Gnarls Barkley Ohne Platte auf Platz 1Seite 2/2
Dieses vor sich hin stapfende, sonnendurchflutete Stück Musik mit der eindringlichen Soulstimme vor den Schemen eines Chores und den herzhaften Streicherlinien ist der neueste Streich der Amerikaner Brian Burton und Thomas Calloway, die sich Gnarls Barkley nennen.
Wer in den vergangenen Jahren ein Ohr für die ausgefalleneren Veröffentlichungen aus den Bereichen HipHop und Soul hatte, dem könnten diese beiden Musiker bekannt sein. Auf seinen letzten Solo-Alben bewies Calloway einen offenen, humorvollen Umgang mit Blues-, Funk-, HipHop- und Soulelementen und qualifizierte sich so zum Partner von DJ Dangermouse. Der, bürgerlich Brian Burton, vereint scheinbar Unvereinbares zum großartigen Ganzen. So geschehen mit Comic-Kunst und Triphop-Pop nach Art der Gorillaz, für deren Sound er verantwortlich zeichnet, wie auch mit klerikaler Vokalmusik und Ghetto-HipHop in seiner Kollaboration mit Rapper Jemini The Gifted One.
Mischkultur in ihrer schönsten Form servierte DJ Dangermouse der Onlinegemeinde mit seinem illegalen 2003er Grey Album, das als virtuose Kombination aus dem White Album der Beatles und dem Black Album von Rapper Jay-Z weltweites Aufsehen erregte.
Und nun also Crazy. Die Single überzeugt durch musikalische Substanz; noch bedeutender scheint, dass Veröffentlichungen von Dangermouse in der Musik-Sauger-Szene inzwischen einen Kultstatus haben. Offensichtlich wecken sie bei der Hörerschaft solches Begehren, dass man sogar für den Download zu zahlen bereit ist. Der Erfolg von Gnarls Barkley sollte insofern ein Signal an die Plattenfirmen sein. Die lange Zeit von ihnen skeptisch beobachteten, stiefmütterlich behandelten und somit ungenutzten Online-Vertriebswege könnten einen Weg aus dem Jammertal weisen. Das Crazy -Phänomen zeigt: Legales Herunterladen kann eine ökonomisch ernstzunehmende und gleichwertige Alternative zum herkömmlichen Geschäft werden. Die Netz-Zielgruppe will tatsächlich zahlen und kaufen, man muss sie nur lassen. Man muss nur ihren Geschmack treffen.
Gnarls Barkleys Single "Crazy" erscheint in Deutschland am 28. April 2006. Das Album "St. Elsewhere" am 19. Mai.
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- Datum 29.07.2008 - 15:43 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, 20. 4. 2006
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Ich muss eingestehen: Mir ist ein kleiner begrifflicher Fehler unterlaufen. Es war keine MP3-Single, die die Spitze der britischen Charts erklomm, sondern wie im Kommentar angemerkt ein kopiergeschütztes, weil legal angebotenes Download-Format. In diesem Fall lädt der Online-Kunde zusätzlich zu der Musik-Datei (beispielweise im WMA-Format) automatisch eine digitale Lizenzkontrolle herunter, die sich auf seinem Rechner installiert und die Anzahl der von der Datei gezogenen Kopien mitzählt. Bei Überschreitung eines bestimmten Kopielimits wird das Lied dann für weitere Vervielfältigungen gesperrt.
Das schlichte, datenkomprimierte und frei kopierbare MP3-Format wird im legalen Online-Vertrieb so gut wie nie angeboten.
Für die pauschalisierte Verwendung des Begriffs MP3 als Synonym für ein virtuelles Lied oder einen Musikdownload bitte ich um Nachsicht. Möglicherweise hat sich da eine Schludrigkeit in meinen Sprachgebrauch eingeschlichen. Wer vom Tempo redet, putzt sich in Wirklichkeit vielleicht auch mit einem Kleenex die Nase.
Mich erstaunt das überhaupt nicht. Crazy ist ein sehr gut gemachter Poptitel, der seit Wochen im BBC Radio rauf- und runtergespielt wird. Er war wochenlang auf der Position 1 der legalen Downloadcharts und erscheint jetzt Aufgrund neuer Spielregeln in den Singlecharts auch auf Position Eins in England.
Wirklich erstaunlich ist höchstens die falsche Unterzeile
"Eine MP3 stürmt an die Spitze der Hitliste."
Die legalen Anbieter von Online-Musik verweigern sich dem populären MP3 Format und schließen so einen großen Teil der potentiellen Kundschaft aus. Wer keinen Ipod oder einen der seltenen DRM-WMA Spieler besitzt, kann online gekaufte Netzmusik nur dann portabel hören, wenn er sie exportiert (z.B. durch das Brennen auf CD) und diesen Export dann in eine mp3-Datei verwandelt. Dabei lernt er dann auch gleich, wie man sowas mit den anderen CDs im Haus machen kann.
Wenn die Musikindustrie das Jammertal wirklich verlassen möchte, sollte sie es probeweise riskieren, ihren zahlungswilligen Kunden auch echte, qualitativ hochwertige MP3-Dateien anbieten. Diese kann ich als Kunde sofort und dauerhaft nutzen, ohne Angst haben zu müssen, dass diese Dateien auf bestimmten Abspielgeräten nicht funktionieren oder bei einem Wechsel auf einen neuen PC nicht mehr nutzbar zu sein.
Damit riskiert die Industrie zwar, dass die Dateien kopiert werden. Das passiert sowieso. Dafür kann man das Publikum zurückgewinnen, dem 10 Minuten Freizeit und ein legales Angebot mehr wert sind als ein gesparter Euro. Dieses Publikum existiert und hat sich unter den Ipod-Besitzern sofort angefunden, als Itunes in den Markt gegangen ist.
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