In gewisser Weise ist es ein Phänomen, wie Feuilleton und Popkritik gleichermaßen in regelmäßigen Abständen dem bedeutungsschwangeren Schmarren von Jochen Distelmeyer und seiner Band Blumfeld aufsitzen. In der Kölner Pop-Intelligenz-Postille Spex sind die Lobeshymnen, so will es scheinen, schon vor Erscheinen der Alben gebucht. Diskurs wird selbst dort vermutet, wo nur noch mittelprächtige Naturlyrik und naive Selbstbeschreibungen das Textfeld abstecken. Die Ich-Machine Blumfeld funktioniert auch im 16. Bandjahr prächtig. © Katharina Langer für ZEIT online BILD

Neuster Streich ist das aktuelle Album Verbotene Früchte . Der Diskurspop der so genannten Hamburger Schule ist darauf endgültig Biedermeier-Idylle, Schlager-Anklängen und textlicher Betulichkeit gewichen. Spex -Autor Wolfgang Frömberg vermutet hinter Stücken wie Der Apfelmann trotzdem einiges mehr. Seine Fragen an Jochen Distelmeyer legen davon in der aktuellen Ausgabe der Kölner Musikzeitschrift Zeugnis ab. Oftmals sind sie fast ebenso lang geraten wie die Antworten – was, ganz nebenbei bemerkt, selten ein gutes Zeichen journalistischen Arbeitens ist. „Beim Stück Der Apfelmann finde ich das sehr schön dargestellt“, formuliert Frömberg. „Einerseits ist das einfach ein Song, der von einem Apfelmann handelt, der von Äpfeln handelt. Andererseits beschreibt das Lied das Verhältnis des Künstlers zu seinem Produkt. So wie der Apfelmann sich um die Äpfel kümmert, kümmert sich der Künstler um sein Kunstwerk. Der Dichter um seine Verse. Der Musiker um seine Lieder.“

Kollege Peter Abs bespricht das Album ein paar Seiten weiter diskurslastiger. Verbotene Früchte sei „Ausdruck einer experimentellen Unversautheit, einer kontrazynischen, antimüden und letztlich weltanschaungsfernen Weltbeobachtung durch Dichtung und Musik.“ Und weiter: „So greifen auf den Songs, ob Shanty ( Heiß die Segel ), Lullaby ( Kleines Lied ) oder Bänkelballade ( Der sich dachte ), Unschuld und Erfahrung ineinander, gibt es mit Aufbruchs- oder Lebensreisemetaphern einen zugespitzten Schmerz-Glück-Dialog, der sehr zeitgemäß und sehr glitschig gegenüber dem Raster von pro- oder regressiv wirkt.“ Alles klar?

Der wertkonservative Rolling Stone widmet der Hamburger Band in der Mai-Nummer die Titelgeschichte. Auch hier Begeisterung in jeder Zeile. Verbotene Früchte ist die Platte des Monats. „Wenn es überhaupt Musik gibt, die uns zu besseren Menschen machen kann, dann ist es zweifellos diese hier.“

Die taz unterhält sich etwas unvoreingenommener mit dem Naturmenschen aus Hamburg, aber nur Elke Buhr ist in der FR peinlich berührt von den neuen Songs. Sie schreibt:„Die Autorin dieser Zeilen muss für diesmal passen: Schluss, aus, es geht nicht mehr. Wenn man bei 80 Prozent der Stücke auf dem Album Verbotene Früchte in hysterisches Lachen ausbricht, dann ist offensichtlich eine Grenze überschritten.“

Diese ist für Wolfgang Lange auch im Briefroman Die salzweißen Augen von Dietmar Dath fast überschritten. In der Neuen Züricher Zeitung bespricht er das Werk, das er als „Bastard in litteris“ bezeichnet. „So scharfsinnig, kenntnisreich und anregend“ die Briefe „in theoretischer Hinsicht sind, sprachlich oder literarisch betrachtet, verhalten sie sich nicht selten rücksichtslos, ja mitunter brutal. Unbekümmert um das, was einmal Höflichkeit hieß, geht ihnen jede Eleganz, jeder Charme, jede Grazie ab. Sie sind furchtbar deutsch, will sagen direkt, unzweideutig, kompromisslos. Hybrid-Pop, wie gesagt, nicht minder monströs und maßlos wie die Diskurs-Romane eines Thomas Meinecke . Wem diese gefallen, der kommt bei den Sendschreiben Daths auf seine Kosten.“