Das Muster ist immer wieder das gleiche: Ein Ausländer - oder jemand, der ausländisch aussieht - wird in Ostdeutschland beinahe zu Tode geprügelt. Doch die verantwortlichen Politiker leugnen jeden fremdenfeindlichen Hintergrund. So lange es geht, und so auch in diesem Fall: Obwohl Polizei und Bundesanwaltschaft seit Tagen erklären, sie gingen davon aus, dass der Überfall auf den 37jährigen Ermyas M. am Ostersonntag fremdenfeindliche Motive hatte, stellt der zuständige Brandenburger Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) dies weiter konsequent in Frage. Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm© Peter Endig dpa/lbn BILD

Jetzt greift Schönbohm sogar Generalbundesanwalt Kai Nehm an. In der jüngsten Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung wirft er dem obersten Strafverfolger vor, der habe "überzogen“, in dem er sich der Ermittlungen angenommen habe: "Er hat aus der Sache ein Politikum gemacht und zu einer Stigmatisierung Brandenburgs beigetragen. Der politische Schaden, den er angerichtet hat, ist erheblich."

Dieser Vorwurf ist an Perfidie kaum zu überbieten. Schuld daran, dass die brandenburgische Hauptstadt seit einer Woche in den Schlagzeilen steht, sind nach Ansicht des CDU-Hardliners also nicht diejenigen, die den Deutsch-Äthiopier als „Nigger“ beschimpft und ins Koma geprügelt haben. Sondern diejenigen, die die Tat aufklären wollen und mitteilen, was auf der Hand liegt: Der nächtliche Angriff auf einen Schwarzen hatte aller Wahrscheinlichkeit mit dessen Hautfarbe zu tun.

Doch statt sich zu fragen, warum in seinem Bundesland nicht zum ersten Mal ein fremd Aussehender Opfer brutaler Gewalt wird, sucht Schönbohm die Schuld bei anderen. In das Muster, von dem unliebsamen politischen Hintergrund abzulenken, ja, zur Not gar dem Opfer die Verantwortung zuzuweisen, passt auch, dass verschiedene Blätter am Wochenende Informationen lancieren, der Überfallene sei stark alkoholisiert gewesen und habe vorher in einer Disko Streit mit zwei Männern gehabt.

Hat er den Überfall also provoziert? Darf man einen Schwarzen tot prügeln, weil er vorher randaliert hat? Oder ist das alles deshalb nicht so schlimm, wie Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) insinuiert, weil in Deutschland angeblich auch „Blonde und Blauäugige“ Opfer von Gewalt werden - und zwar durch die Hand von Ausländern?

Der Generalbundesanwalt jedenfalls lässt sich von solchen Anwürfen verdienstvoller Weise nicht beirren. Am Sonntag teilte er mit, dass sich der Verdacht gegen die beiden vergangene Woche festgenommenen Männern erhärtet habe. Einer von ihnen sei wahrscheinlich derjenige, dessen Stimme auf dem Mitschnitt einer Telefon-Mailbox während des Überfalls zu hören sei. Das an den Splittern einer Bierflasche am Tatort gefundene DNA-Material deute auf den zweiten Verdächtigen hin. Endgültige Sicherheit haben die Ermittler jedoch noch nicht.

Ein Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof hatte am Freitagabend Haftbefehl gegen die zwei Männer erlassen. Beide leugnen, an dem Überfall beteiligt gewesen zu sein.

Trotz der Fahndungsfortschritte und der Mitteilung aus Karlsruhe bleibt jedoch auch Schönbohm dabei: Der Hinweis der Bundesanwaltschaft auf einen rechtsextremen Hintergrund sei zumindest fragwürdig. Möglicherweise sei der Hintergrund der Tat weniger spektakulär - das hofft Schönbohm wohl, aber es spricht bisher wenig dafür.

Während der CDU-Politiker aber weiter abzuwiegeln versucht, übten 4000 Potsdamer Solidarität mit dem Überfallenen: Sie gingen am Wochenende für Toleranz und Gewaltfreiheit auf die Straße. Und in Halberstadt in Sachsen-Anhalt demonstrierten am Samstag weitere 4500 Bürger gegen Rechtsextremismus und boten damit einem Aufmarsch von 260 Neonazis Paroli.