Deutscher Pop Wir sind ein mittelständischer Betrieb

Die Sterne ziehen wieder durch die Lande. Zum Tourbeginn ein paar Fragen: Sind sie noch aufgeregt nach 14 Jahren? Was bedeuten ihnen die Charts? Welche Veränderungen bringt das Internet? Und was halten sie vom aktuellen deutschen Pop? Schlagzeuger Christoph Leich, Keyboarder Richard von der Schulenburg und Sänger Frank Spilker im Gespräch mit Falk Lüke

ZEIT online:Stört euch der ständige Vergleich mit Ton, Steine, Scherben?

Christoph Leich: Ich fand die Scherben toll, aber ich sehe große Unterschiede zwischen den Sternen und den Scherben. Auch wenn wir mit Jenseits von Eden schon Mal einen Scherben-Song gecovert haben. Durch unser Trainingscamp in Fresenhagen wurde das jetzt wieder hochgekocht.

Warum dann gerade in Fresenhagen, der Heimstatt der Scherben?

Richard von der Schulenburg: Wir haben diesen Vergleich immer abgelehnt, aber in diesem Fall suchten wir einen Raum, in den wir ausweichen konnten – um Stücke in Ruhe machen zu können. Also, etwas anderes als den engen Probenraum in Hamburg.

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Wie stark präsent ist der Begriff der Hamburger Schule noch?

Christoph Leich: Noch genauso stark wie vor zehn Jahren. Für mich ist das ein soziales Netzwerk, kein musikalischer Begriff.

Richard von der Schulenburg: Blumfeld, Tocotronic, die Sterne – das sind schon immer drei unterschiedliche Bands gewesen.

Christoph Leich: Natürlich gibt es Gemeinsamkeiten in politischen Punkten, und man kann sich mit den Leuten unterhalten – es gibt eine ideologische Klammer, aber in der Ausdrucksform sind wir doch schon immer sehr verschieden gewesen. Wir setzen uns mit ähnlichen Themen auseinander, aber kommen dann zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen.

Das neue Album "Räuber und Gedärm" kritisiert Konsum und Gesellschaft – wie kommt's?

Christoph Leich: Das ist eine Spielerei. Sich als Ware anzubieten, auf dem Heiratsmarkt in einer Kneipe zum Beispiel, ist das eine. Das andere ist es, die Warenwelt als Warenwelt zu betrachten – und dann gibt es noch billig, wo man die Warenwelt fast persönlich betrachtet, wo die Waren fast wie Personen behandelt werden.

Sind die Sterne eine Ware?

Christoph Leich: Natürlich sind wir eine Ware.

Richard von der Schulenburg: Nee, wir sind keine Ware... Unser Album ist eine Ware.

Frank Spilker: Eine Band kannst du nicht kaufen, du kannst eine Eintrittskarte kaufen. Du kannst uns so als Ganzes nicht erwerben, vielleicht sind wir so etwas wie einer der letzten mittelständischen Betriebe.

Die CD ist also eine Ware. Das aktuelle Album ist das achte – gibt es einen Punkt, an dem man denkt:"Mehr geht nicht"?

Christoph Leich : Mehr geht immer.

Richard von der Schulenburg: Es geht vielleicht nicht immer mehr in der alten Richtung. So ein Hit wie "Was hat dich bloß so ruiniert?", das ist irgendwann nicht mehr so interessant. Aber wir entwickeln uns immer noch.

Christoph Leich: Ich sehe das immer als Näherung, und wir nähern uns aus unterschiedlichen Richtungen. Bei der aktuellen Platte hat sich Richard viel stärker eingebracht. Sie ist musikalisch vielfältiger.

Und was wäre der gemeinsame Nenner?

Christoph Leich: Es ist kein buntgemischtes Programm – es sind schon Die Sterne...

An wen richtet sich das Stück "Pol der Macht"?

Frank Spilker: Es handelt vom Älterwerden und der Zeit. Um es mit Christiane Rösinger zu sagen: Vergeblichkeitsgefühl. Vielleicht kommt das nicht an.

Gibt es Stücke, die nicht mit auf die Platte gekommen sind, weil sie nicht gepasst haben?

Frank Spilker: Da hätten wir eigentlich noch konsequenter sein müssen. Letztlich haben wir die Stücke genommen, die wir gut fanden. Das ist der Sterne-Weg.

Nun klingt "Aber andererseits" wieder stärker nach den alten Hits wie "Universal Tellerwäscher".

Christoph Leich: Bei "Aber Andererseits" gibt es keinen Refrain – wir dachten, wir seien die erste Band mit einer Single ohne Refrain, aber das stimmt nicht. Die Stranglers haben das mal gemacht, und in der Tradition sehe ich uns auch.

Verfolgt ihr die deutsche Musikszene? Die Hamburger Gruppen Tomte und Kettcar?

Christoph Leich: Wir schauen momentan vor allem auf englische Bands mit Sixties-Bezug wie We are Scientists oder The Kooks.

Richard von der Schulenburg: Ich überlege ja noch, mal auf ein Juli-Konzert zu gehen, da interessiert mich vor allem, welches Publikum da ist.

Christoph Leich: Ich find die Jungs von Kettcar supernett, und ich fand den Ansatz, von Punk kommend Pop zu machen, superspannend. Aber ich habe mir dann eine Platte von Kettcar angehört und war enttäuscht – langweiligster Deutschrock.

Frank Spilker: Tocotronic ist viel weniger Seattle als wir - und Tomte ist noch mehr Seattle. Aber das so zu vergleichen, ich finde das sehr, sehr banal. Es ist genau wie beim Thema Deutschsprachigkeit – Herrgott, bei einem Buch ist es auch nicht wichtig, in welcher Sprache es geschrieben ist.

Gibt es deutschsprachige Bands, die ihr als Vorbilder bezeichnen könntet?

Frank Spilker: Gustav.

{Gustav ist die österreichische Ein-Frau-Band, welche die Sterne auf den ersten Konzerten ihrer Tour als Vorgruppe begleitet.}

Wie wichtig sind euch Charterfolge?

Christoph Leich: Es interessiert uns schon, ob sich unsere Platte verkauft. Wir versuchen ja, von der Musik zu leben. Aber normalerweise erreichen wir nicht die Top Ten. Deshalb interessieren uns die Charts auch wieder nicht so.

Richard von der Schulenburg: Wir produzieren nicht für die Charts – wir versuchen, nicht darüber herzuziehen, aber bei Tomte zum Beispiel habe ich manchmal das Gefühl.

Christoph Leich: Ich glaube, so ganz kalkuliert macht das aber nur Dieter Bohlen...

Hat der Aufstieg des Internets für Musiker etwas geändert?

Frank Spilker: Es hat die gesamten Dimensionen des Geschäfts geändert. Wenn man Geld verdienen will, sollte man versuchen, das über Konzerte zu machen. Ich seh das alles nicht nur negativ.

Und wenn jetzt eine junge Band auf Die Sterne zukäme..

Frank Spilker: Ich würde einer jungen Band erst einmal raten, alle Rechte zu behalten, insbesondere die Verlagsrechte. Und auf keinen Fall würde ich mich Labels anbiedern. Wenn man Leute begeistert und immer mehr zu den Konzerten kommen – dann kommen die Labels von ganz allein.

Was erwartet man von einer Tour wie der jetzt anstehenden?

Christoph Leich: Dass es irre viel Spaß macht. Die Vorverkäufe laufen super. Aber anstrengend wird's.

Richard von der Schulenburg: Es wird die längste Sternetour überhaupt, die ich mitgemacht habe.

Christoph Leich: Es ist auch mal schön, aus der Stadt, in der man lebt, wegzukommen – ein bisschen wie Urlaub.

Gibt es nach 14 Jahren Bandgeschichte noch Lampenfieber?

Richard von der Schulenburg: Ja, in Hamburg und Berlin. Also dort, wo man zu Hause ist.

Christoph Leich: Das ist in erster Linie Respekt vor dem Publikum. Ich will ihm etwas bieten, und dann hab ich vielleicht auch Angst, das nicht bieten zu können.

Frank Spilker: Früher hatte ich ganz stark Lampenfieber – und Angst, plötzlich die Gitarrengriffe nicht mehr zu können. Deswegen hab ich bei den ersten Konzerten immer meine Spickzettel dabei – die brauche ich zwar nicht, aber die Sicherheit.

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    • Quelle (c) ZEIT online, 24. 4. 2006
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