Interview "Fußball ist nicht gerecht"

Wenn es nach Daniel Cohn-Bendit geht, heißt der nächste UEFA-Präsident nicht Franz Beckenbauer, sondern Michel Platini. "Dany le rouge" erläutert außerdem, was eine verfehlte Integrationspolitik mit der Krise des deutschen Fußballs zu tun hat. So viel Verve überrascht nicht, schließlich ist der Fußball für sein ganzheitliches Wohlbefinden sehr wichtig

Herr Cohn-Bendit, als sich am 13. Januar 1980 die Grünen in Karlsruhe als Partei konstituierten, sollen Sie im Frankfurter Ostpark Fußball gespielt haben.
DANIEL COHN BENDIT: Das kann gut sein. Der Grund war, dass ich noch nicht wusste, ob ich den Grünen überhaupt beitreten wollte. Ich habe oft schwer mit mir gekämpft habe, wenn samstags Veranstaltungen oder Parteitage waren. Fußball war schon immer für mein ganzheitliches Wohlbefinden wichtig.

Wie sind Sie fußballerisch sozialisiert?
Ich lebte als Jugendlicher in Paris, war aber Fan von Stade de Reims, dem großen alten Meister des französischen Fußballs. Später begeisterte mich St. Etienne, die Mannschaft aus der Arbeiterstadt mit Michel Platini. Ich selber habe bei CAP, einem kleinen Verein in Paris, gespielt und war oft im Prinzenparkstadion an der Porte d’Auteuil.

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Heute haben Sie Ihren Lebensmittelpunkt in Frankfurt und sind begeistert vom Offensivfußball der Eintracht.
César Luis Menotti hat mal gesagt, es gebe einen linken und einen rechten Fußball. Ich finde das auch: Sicherheitsfußball ist rechts, im linken Fußball ist noch ein bisschen Abenteuer, der Versuch, sich mit einem spielerischen Konzept durchzusetzen, also völlig Anti-Rehhagel. Ich war beim Endspiel der EM 2004 in Lissabon: Dass eine Mannschaft, die einfach nur klug verteidigt hat und nur eine Torchance hatte, am Schluss gewinnt, ist unfassbar. Ästhetisch ist das ein Problem. Rechts neben mir saß Karl-Heinz Rummenigge und sagte: So ist Fußball. Fußball ist nicht gerecht.

So wenig wie das Leben.
Aber wie im Leben kann man sich Gerechtigkeit erkämpfen. Dass Brasilien so oft Weltmeister geworden ist, ist schon gerecht.

Man kann das auch pragmatisch sehen. Die griechische Mannschaft hat das gespielt, was sie konnte.
Richtig. Aber wenn das die einzige Dimension des Fußballs wäre, würden die Leute bald die Stadien verlassen.

Den Sieg durch eine offensive Spielweise zu erreichen, soll also linken Fußball ausmachen?
Das linke dabei ist, auf die Qualität und die Entwicklung der Spieler zu setzen, auf ein System, in dem sie ihre Qualität einbringen können. Und nicht ein System, in dem sich der Einzelne unterordnen muss. Bei Menotti muss man die Niederlage in Kauf nehmen, das Risiko eingehen. Nehmen wir das Endspiel des Confederations Cup, Brasilien gegen Argentinien. Die Argentinier waren gar nicht so schlecht. Aber das Risiko, das Brasilien gegangen ist, hat sich ausgezahlt.

Linker Fußball orientiert sich also am Individuum?
Linker Fußball ist dort, wo die Spieler durch ihre Qualität und dadurch, dass sie das Spiel lesen, das System entwickeln und sich nicht dahinter zurücknehmen müssen.

Was fasziniert Sie so am Fußball?
Fußball ist ein großer Gleichmacher. In den 70er Jahren waren in Frankfurt linke Intellektuelle oft in der Eintracht-Kurve anzutreffen, auch deshalb, weil sie glaubten, Gleiche unter Gleichen zu sein. Darum bin ich vom Fußball fasziniert. Er entwickelt seine eigene Dramatik. Wie beim WM-Halbfinale Deutschland gegen Frankreich 1982, als Maxime Bossis den letzten Elfer der Franzosen verschoss. Er war der einsamste Mensch der Welt, stand allein im Strafraum herum. Dann kam der kleine Littbarski und umarmte ihn. Das ist für mich eines der schönsten Bilder des Fußballs, da könnte man weinen.

Fußball funktioniert aber in den Fankurven vor allem über Polarisierung.
Ja, ja, das stimmt schon. Ich hatte schon Diskussionen mit meinem Sohn – der hat eine Dauerkarte bei der Eintracht – über diese verheerenden Sprüche in der Kurve. Er behauptet, dass er die rassistischen nicht mitmacht, die schwulenfeindlichen wohl schon. Das ist ein ständiges Thema, dabei ist Fußball ja eine Ansammlung von schwulen Begebenheiten, vom Massenküssen beim Tor, bis zum Verhalten unter den Fans. Nein, diese unglaubliche verbale Aggression möchte ich nicht runterspielen.

Mit Ihrer Initiative "Allianz gegen Franz" wollen Sie – falls er noch kandidieren will – Franz Beckenbauer als neuen Uefa-Präsidenten verhindern und Michel Platini unterstützen. Warum?
Beckenbauer steht für die totale Kommerzialisierung des Fußballs. Er vertritt nur die Interessen der großen Klubs und der Fernsehanstalten, für die er ja auch arbeitet.

Leser-Kommentare
  1. Die Unterscheidung von rechtem und linkem Fußball erscheint mir einer verqueren Romantik zu entspringen und weder über die entsprechende Fußballphilosophie noch über politische Begrifflichkeiten etwas auszusagen.

    Seinen Individualismus zurück- und in den Dienst des Kollektivs zu stellen, soll also "rechts" sein? Die Sowjetunion, die sämtliche (vor allem Mannschafts-) Sportarten mit wissenschaftlicher Akribie und Eindordnung des Individuellen spielte, hätte dann den "rechtesten" Fußball aller Zeiten gespielt.

    Und der Machofußball südeuropä- und -amerikanischer Prägung, bei dem jeder Spieler nur seinem persönlichen Testosteronspiegel verpflichtet ist, ist also "links"? [Nun ja, das passt immerhin zu der Politik, die uns sieben Jahre lang als "links" verkauft wurde...] Den Gipfel des linken Fußballs zelebriert dann wohl der Arbeiterclub Real Madrid, wenn mit "Spizte-Hacke-Tralala" ein unterlegener Stier, pardon: Gegner gedemütigt wird.

    • uff
    • 20.04.2006 um 12:00 Uhr

    Da spricht ein auch politischer Profi. Und deshalb wollen wir mit vereinten Kräften für den lebensgefährlich verletzten Potsdamer wirken. Es geht nicht nur um Strafe. Mir geht es im Wesentlichen darum, zu zeigen: Ihr könnt euch nicht gegen eine ganze Gesellschaft stellen! Diese Gesellschaft befindet sich in einem steten Wandel und wir mit ihr. Es gibt Konflikte innerhalb dieser Gesellschaft, die löst ihr nicht (angesprochen sind die Täter) nach Gutdünken. Asamoah ist Schalker (?), er gehört zu uns. Ich bin jetzt Berlinerin, damit müßt ihr euch abfinden und leitet euch nicht ab von irgendwelchen Gräbern auf dem Dorffriedhof. Sonst gehe ich zurück bis zur Völkerwanderung.
    Wenn diese Täter denken müßten, was sie vertreten, wären sie im Gefängnis damit beschäftigt, die linke und die rechte Gehirnhälfte wieder zusammenzubringen.
    Es würde mich wirklich interessieren, ob man nur links oder rechts spielen kann.
    Ich freue mich auf die WM und die vielen Menschen.
    Ich bin nun mal ein Fan von Cohn-Bendit. Möglich, dass dieser Kommentar ihn auch auf der anderen Gehirnhälfte angeht.

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