Erziehung Zurück in die 50er Jahre

Die Familienministerin möchte wieder Werte vermitteln, mit Hilfe der Kirchen und eines „Bündnisses für Erziehung“. Aber sind Wertevermittlung und Erziehung nur Sache der CDU und der Kirchen? Nein, findet Ludwig Greven

Man hat es schon eine Weile geahnt, denn Ursula von der Leyen, die neue Wunderfrau der Christdemokraten, lebt es ja mediengerecht vor – die Symbiose eines modernen Frauenbildes mit den Grundüberzeugungen und äußerlichen Merkmalen der „guten alten Zeit“ der frühen Bundesrepublik: Als die Menschen noch viele Kinder hatten, die sie im Respekt vor den Anderen und im Geiste der christlichen Lehre erzogen. Als die Welt also angeblich noch in Ordnung war.

Dass Frau von der Leyen, durch siebenfache Mutterschaft geadelt und als  pädagogisch „kompetent“ ausgewiesen, solche grundkonservativen Vorstellungen nun wieder zur quasi offiziellen Politik machen will, passt irgendwie in die heutige Zeit, wo allenthalben über die „neue  Bürgerlichkeit“ fabuliert wird. Was ist das anderes als die Sehnsucht nach den vermeintlich verschütteten Werten einer untergegangenen Epoche?

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Es ist natürlich nichts dagegen zu sagen, Kindern Werte wie Respekt, Toleranz, Verlässlichkeit und Hilfsbereitschaft zu vermitteln. Wer selber Kinder zu erziehen hat, weiß, dass das eine sich immer wieder neu stellende, nicht leichte Aufgabe ist. Und sicher ist auch richtig, dass es Heranwachsenden oft an solchen Tugenden und Einstellungen gebricht, ohne die eine Gesellschaft letztlich nicht funktionieren kann. Schulen und Lehrer klagen oft und gerne über solchen Mangel an Erziehung, die nachzuholen sie nicht in der Lage seien – für manche Pädagogen eine bequeme Entschuldigung für eigenes Versagen.

Doch solche Klagen hat es immer schon gegeben. Noch jede ältere Generation hat darüber gejammert, dass die jeweilige Jugend keine Erziehung, keine Kultur und keine Werte mehr kenne. Sicher brauchen Eltern Hilfe. Und sicher braucht eine offene, moderne Gesellschaft „Leitplanken“, wie Frau von der Leyen postuliert. Nur: die festzulegen, ist nicht Sache der Regierung und der Kirchen. Das ist eine Sache der ganzen Gesellschaft und damit jedes Einzelnen.

Wie wollen wir leben? Was hält uns zusammen? Was macht unsere Kultur und unser Selbstverständnis aus? Auf diese Fragen hat niemand ein Monopol. Wenn es denn überhaupt eines „Bündnisses für Erziehung“ bedarf, was viele Pädagogen mit Fug und Recht bezweifeln, schließlich wird seit Jahrzehnten breit über Erziehungsfragen diskutiert, dann müssen auch Eltern, Lehrer, Wissenschaftler und andere Organisationen daran beteiligt werden.

Und Kindergärten und Schulen können auch nicht „Orte der Erziehungsberatung“ sein, wie es die evangelische Bischöfin Margot Käßmann zum Auftakt des „Bündnisses“ formulierte. Sie sind dazu gar nicht in der Lage, sie haben schon Mühe genug, den Kindern das notwendige Wissen für ihr späteres Leben zu vermitteln. Und sie sollten es auch gar nicht. Denn gerade nach Vorstellungen der Konservativen, zu denen man ja auch die Familienministerin zählen darf, ist Erziehung zuallererst Sache der Eltern und Familien, nicht des Staates und anderer fürsorgender Einrichtungen.

Schließlich: Wenn es heute an Werten wie Verlässlichkeit, Solidarität oder Respekt mangelt, hat dies auch mit den veränderten gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnissen zu tun. Wenn Eltern in ihrem Berufsleben keine Verlässlichkeit mehr erleben, wenn die von der Wirtschaft und denselben Politikern geforderte Flexibilität Familien zerreißt, wenn alles nur noch dem Diktat der Märkte und des Gewinns unterworfen ist, dann können auch „christliche“ Werte nicht mehr gedeihen. Und wenn Schulen schlecht ausgestattet und mit Problemfällen überfrachtet sind – Stichwort Rütli-Schule -, können sie erst recht keine pädagogischen Reparaturbetriebe sein.

Wohlfeile Appelle werden an dem einen wie dem anderen nichts ändern – genauso wenig alle „Gipfel“ und „Bündnisse“. Sie können reale Politik nicht ersetzen. Sie tun nur so.   





 
Leser-Kommentare
  1. 1. \N

    Ich stimme Ludwig Greven zu, dass die Proklamation eines "Bündnisses für Erziehung" in dieser Form der falsche Ansatz ist - immerhin geht es hier nicht um eine Unterschriftenaktion, für die kurzerhand ein Bündnis ausgelobt werden kann, sondern um das Erlernen von Werten, die die künftige Lebensweise beeinflussen. Doch um diese zu verinnerlichen, müssen sie zuallerst ERLEBT werden, selbst ERFAHREN werden.

    Die Familienministerin gibt zu bedenken, dass mehr als die Hälfte der Kindergärten in Deutschland von kirchlichen Trägern betrieben werden und rechtfertigt hiermit, die Kirchen als Erste mit in ihr Bündnis aufgenommen zu haben. Aber wie wir spätestens seit der PISA-Studie wissen, funktioniert Lernen durch eigenes Entdecken, weniger durch Absorbtion von Gesagtem, und Kinder orientieren sich am Verhalten Erwachsener. Abgesehen davon, dass christliche Kindergärten bereits heute entsprechende Werte in ihrer pädagogischen Arbeit thematisieren, wird das Problem im Kindergarten nicht an der Wurzel gepackt.

    Der Lieblingswert unserer Gesellschaft heißt vor allem "Leistung". Dass es hierzu Alternativen gibt und dass ein Mehr an Gemeinschaft (was genau ist das eigentlich???)Lebensqualität erhöhen kann, sehen nur wenige. Allerdings muss man sich dieses Mehr auch finanziell leisten können (diese Frage stellte sich, nebenbei bemerkt, der siebenfachen Mutter von der Leyen vermutlich nicht). Die Erziehungsdebatte kann also sowohl aus ethischer als auch aus sozialökonomischer Sicht nur gesamtgesellschaftlich geführt werden. Das "Bündnis für Erziehung" ausschließlich mit den großen Kirchen ins Leben zu rufen, war ein falsches Signal.

    • stuerm
    • 23.04.2006 um 9:31 Uhr

    @buysse 22.04 17:43 und 22:01
    ...koennte man sagen. Welche Ausbrueche, welche Wortgewalt, die epische Breite ist schon beeindruckend. Spricht da der Frust, den "konservativen Durchschnittsmenschen" nicht wegsperren zu koennen? Oder ist es der Hass auf die Welt, in der Sie Ihr Vater scheinbar allein gelassen hat? Haben Sie sich Ihre Weltsicht vor dem Ferseher selbst "zusammenbasteln" muessen?
    Ansonsten wiederhole ich meinen Satz:"Wenn sich jeder mit dem noetigen Ernst vorurteilsfrei diese letzten 70 Jahre anschauen wuerde, waeren wir sehr viel weiter".

  2. Veränderung an sich, na ja, irgendwie sollte es doch mehr sein als irgendeine Veränderung – zumal die Veränderung ja eher darauf abzielt ‚alte’ Werte wieder zu recyceln.
    Ich fände es im Grunde nicht schlecht sich auf die Werte unserer Kultur zu besinnen – die ja nun mal christlich sind (Menschenrechte haben schließlich auch diese Grundlage) und denen wieder mehr Ansehen zu verschaffen, in der Politik, in der Wirtschaft, natürlich auch in der Bevölkerung.
    Mein Kirchenaustritt ist zwar schon eine ganze Weile her, trotzdem kann ich mit christlichen Werten durchaus etwas anfangen.
    Aber bitte als breite Diskussion und nicht als Dekret an katholische Kindergärten. Diese deutsche Verordnungspolitik hat immer noch nicht den mündigen Bürger entdeckt. Werte tragen in einer so vielschichtigen Gesellschaft wie unserer nur, wenn sie lebendig verhandelt werden, immer wieder modifiziert, diskutiert, neu betrachtet (das Gegenteil dieses Umgangs ist der Fundamentalismus mit erstarrter Welt sicht und nicht ‚mitwachsenden’ Werten).
    Frau von der Leyen mag ja eine superfitte Frau sein, aber ehrlich gesagt schüttelt es mich da bei so viel Mangel an Weitsicht.

  3. 4. Eltern

    versagen bei der Erziehung des Nachwuchs aus Faulheit und auch weil viele Eltern selber keine Erziehung genossen.
    Wer seinen Kindern was beibringen will muss es ihnen vorleben.

  4. Das genau ist ein typisches Beispiel was wir nicht mehr wollen sollen.
    In der Provence gibt es zu Genüge Benedikterklöster, diese bestanden aus 30 Mönche welche ihren Abt ursrpünglich demokraztisch wählten bis Rom dies verbot, und ab dem Moment wurde der Abt vom Bischof ernannt.
    Dazu gesellten sich die Brüder, das waren dann die Arbeitenden.
    In Benediktinerabteien ist der Raum für die Bibliothek sehr klein gehalten, weil sich die Benediktiner nur von Mund zu Ohr das esoterische der Bibel zuflüsterten, und dem Volk dann das exoterische zu überlassen.
    Es ist also eine Verheimlichung des Wahren Wortes welches in der Kirche vorgespielt wird und in der Vulgata mit dem Ziel das Volk bei Fuss zu halten.
    Es ging natürlich einher mit einem verdummten Volk, jetzt allerdings verdummt es sich selbst! Dies Volk sollte hierearchich unterteilt werden in eine von der Kirche gewollte Ordnung.
    Frauen waren Untertan des Mannes, steht zB nicht in der hebraischen Bibel. Und dieser konnte Kinder machen soviel er wollte, die Frau hatte zu gehorschen.
    Was mehr Kinder was das Material Mensch immer billiger wurde: Angebot und Nachfrage regulieren den Markt. Aber damit wurden ganze Völker wegen unserer Überbevölkerung ausradiert, zB in den USA und Mittel und Südamerika!
    Bekamen denn jetzt diese Völker ihr Gold zurück? Nein also!
    Die Spiritualität dieser Völker war der unserigen so überlegen dass wir sie nicht begriffen, oder die Priester begriffen sie und deshalb wurde der Garaus angeordnet!
    Als zB die Weissen Erde wollten, sagten die Indianer sie sei unverkäuflich. Das wäre aber für die Kirche nicht gut, denn wieviele Erde besitzt sie? Besass Jesus Erde?
    Die amerikanischen Urvölker, die Wilden wie man sie nannte waren sehr esoterisch geprägte Völker aber das galt für jeden, jeder hatte Teil am Mahle!
    Nun, geht es ja um unsere Kinder, oder Enkelkinder. Die wollen ja nicht Benediktiner werden, sondern Menschen. Jeder der danach will kann ein Eunuche Gottes werden wie Ute Ranck Heinemann zutrefflich formulierte.
    Aber dann ist er Erwachsen!

    Ein kleiner Witz der mir Gestern einfiel: Als JP II starb kam er zu Petrus, dieser sagte: gehe dort uzu den Menschenmassen. Und in der Ferne waren Abermillionen zu sehen.
    Wer sind die denn sagte der Anwärter: Alle die wegen deines Beharrens auf Präservativ Verbot durch Aids ums Leben kamen.

    Nein Gott hat keine Religion und der Mensch hat sich ulkige verschaffen in denen er nicht mitreden darf, weil sie totalitär organisiert sind, damit ist alles gesagt!

    Und sollte einer meinen es würden Herzen ausgerissen bei den Urbewohnern, wir opfern jeden Tag zigmillionen Menschen auf dem Altar des Profits ohne Hemmungen.

    Der Vatikan verkauft ja immer wieder ein Teil seiner Schätze diesen leuten zu helfen, das aber war nur ein Traum von wahrer Kirche.

  5. Ich wollte doch keineswegs die USA als Vorbeild zitieren, haben sie meine vorigen Kommentare gelesen.
    Ich wollte genau darauf hinauskommen wo sie sind, dass es eine art Meute ist die sich untereinander unterstützt, in menschlichem Jargon eine mafiöse Organisation mit dem Ziel Eliten zu kreiren und das in jedem Land.
    Diese Eliten entscheiden dann über die Vulgairen, daher Vulgata.
    Dies finden wir ja auch in kirchlichem Denken mit der Strukturierung zum Gehorsam, ohne Demokratie.
    Ich verstehe überhaupt nicht wie sie aus einem Satz so etwas von mir denken können?

  6. Was soll dabei herauskommen? Ein Wertekanon oder -katechismus? Wahrscheinlich wird es, wer auch immer in zweiter, dritter, x-ter Runde alles am Wertegipfel teilnehmen wird, nicht mehr als eine Medienveranstaltung ohne substanziellen Effekt auf die Gesellschaft.

    Natürlich stammen die Grundwerte, die unser tägliches Handeln bestimmen aus dem Christentum, aber auch aus der Antike und der Aufklärung. Es ist sicher positiv, sich immer wieder auch bewußt damit auseinanderzusetzen.

    Schwieriger wird es, wenn Werte durch Sozialtechniken an die nachwachsenden Generationen vermittelt werden sollen. Da muss man selbst das Beste aus allen Quellen verinnerlicht haben, um ein uneingeschränkt positives Vorbild abzugeben, was zunehmend schwieriger einzulösen sein dürfte.

    • stuerm
    • 23.04.2006 um 11:18 Uhr

    @luigilamoroso 09:44
    Sie springen ja munter zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her. Sie sollten sich mal in einem deutschen Benediktinerkloster im Rahmen eines mehrwoechigen Aufenthalts selbst ein Urteil bilden, dann koennen Sie wieder mitreden.

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