Atomstreit Die Spannung steigt

Iran droht Israel und lässt durchblicken, dass Uran-Anreicherung und Rüstung sehr wohl miteinander zu tun haben könnten.

Steigende Spannung im Atomkonflikt mit Iran. Die amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice fordert, dass der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in seiner nächsten Resolution implizit auch mit militärischen Maßnahmen droht, sollte Iran sein Atomprogramm nicht unterbrechen; der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, Mohamed ElBaradei, reist unverrichteter Dinge wieder aus Teheran ab; und aus der iranischen Haupstadt sind Töne zu hören, die das Blut gefrieren lassen: „Das zionistische Regime geht seiner Vernichtung entgegen“, dröhnte Irans Regierungschef Ahmadineschad am Freitag.

Unterdessen ließ sich sein Stabschef General Firouzabadi, von der iranischen Nachrichtenagentur ISNA mit folgenden Sätzen zitieren: „Wenn eine Nation über Nukleartechnik verfügt und ihr Uran bis zu 3,5 Prozent anreichern kann, dann kann sie niemand mehr anrühren“ – was ja nicht anders verstanden werden kann, als dass das technische Potential, Uran auch bis zur Waffentauglichkeit anzureichern, sehr wohl ein Mittel der iranischen Militärpolitik ist. Ansonsten erlebt das Land gerade eine absurde Propagandawelle. Die Anreicherung von Uran im Labormaßstab, die angeblich in Natanz gelungen ist (die IAEA bestätigt das bisher nicht), wird vom Regime zum Gegenstand nationaler Feierlichkeiten erhoben. An der Amir-Kabir-Universität sollen sie, wie zu hören ist, dergestalt stattfinden, dass Studenten einen riesigen gelben Kuchen essen wollen – „Yellowcake“ ist der technische Terminus, der das pulverförmige Uranoxid bezeichnet, aus dem in Isfahan ein Uranfluorgas hergestellt wird, das wiederum den Ausgangsstoff für Natanz darstellt. Das ist schon wieder beinahe lustig.

Anzeige

Eben nur beinahe. Die Sorge geht um, dass Teheran sich gegen jegliche Diplomatie sperrt und auch das Äußerste riskiert . Allerdings besteht noch kein Zeitdruck, wie Richard Armitage, der ehemalige stellvertretende Außenminister aus Georg W. Bush’s erster Regierungszeit, in einem Gespräch mit der Financial Times erläuterte. Zur Zeit werde allenthalben Druck aufgebaut, auch seitens der Europäer, Chinas, Russlands und der IAEA; vor diesem Hintergrund sei zu empfehlen, dass die Amerikaner mit Iran direkt über das Atomprogramm verhandelten – ein Schritt, gegen den sich Washington und Teheran bisher sperren.

Jedenfalls werden die Vertreter Amerikas, Chinas, Russlands und der drei europäischen Verhandlungsländer (Großbritannien, Franrkeich und Deutschland), die am Osterdienstag in Moskau zusammenkommen, einigen Gesprächsstoff vorfinden. Bisher fahren sie einen gemeinsamen Kurs, allerdings auf Sicht: Jeder Schritt ist abgestimmt und lässt den daruffolgenden offen. Ende des Monats wird der IAEA-Chef ElBaradei dem Sicherheitsrat einen neuen Bericht vorlegen. Dann kommt es, vermutlich, zu einer Resolution (der bisherige Beschluß des Gremiums trug nur den Charakter einer rechtlich unverbindlichen Erklärung). Sie könnte Maßnahmen androhen. Militärische werden es wohl noch nicht sein, andere Drohungen sind, wenn sie nur vage genug gehalten sind, durchaus denkbar. (GvR)

 
Leser-Kommentare
  1. es gäbe ein militärisches Atomprogramm des Iran, dann wäre es mit Sicherheit weiter als das für die internationalen Institutionen voll zugängliche zivile Programm. Die Geheimhaltung in Iran scheint sehr gut zu sein, die jahrelangen Sanktionen haben dazu beigetragen dass Iran technologisch autark zu sein scheint, und auch schon Technologie im zivilen Bereich exportiert, zb. beim Autobau in Weissrussland und Südamerika. Iran ist von seiner Bevölkerungsgrösse im Vergleich zur Grösse des Landes in der Lage eine zivile starke Wirtschaft zu schaffen, mit gut ausgebildeter Bevölkerung und der Querfinanzierung des wirtschaftlichen und sozialen Aufbaus durch eigene Energieträger und Rohstoffen kann Iran als Exportnation eine starke Konkurrenz zum Westen und auch zu China und Japan werden. Eben diese Querfinanzierung des wirtschaftlichen Aufbaus aus den Rohstoffeinnahmen widerspricht den Bemühungen des Westens mittels der "Globalisierung" seinen Vorsprung aufrechtzuerhalten, und das Eigentum der Kapitalisten zu beschützen. Das libertäre Konzept der Globalisierung erfordert dass sich alle Bereiche einer Wirtschaft aus ihren eigenen Erträgen finanzieren, und nicht zb der Aufbau einer Massenproduktion von Konsum und Investitionsgütern aus Erträgen von Rohstoff und Ölexporten und eigener billiger Energie querfinanziert wird. Die Schwellenländer wie Iran Venezuela Sudan oder auch Russland vertreten die Ansicht dass diese Querfinanzierung legitim ist bis diese Länder technologisch und sozial auf westlichem Stand sind, deshalb dievom Westen inszenierten Umsturzversuche in diesen Ländern. Russland (und auch Sudan) hat hier den Nachteil, dass es zuwenig Bevölkerung hat gleichzeitig die Sicherheit in so einem riesigen Land aufrechtzuerhalten, und gleichzeitig eine zivile Wirtschaft aufzubauen, deshalb ist Russland (und Sudan) hier klar im Nachteil gegenüber Iran . In Russland und Sudan ist der Mottenfraß durch westliche Söldnertruppen und bezahlte Demonstranten die Aufstände provozieren wie in Tschetschenien, Weissrussland, Ukraine und Südsudan und Darfur schon ziemlich fortgeschritten. Die Angst vor Iran ist eine wirtschaftliche für den Westen nachteilige internationale Wettbewerbssituation, damit lässt sich jedoch kein Krieg begründen, und so muss das vom Westen am Laufen gehaltene Nahostproblem als Begründung herhalten einen gefährlichen Krieg, dessen Folgen unvorhersehbar sind propagandistisch vorzubereiten.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT online, 14.4.2006
  • Kommentare 1
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Autoren abonnieren RSS-Feed
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Iran
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service