch offen – vermutlich sogar noch ein paar Jahre lang.

 
Leser-Kommentare
    • ferd
    • 15.04.2006 um 6:33 Uhr

    Intellektuelle moegen die Lage ja so sehen und zur Zeit mag ja vieles stimmen was Sie im Artikel schreiben, aber ich glaube das koennte sich ganz schnell aendern. Ueberhaupt werde ich das Gefuehl nicht los, dass in der Region vor nicht allzu langer Zeit aehnliche Spielchen bereits einmal getrieben worden sind.

    "Ist ja alles nur Propaganda" oder "Dummes Geschwaetz" das informierte Personen nicht beindrucken mag. Deja vue? Glauben Sie, dass Gesellschaften im mittleren Osten momentan fuer neoliberale Ideologien empfaenglich sind?

    Ich finde die in dem Artikel dargestellte Meinung sehr oberflaechlich und es waere gut, wenn sie ausgeglichener und sachlicher gewesen waere.

    • ffobzb
    • 15.04.2006 um 17:09 Uhr

    Man stelle sich mal vor, man wolle als wichtiger Öllieferant den Ölpreis in die Höhe treiben - dann stelle man sich als ankommende Atommacht dar, alle fallen drauf rein und der Ölpreis steigt wie gewünscht !? Selbstverständlich wissen das auch die amerikanischen Mineralölkonzerne und schüren kräftig mit die Kriegsgefahrgerüchteküche...

  1. die vorbereitungen laufen schon seit mindestens einem halben jahr und wurden von dem Hersh artikel im New Yorker (http://www.newyorker.com/...) nur bestaetigt. was ich interessant an seinem artikel fand, ist, dass Hersh es gut versteht aufzuzeigen, wie die massgeblichen leute in der US administration ticken, und dass es eigentlich kein zurueck gibt.
    aehnliches haben wir ja bei der vorbereitung des letzten Iraq krieges erlebt als die militaer-maschine schon angeworfen war waehrend man in den UN noch eifrig debattierte. diese maschine dann zu stoppen war so gut wie unmoeglich und zu einem gewissen zeitpunkt auch zu teuer.

    die motive Ahmadineschads diesen schritt zu forcieren sind vielschichtig, teilweise auch undurchsichtig - wie ich meine. erst mal gehoert er einer glaubensrichtiung an, die das weltenheil allein jenseits des Armageddon entdeckt. dann agiert er zum einen mal nach innen, um sich und den rueckhalt seiner macht - die revolutionaeren garden - zu staerken. zum andern agiert er nach aussen, einmal in richtung arabischer welt (die er hinter dem Iran versammeln will), und dann natuerlich in richtung "westlicher welt", zu der ihm nicht allein die Amerikaner zaehlen sondern auch die Europaeer. das ganze ist ziemlich komplex und fuer eine fundierte beurteilung fehlen mir wesentliche fakten. wer weiss zB wie es tatsaechlich im innern Irans aussieht? wer zieht da an welcher strippe, wer hat wen unter der fuchtel, wie ist die opposition geartet, denn ich sehe hier nur ein einigermassen verzerrtes bild von dieser iranischen opposition. west-freundlich? sicherlich, auch und gerade im kulturellen sinn (kino, musik, literatur, etc) aber deshalb schon Amerika-freundlich? und wie lange laesst der klerus Ahmadineschad gewaehren?

    aus diesen gruenden meine ich, dass die Amerikaner wesentlich gefaehrlicher sind als die Iraner, denn die gegenwaertige US administration ist, trotz der tausenden think-tanks, nicht gerade durch intelligenz und feingefuehl aufgefallen. diese hau-drauf-mentalitaet der staerke gegenueber eindeutig schwaecheren macht das ganze so brisant. sicher ist nur, dass beide, Ahmadineschad und Bush gefaehrlich beschraenkte koepfe sind. insofern haben die sich schon gefunden.

    Kann es sein, dass man in einer solchen Situation auf ein "Nullereignis" mit Freuden hereinfällt?

    was haben Sie damit gemeint? koennen Sie das ein bisschen erlaeutern?

    /malik

  2. Einen amerikanischen Nuklear-Schlag gegen den Iran wird es nicht geben. Alle Meldungen über einen bevor stehenden Nuklearschlag sind pure Panikmache und allenfalls geeignet Unterstützer des Iran zu mobilisieren und/oder gegen die USA/Bush zu hetzen. Auch mit den tief verbunkerten Atomanlagen des Iran wird man konventionell fertig, es dauert nur länger. Also keine Panik! J.S.

    Diskutieren kann man übrigens besser im der Zeit-Debatte:
    http://debatte.zeit.de/We...

  3. Eine etwas andere Sichtweise: Was Ahmadineschad da betreibt, ist klassische Agitation bei den eigenen Leuten. Er will mit "Wunderwaffen" und Atomtechnik Sympathiepunkte sammeln. Und die Iraner sind begeistert, wenn ihre Führung Erfolge bei der Atom- und Waffen-Technik vermeldet, aber der Westen und besonders Israel empfindet das verständlicherweise als bedrohlich. Die Eskalation ist vorprogrammiert. Ahmadineschad kann nicht zurück, denn dann würde er das Gesicht vor seinen eigenen Leuten verlieren und der Westen kann dem Iran keine Atomwaffen erlauben, dafür hat die Führung in Teheran schon zu oft "Tod den Amerikanern" und die Vernichtung Israels propagiert. Aber ich glaube nicht das es in diesem Konflikt nur um den Atomwaffenstreit geht. Irans Verbindungen zu Terrororganisationen sind wohl auch ein wesentlicher Punkt. J.S.

    • mebb
    • 14.04.2006 um 13:41 Uhr

    Dass es sich bei der iranischen Meldung der ersten erfolgreichen Anreicherung in Natanz um eine „Nullmeldung“ handeln soll ist ebenso überraschend wie falsch.

    Selbstverständlich ist mit der Funktionsfähigkeit der ersten 164er Kaskade ein wichtige technologische Hürde überschritten worden. Der Iran verfügt jetzt über das technologische Know-how, solch eine Kaskade zu bauen und zu betreiben.

    Die Menge an angereichertem Uran, die dabei produziert wurde, ist minimal. Mit einer solchen Kaskade würde es fast 20 Jahre dauern, bis ausreichend hochangereichertes Uran (mehr als 80 Prozent) für den Bau einer Bombe produziert würde. Aber der Iran wird jetzt das Verfahren multiplizieren und damit den Prozess beschleunigen.

    Auch das wird nicht ohne technische Probleme gehen und sollte der Iran wirklich eine Bombe bauen wollen, so ist er immer noch einige Jahre von der Erreichung des Ziels entfernt. Nur: es existiert nun ein Muster, das man vervielfältigen kann.

    Ob die iranische Erfolgsmeldung auch wirklich zutritt werden wir spätestens in zwei Wochen im neuen IAEA Bericht nachlesen können. Dass die IAEA prüfen wird, bis zu welchem Grad in Natanz angereichert wurde, war Teheran nicht nur bekannt sondern durchaus willkommen.

  4. Ahmadineschad kann nicht zurück, denn dann würde er das Gesicht vor seinen eigenen Leuten verlieren

    ich glaube, das zurueckrudern steht und stand nie zur debatte. es gibt und gab insofern auch kein gesicht zu verlieren. Ahmadineschad ist von anfang an voll auf konfrontationskurs gegangen. dem lag eindeutig eine strategie zugrunde - was diesen ersten (nun schon vor monaten gemachten), irrwitzigen bemerkungen ueber Israel zu entnehmen war. das war nicht nur so dahingeplappert sonst haetten ihn die religionsweisen damals schon unverzeuglich eingebremst. im gegenteil, er hat seine provokationen temporaer fortgesetzt und forciert.
    vielleicht ist er schlauer als viele ihn sehen wollen, denn er spekuliert auf die amerikanische arroganz, die sich jegliche souveraenitaet im umgang mit dem problem versagt. wenn die Amerikaner einen nuclear-schlag gegen den Iran fuehren (und sie werden das tun _muessen_ um ihre militaerisch-strategischen ziele zu erreichen, und, und hier trifft das wohl eher zu, um ihr gesicht nicht zu verlieren) wird sich Ahmadineschad nur die haende reiben, denn er wird seinen religioes motivierten apokalyptischen zielen naeher gekommen sein.

  5. 8. \N

    Ich denke im Kern geht es dem Iran darum dass es keiner Lösung zustimmen wird, die nicht eine friedliche Atomnutzung sowie Forschung ermöglicht (daraus leitet sich dann normalerweise bereits eine theoretisches Atomwaffenpotential ab ohne dass man solche Bomben wirklich bauen müsste, da die Pläne für so etwas weitgehend bekannt und einfach sind; nicht aber die Herbeischaffung des notwendigen Materials)

    Als Verhandlungssignal könnte verstanden werden, dass der Präsident mit eigenen worten gesagt hat, dass der Iran das Atomwaffenabkommen einhalten wird, weiter mit der IAEA kooperieren werde (natürlich nach seinen Regeln) und dass der Iran keine Intention hat sich mit Atomwaffen zu schützen.

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