Interview "Fußball ist nicht gerecht"Seite 3/3

Welche Leistung kann der Profifußball für das Thema Integration in einer Gesellschaft bringen?
Viele haben sich in letzter Zeit über mich lustig gemacht, weil ich 1998, als Frankreich Weltmeister wurde, gesagt habe, Frankreich sei bei der Integration weiter als Deutschland. Der Stolz auf Zidane, Thuram und Desailly wurde von der Mehrheitsgesellschaft geteilt. Was sich bei den Unruhen in den Banlieues zeigt, ist vor allem, dass dies alleine nicht genügt.

Was läuft schief in den Vorstädten?
Es gibt dort eine gelebte Desintegration. Vor allem Einwanderer aus Nordafrika und deren Kinder erleben permanent eine soziale Benachteiligung und finden sich plötzlich in Ghettos wieder. Hier hat die republikanische Integration ihre Grenzen erfahren.

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Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen mischten sich auch Nationalspieler wie Liliam Thuram in die Diskussion ein.
In welchem anderen Land würden Spieler sich zu Wort melden, nachdem der Innenminister die Brandstifter in den Banlieues als "Gesindel" bezeichnet hat? Thuram sagte: Ich bin schwarz und ich sage euch, ich gehöre zum Gesindel. So wünsche ich mir auch fußballerische deutsche Staatsbürger.

Zidanes Eltern sind immer noch Algerier, Zidane wäre trotzdem wohl nie auf die Idee gekommen, für Algerien Fußball zu spielen.
In Deutschland war die Staatsangehörigkeit lange das große Problem. Die Gesellschaft muss akzeptieren, dass sich das Bild des Deutschen verändert. In Frankreich ist es absoluter Konsens, dass Zidane Franzose ist. Das Leitmotiv der französischen Revolution, "Ihr werdet wie wir", ist akzeptiert. Wenn jemand in Deutschland vom deutschen Fußball spricht, spricht er von Fritz Walter. In Frankreich sprechen sie von Kopa, der heißt Kopazewski, Platini oder Zidane – den Söhnen polnischer, italienischer und algerischer Einwanderer.

Dass Asamoah im Nationaltrikot aufläuft, ist also mehr als Symbolik?
Natürlich. Deutschland ist Fatih, Nando und Asamoah. Es ist doch symptomatisch, wenn plötzlich ganz Deutschland jammert, dass der junge Türke Nuri Sahin sich entscheidet, für die Türkei zu spielen und nicht für Deutschland. Es wurde doch gesagt, der spricht besser Deutsch, und eigentlich ist er Deutscher. Da hat sich doch was getan. Ob er aber die Tests in Baden-Württemberg oder Hessen bestehen würde, bezweifle ich sehr.

Sahin hat in einem bestimmten Bereich außergewöhnliches Talent. Aber was ist mit der Integration der weniger qualifizierten Türkischstämmigen? Das sind Hunderttausende.
Wenn die Nandos oder Sahins morgen auch für die deutsche Nationalmannschaft stehen, bedeutet das auch für die anderen, die nicht so gut Fußball spielen können, dass sie dazugehören und genau so gefördert werden müssen. Man kann nicht sagen, die Fußballer sind Deutsche, und die weniger Begabten in Berlin-Kreuzberg sind keine Deutschen. Sie haben bei Jugendmannschaften zwei Drittel Migrantenkinder, vor allem in den Städten. Das heißt, der deutsche Fußball wird von unten her immer multikultureller. Meine ehrliche These ist: Einer der Gründe für die vielen so genannten mittelmäßigen Fußballer in der Bundesliga ist, dass man das Migrantenpotenzial noch nicht richtig erkannt hat, während die Klubs gleichzeitig ausgeklügelte Sichtungssysteme fürs Ausland entwickeln. Da besteht doch ein Widerspruch.

Über Integration scheint man hier zu Lande nur zu reden, wenn die Not groß ist. Die Schwäche der Nationalmannschaft …
… nun ja, die Franzosen waren auch schwach, als Zidane und Thuram in die Nationalmannschaft kamen. In der Not gibt es einen Reformdruck, das ist immer so. Ich bin sicher: Der nächste Sahin wird für Deutschland spielen.

Daniel Cohn-Bendit wurde am 4. April 1945 als Sohn einer Französin und eines deutschen Juden geboren. Der 61-Jährige, der akzentfrei deutsch und französisch spricht, trägt seinen Spitznamen "Dany le rouge" seit den Tagen, als er als Anführer die Studentenproteste im Mai 1968 mit prägte. Hatte er damals noch gefordert, Frankreichs Flagge, die Tricolore, durch das rote Banner ersetzen, fungiert er nun als Chef der Grünen im Europarlament.

 
Leser-Kommentare
  1. Die Unterscheidung von rechtem und linkem Fußball erscheint mir einer verqueren Romantik zu entspringen und weder über die entsprechende Fußballphilosophie noch über politische Begrifflichkeiten etwas auszusagen.

    Seinen Individualismus zurück- und in den Dienst des Kollektivs zu stellen, soll also "rechts" sein? Die Sowjetunion, die sämtliche (vor allem Mannschafts-) Sportarten mit wissenschaftlicher Akribie und Eindordnung des Individuellen spielte, hätte dann den "rechtesten" Fußball aller Zeiten gespielt.

    Und der Machofußball südeuropä- und -amerikanischer Prägung, bei dem jeder Spieler nur seinem persönlichen Testosteronspiegel verpflichtet ist, ist also "links"? [Nun ja, das passt immerhin zu der Politik, die uns sieben Jahre lang als "links" verkauft wurde...] Den Gipfel des linken Fußballs zelebriert dann wohl der Arbeiterclub Real Madrid, wenn mit "Spizte-Hacke-Tralala" ein unterlegener Stier, pardon: Gegner gedemütigt wird.

    • uff
    • 20.04.2006 um 12:00 Uhr

    Da spricht ein auch politischer Profi. Und deshalb wollen wir mit vereinten Kräften für den lebensgefährlich verletzten Potsdamer wirken. Es geht nicht nur um Strafe. Mir geht es im Wesentlichen darum, zu zeigen: Ihr könnt euch nicht gegen eine ganze Gesellschaft stellen! Diese Gesellschaft befindet sich in einem steten Wandel und wir mit ihr. Es gibt Konflikte innerhalb dieser Gesellschaft, die löst ihr nicht (angesprochen sind die Täter) nach Gutdünken. Asamoah ist Schalker (?), er gehört zu uns. Ich bin jetzt Berlinerin, damit müßt ihr euch abfinden und leitet euch nicht ab von irgendwelchen Gräbern auf dem Dorffriedhof. Sonst gehe ich zurück bis zur Völkerwanderung.
    Wenn diese Täter denken müßten, was sie vertreten, wären sie im Gefängnis damit beschäftigt, die linke und die rechte Gehirnhälfte wieder zusammenzubringen.
    Es würde mich wirklich interessieren, ob man nur links oder rechts spielen kann.
    Ich freue mich auf die WM und die vielen Menschen.
    Ich bin nun mal ein Fan von Cohn-Bendit. Möglich, dass dieser Kommentar ihn auch auf der anderen Gehirnhälfte angeht.

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