Skandinavien Die Seele vom Mølleparken
Die Sängerin Torun Eriksen fügt dem Soul eine norwegische Note hinzu. Wir besuchten sie im Studio in Oslo beim Abmischen ihrer neuen Platte, einer Hymne auf das Familienleben. Nach Ostern ist sie live in Deutschland zu hören.
Es ist Oktober, und Oslo verhält sich so, wie man es erwartet hat. Es versinkt im Schneematsch. Der Taxifahrer hält am Mølleparken, dem ältesten Fabrikgebäude der norwegischen Hauptstadt. Hier befand sich früher mal eine Weberei. Junge Unternehmen haben sich inzwischen in dem Komplex niedergelassen, unter ihnen ein ganz besonderes. Es nennt sich vollmundig Jazzland und ist die Produktionsstätte des Pianisten Bugge Wesseltoft. Den Namen sucht man allerdings vergeblich auf dem Klingelschild. Stattdessen steht da: Karl Mustermann.
Eine Muster-Norwegerin öffnet die Tür. Torun Eriksen ist Ende zwanzig, blond, hat grau-blaue Augen, trägt einen dicken Pullover und schmiert sich erstmal eine Stulle. Gerade wird in Bugges Room, dem Jazzland-Studio, ihre neue CD fertig gestellt. Eine schwierige Phase. Mich dürfte man nicht mit den Computern alleine lassen, sagt die Sängerin und Songschreiberin mit Blick auf einen Bildschirm, ich würde mich total in den Details verlieren. Die Arbeit mit den Rechenmaschinen sei so gar nicht ihr Ding.
Eigentlich ist das erstaunlich. Schließlich gilt das von Bugge Wesseltoft vor zehn Jahren gegründete Jazzland-Label als Heimstatt des nordischen Elektro-Jazz. Hier veröffentlichte Wesseltoft die CDs seines Projekts New Conception of Jazz , weitere prominente Jazzland-Künstler sind der Gitarren-Manipulator Eivind Aarset, die Avantgarde-Sängerin Sidsel Endresen oder das Laptop-Duo Beady Belle. Torun Eriksen hingegen hat mit Bits und Bytes nicht viel zu schaffen.
Als Jazzland vor drei Jahren ihr Debüt Glittercard herausbrachte, war das eine angenehme Überraschung. Die CD schien aus einer anderen Zeit zu kommen, aus einer Ära, zu der man das Schreiben von Songs noch für eine ehrenhaft künstlerische Arbeit hielt, als Joni Mitchell gemeinsame Sache mit Jaco Pastorius machte und Stevie Wonder eine fantastische Platte nach der anderen veröffentlichte. Auf Glittercard reüssierte Eriksen mit handgemachter Soul-Musik und einer Stimme, die gleichzeitig schwarz und eisgekühlt klang und doch weder nach Norwegen noch nach Nordamerika. Die Platte wurde zum Achtungserfolg, vor allem in Mitteleuropa, wo sie sich zehntausend Mal verkaufte.
Die neue CD Prayers & Observations ist eine konsequente Fortführung des Debüts. Ich schreibe immer noch Stücke im Strophe-Refrain-Schema. Diese Singer/Songwriter-Tradition gefällt mir, erklärt Eriksen am Holztisch in der Kaffeeküche von Bugges Room. Der Unterschied zum ersten Album sei die größere Variation in der Instrumentierung. Geblieben sei der nackte, reduzierte Klang, den man von dem Produzenten Wesseltoft kenne. Das macht es jazzy. Wie es der Zufall so will: Von nebenan, wo gerade abgemischt wird, schwingt ein sanfter Wechselbass herüber. Und dann das Wimmern einer Slide-Gitarre. Ja, sagt Eriksen, ein Country-Song ist auch dabei. Ein Duett mit dem Sänger Pål Flåte von der Band Midnight Choir. Eigentlich ist das Stück eine traurige Sache. Es ist dem Saxofonisten Sigurd Køhn gewidmet, mit dem ich viel gearbeitet habe. Er ist beim Tsunami umgekommen.
Prayers & Observations ist eine Hymne auf das Leben. Hochschwanger hatte sie noch ihre erste CD eingesungen. Die zweite reflektiert nun das Zusammensein mit dem kleinen Sohn. Der still glühende Pop-Song My Boys feiert das Glück, eine Familie zu haben, die Jazznummer Tired berichtet mit schleppenden Schlagzeugbesen und schlafwandelerischen Bläsersätzen von der Müdigkeit junger Eltern. Erwachsenenmusik im besten Sinne.
Bei aller Befähigung zum Soul: Eriksen prahlt nicht mit ihrer Stimme. Das ist eine Frage des Körpers. Ein Afroamerikaner kann Klänge singen, die ich beispielsweise niemals hinbekommen werde. Weil meine Stimmkanäle kleiner, schmaler sind. Ich muss also die Balance finden: mich von Leuten beeinflussen lassen, die ich mag, und dann so singen, wie ich singen kann.
- Datum 19.04.2006 - 13:31 Uhr
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- Quelle ZEIT online 14. 4. 2006
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