Ich bin eine Rassistin. Das bestätigt mir ein wissenschaftlicher Test, den man online ausfüllen kann. "Ihre Ergebnisse weisen auf eine starke automatische Bevorzugung von Weißen im Vergleich zu Schwarzen hin", teilt mir mitleidlos die automatische Ergebnisseite des "Impliziten Assoziations Tests " mit. In dem Fragebogen muss man Worte und Gesichter möglichst schnell entweder den Wörtern "weiß" oder "schwarz" und "gut" oder "schlecht" zuordnen. Es werden Begriffe und Gesichter gezeigt. "Liebe" etwa muss man mit "gut" bewerten. Ein weißes Gesicht mit "weiß". Ich war zu langsam, als ich "schwarz oder gut" mit schwarzen Gesichtern und positiven Begriffen besetzen musste. Schneller war ich bei "weiß oder gut".

Die Ergebnisse des Tests sind insgesamt verheerend: Nicht nur ich, sondern zwei Drittel der teilnehmenden weißen US-Amerikaner tendieren angeblich unbewusst dahin, weiße Menschen den schwarzen vorzuziehen. Sogar die Hälfte der schwarzen Teilnehmer bevorzugten bei dem Test weiße Gesichter. Immerhin haben in 15 Jahren drei Millionen Menschen teilgenommen. Dieser Test spaltet allerdings die Welt der Psychologen, denn die Gegner finden ihn zu undifferenziert. Mit dem Test kann man nicht herausfinden, wie sich eine Person in der wirklichen Welt verhält. Er wird nicht unterschieden, ob jemand deshalb zögert, weil er ein schlechtes Gewissen gegenüber Minderheiten hat oder ob er sie hasst. Und fälschen lassen sich die Ergebnisse auch, wenn man ein wenig übt.

Ich selbst habe mich bislang eher für ein "Opfer" von Rassismus und nicht für eine "Täterin" gehalten. Wegen meiner langen Nase, den schwarzen Haaren und dem iranischen Namen begegnen mir potenzielle Vermieter erst einmal mit Misstrauen - und mit gebrochenem Deutsch. Bei der Einreise in die USA werde ich ausgequetscht wie eine Zitrone. Als Kind bin ich als Kanake beschimpft worden. Und nachts in der S-Bahn im Ostteil von Berlin wurde ich auch schon mal von grimmig glotzenden Skinheads umringt. Eher unterhaltsam sind dagegen die (ich schwöre es) öfter gestellten Fragen, ob ich wohl bauchtanzen oder die Qualitäten einer Sheherazade im Bett aufweisen könnte.

Was ist fremdenfeindlich? Wo fängt es an? Was ist harmlos und wo wird es gefährlich? Fühlt sich der Durchschnittsitaliener von nebenan nicht eher geschmeichelt als belästigt, wenn ihn deutsche Frauen als Latin Lover anschmachten? Oder ist auch das nicht schon ein Zeichen von Rassismus? Bin ich eine Rassistin, weil ich wenig Kontakt mit Schwarzen und Türken habe?

Drängender wird die Frage in der aktuellen Diskussion: Waren die Männer, die in Potsdam einen schwarzhäutigen, in Äthiopien geborenen Deutschen fast tot schlugen, fremdenfeindlich, bloß weil sie ihn als "Nigger" beschimpften? Oder sind es einfach nur neurotische Gewalttäter, die einen blauäugigen, blonden Deutschen etwa wegen seiner Brille genauso misshandelt hätten? Ist es in bestimmten Szenen cool und bedeutungslos, solche Wörter zu benutzen?