Gentherapie Tod nach Heilung

Einer von zwei deutschen Patienten, die nach einer Gentherapie als kuriert galten, ist gestorben. Ein Rückschlag - der allerdings nicht überraschend ist, kommentiert

In der medizinischen Forschung ist das Spiel mit der Hoffnung ein besonders unheilvolles. Doch lernen will das offenbar niemand. Erst drei Wochen ist es her, dass die Hoffnung auf wirksame und sichere Gentherapien massiven Auftrieb erhielt : Deutsche Forscher hatten erstmals zwei Erwachsene effektiv behandelt. Hinweise auf schwere Nebenwirkungen gab es nicht. Es war eine Erfolgsgeschichte - und entsprechend wurde sie gefeiert. Doch auf der diesjährigen Tagung der Deutschen Gesellschaft für innere Medizin in Wiesbaden folgte nun, vergleichsweise leise und im Fachkreis, die Ernüchterung. Der Leiter des Experiments, Dieter Hoelzer von der Uniklinik in Frankfurt, verkündete, dass einer der zwei behandelten Männer gestorben sei.

Beide Betroffenen litten unter einer Erbkrankheit, die das Immunsystem von Geburt an stört und den Körper hilflos einem Ansturm allgegenwärtiger Bakterien und Pilze aussetzt. Üble Infektionen mit Abszessen - zum Beispiel in Lunge, Leber und Lymphknoten - sind die Folge. Einzige Rettung war bisher die Knochenmarktransplantation, doch für zahlreiche Betroffene gibt es keine passenden Spender. Die beiden älteren Patienten hätten mit ihren 25 und 26 Jahren deshalb nicht mehr lange zu leben gehabt. Ein kleiner Junge aus der Schweiz war durch einen Abszess am Rückenmark bereits gelähmt, auch er ließ sich im Versuch gentherapeutisch behandeln.

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Und die neue Gentherapie, entwickelt von Wissenschaftler am Georg-Speyer-Haus in Frankfurt am Main, schien zu helfen: Zwei Jahre, nachdem sie den ersten Patienten behandelt hatten, berichteten die Forscher, alle drei Betroffenen seien quasi geheilt. Zwar habe man die Abwehrkräfte ihrer Immunsysteme nicht 100-prozentig saniert. Doch der Effekt sei groß genug, dass man Antibiotika und Pilzmittel bereits absetzen konnte. Der kleine Junge aus der Schweiz kann inzwischen wieder laufen.

Als die Forscher einen Teil dieser Ergebnisse am 5. April in der Onlineausgabe von Nature Medicine veröffentlichten, war die Resonanz nicht gerade verhalten. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bejubelte unter der Dachzeile "Deutsche Wissenschaft" gar einen "Glanzpunkt der Gentherapie". Endlich schien man auf diesem schwierigen Feld wieder voranzukommen, nachdem es in vorhergegangenen gentherapeutischen Studien immer wieder Todesfälle zu beklagen gab. Und das auch noch in Deutschland! Doch jetzt? Stellt sich die Frage, was da nur schief gegangen sein kann.

Eine Leukämie, die als Folge einer anderen Gentherapie bereits gehäuft bei Kindern auftrat, war derzeitigen Informationen zufolge nicht für den Tod des Patienten verantwortlich - was keineswegs dem Therapiekonzept zugute zu halten ist. Denn die Genfähren in diesem Versuch waren so konstruiert, dass sie das zu ersetzende Erbgut nicht an einer konkreten Stelle in die DNA der Zellen einbauen würden, sondern dort, wo es gerade passt. Diese Beliebigkeit kann andere Gene stören, und das Wachstum der Zelle außer Kontrolle geraten lassen. Eine Studie in der aktuellen Ausgabe von Nature legt zudem nahe, dass auch die therapeutischen Gene selbst zum Krebs führen können. Mit den gegenwärtigen Genfähren werden Gentherapien deshalb niemals ohne Risiko sein.

Nun mag ein solches Risiko den Patienten im Angesicht seines sicheren Todes kaum beeindrucken. Doch was hilft die Risikobereitschaft, wenn die Therapie nicht hilft? Hoelzer und seine Kollegen konnten zwar messen, dass ihre Patienten nach der Therapie mehr gesunde Immunzellen im Blut hatten, und es ging den Patienten ja tatsächlich besser. Doch würden sich diese Zellen und deren Nachkommen langfristig halten? Würden sie ausreichen, um den Teufelskreis der Infektionen zu durchbrechen? Würden der Effekt die Wirkung der therapiebegleitenden Zytostatika aufwiegen? Für den nun Verstorbenen scheint all das nicht der Fall gewesen zu sein. Kongressberichten zufolge erlag der Mann einem Multiorganversagen nach schwerer Sepsis. Mehrere Infektionsherde hatten demnach weiter in seinem Körper geschwärt, der Darm war infolge persistierender Entzündungen schließlich durchgebrochen.

Dasselbe verheerende Schicksal hätte den Patienten aller Wahrscheinlichkeit nach auch ohne die Therapie ereilt - vielleicht sogar früher. Der Gentherapie ist hier nicht die Schuld am Tod des Patienten zuzuschreiben. Doch für das Konzept als solches zeigt der aktuelle Fall erneut, dass es - trotz der vielen Forschungsjahre - noch nicht annähernd reif für die Klinik ist. Zum einen bleibt das unberechenbare Krebsrisiko. Bei anderen als unmittelbar lebensbedrohenden Erkrankungen ist es nur schwer zu akzeptieren. Zum anderen scheint auch die Effizienz dieser genetischen Eingriffe enormen Schwankungen unterworfen. Und was vielleicht hilft, vielleicht aber auch tötet, wird wohl nie den Durchbruch in der modernen Medizin bedeuten.

Von einem Glanzpunkt konnte und kann daher nicht die Rede sein. Vielleicht gelingt es, Ergebnisse aus Studien mit drei Patienten in Zukunft einmal nicht überzubewerten.

 
Leser-Kommentare
  1. Diesem Slogan der Kampagne der dt. Pharmaziekonzerne ist wohl nicht immer zuzustimmen; wie man es an diesem zu bedauernden Beispiel sieht.
    Dennoch muss man die Forschung für gentechnischen Behandlungsmethoden vorantreiben, denn von ihr ist wohl noch viel zu erwarten und sie scheint Rettung für viele bisher unheilbare Krankheiten, bei plötzlichen Organversagen und Gendefekten.
    Nichtsdestotrotz sollten wir bei der Behandlung von Krankheiten auch die Wirkung der Natur niemals unterschätzen. Meiner Meinung nach definiert sich die heutige westliche Medizin viel zu stark über Chemie, denn viele Naturheilwege werden zurückgewiesen oder gar belächelt, da deren Heilungseffekt angeblich nicht wissenschaftlich nachweisbar wäre. Dann frage ich mich jedoch, wie es sein kann, dass Menschen in homöopathischer Behandlung von ihrer Allergie befereit, von Angstzuständen erlöst oder gar vom Krebs geheilt werden; oder warum verschwinden bei unzähligen Menschen, die vorher erfolglos von Arzt zu Arzt gerannt sind, die dann eine(n) Osteopath(in) aufgesucht haben, Rückenschmerzen, gelenkbeschwerden oder Kopfschmerzen. - Alles Zufall?
    Mein Ziel ist es nicht, die moderne Schulmedizin schlecht zu reden, aber ich meine doch, dass man auch einmal darüber hinaus sehen sollte, welche für den Körper natürlichere, verträglichere Behandlungsmethoden es gibt, und diese mit der modernen Medizin zu kombinieren.
    Ich denke dann sind wir schon einen Schritt weiter in der Behandlung von Krankheiten - vom simplen Schnupfen bis hin zu Allergien und vielleicht noch viel weiter. Dadurch sensibiliesieren wir unseren Körper auch viel stärker und unsere Antibiotika schlagen viel stärker an und die Anpassung eines Virus an das Medikament dauert wesentlich länger.
    Forschung ist wichtig und Forschung ist Fortschritt, aber wir dürfen niemals unsere Wurzeln vergessen, denn dann kommen wir nicht weiter.

  2. Kaum jemand in unserem Kulturkreis hat nicht Angst vor dem Tod; die es in ihren Kreisen nicht haben, schockieren uns täglich in den Nachrichten.

    Geht man große (lebensbedrohliche) Risiken ein, werden diese entweder bewundert(!), schnell als Spinner oder sonstiges betitelt. So wurden beispielsweise vor noch gar nicht so langer Zeit Rennfahrer als todessüchtig und phychisch labil charakterisiert; das komplette Gegenteil ist der Fall. Nur unwichtig die eigentliche Aufgabe, der sie sich zu opfern bereit sind: es geht um ihren eigenen Spass!

    Nun ist ein Mensch gestorben, der bestimmt wie der Sportler Ziele verfolgte in seinem Leben. Hatte er eine Wahl, "steige ich in das Rennfahrzeug oder nicht"? Mit großer Achtung vor seiner Entscheidung, vermutlich voller Mut und Hoffnung getroffen, er hatte sie leider nicht. Die Forschung und das Unbekannte waren seine letzte Hoffnung; sie nicht wahrzunehmen bedeutete -am Leben hängend- den Tod!

    Die Wahl des Rennfahrers sein Leben zu riskieren respektiere ich, wenn auch mit Unverständnis. Dieser ist nicht gezwungen zur Entscheidung.

    Vor der des Kranken verneige ich mich, ist die Entscheidung des WIE&WAS doch meistens schnell zu fällen unter allen schwierigen Indikationen, die man sich vorzustellen vermag.

    Wir alle wollen leben. Dies wird uns schmerzlicher Weise nur dann bewusst, wenn wir uns in Extremsituationen befinden. Wäre es uns klar, würden wir eine bessere Bereitschaft zum "Schenken von Leben" haben: Wir würden NACH unserem Ableben ORGANE spenden. Ein vergleichsweise kleiner Schritt, beträfe diese Entscheidung doch nicht mehr unser jetziges Leben!

    Weiterhin verurteilen wir oft die, welche bereit sind zur Entscheidung und darunter Verantwortung übernehmen - auf welcher "Seite" diese auch stehen mögen. Gleichzeitig geben wir als Unwissende denen Raum, die vorgeben zu wissen und dann unbeirrt handeln dürfen in Themenbereichen, die nicht dem Menschen dienen und welche nicht beherrschbar sind(beispielsweise die Atomkraft). Ich persönlich halte eingesetzte Gentechnik in der Landwirtschaft für sehr bedenklich. Aber dürfen wir technisch machbares einem kranken Menschen verwehren? Die eigene Hoffnung an mögliches geknüpft, will ich dies nicht tun! Die "rechtliche" Seite, wer dürfte wen wann wie unter welchen Umständen sterben lassen, dies ist dabei noch gar nicht berührt... Kann man sich denn eigentlich nur noch "rechtlich" strafbar machen?

    Es gibt viele Gebiete, wo wir (staatliche) Institutionen verdammen und gleichzeitig froh sind, alles abgeben zu "müssen". Damit sind wir unfähiger als die Menschen, die sich ihr Leben "organisieren" müssen und mit dem sprichwörtlichem Nichts auskommen oder eben Dinge bzw. Sachverhalte annehmen.

    So tut sich Kreis um Kreis auf. Allgegenwärtig unsere Ohnmacht, endlich wieder selbst aktiv zu werden, uns selbst zu helfen und damit zur Stärke zurückzufinden, eben auch in solchen Lebensumständen Hilfe anbieten zu können und es auch zu wollen. Diskussion und Schwäche kann niemanden helfen, Rat und Tat sowie "Halt geben" schon - an welcher Stelle auch immer.

    Warum aber, bringen wir diesen Mut nicht auf, wo wir uns doch für ein so zivilisiertes Volk in einer globalen (westlichen) Welt halten?

    Und wiedereinmal bei allem Gelaber (meinem eingeschlossen) und angesichts der derzeit diskutierten Thematik der Schutzbefohlenen: letztendlich täte leider eine veränderte Welt einen geliebten Menschen auch nicht zurückbringen. Einiges ist unabwendbar und bei anderen Dingen kommen wir zu spät. Dies sind die einzig wahren als auch bittersten Erkenntnisse im Leben, die sich nie verändern werden...

    • SRCD
    • 28.04.2006 um 8:32 Uhr

    Was wäre wenn
    wir alle Krankheit heilen könnten?

    Garten Eden oder Horrorszenario?

    Ich bin und bleibe skeptisch, denn wir wissen
    noch viel zu wenig über psychosomatische
    Heilung.
    Alles hofft und konzentriert sich auf äußere, implantierte
    Kräfte, so als ob wir ein rein mechanisches Wesen wären.
    Wir werden uns alle noch wundern.

  3. Das ist wirklich intelligent, erfrischend, so kurz ausgedrückt!

    So steckt doch auch drin, das wir sowieso den Tod erfahren früher oder später. Deshalb ist gut sich rechtzeitig darauf vorzubereiten und die kurze Zeit die uns bleibt, sinnvoll zu nutzen. Und wohl auch unsere Art zu erhalten und zu verfeinern.

    Gut erklärt Fr. Zinkant. Ohne dem Bluff der „allmächtigen“ Medizin-Industrie zu erliegen.
    .

  4. Die Medizinbluffs der letzten Jahrhunderte haben unser Leben deutlich verlängert. Noch vor ca. 150 Jahren lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei 45 !!!!! Jahren. Und die Lebensqualität ist ebenfalls deutlich gestiegen. Es gelingt uns heute bis ins hohe Alter mit einer hohen Qualität am Leben teilzunehmen. Das ist ein Verdienst der Medizinforschung. Leider glaubt heute wirklich jeder, der einmal einen Schnupfen überlebt hat, mitreden zu können. Wer an einer schweren Krankheit leidet, weiß die Segungen der modernen Medizin zu schätzen. Z.B. hat meine 60 jährige Schwiegermutter gerade ein künstliches Kniegelenk bekommen und kann nun wieder laufen, Treppen steigen etc. Ein klarer Sieg der so verpöhnten Medizinindustrie. (übrigends heute eine Standart-op) Ebenso ist Krebs heute nicht mehr zwangsläufig ein Todesurteil. Ich begrüße die "Bluffs" Medizinindustrie außerordentlich. Schon alleine deshalb weil ich später selbst auf sie zurückgreifen möchte. Und ich freue mich über jeden Forschungserfolg. Die Mismacher und Oberschlaukritiker werden bestimmt in jedem Fall auf die Segungen dieser von ihnen verteufelten Medizinindustrie verzichten. Das würde zumindest der Anstand gebieten, nachdem sie sich in ihren Artikel über die Machenschaften dieser Industrie so trefflich ereifert haben. Alles andere wäre ziemlich verlogen.

    • etiam
    • 28.04.2006 um 9:08 Uhr

    Ein Patient von dreien, stirbt an einer per se tödlichen Erkrankung, ganz offensichtlich nicht wegen sondern trotz der Therapie, obgleich diese ebenfalls tödliche, aber vermutlich eben nur seltener auftretende Nebenwirkungen hat - und schon wird das gesamte Vorgehen in den Dreck gezogen und man besinnt sich auf Höhlenmalerei, Schamanen und andere Götterbeschwörungen - mit Verlaub, vermutlich ohne auch nur die geringste Ahnung geschweige denn eigene Erfahrung über die Art der Beweisführung in naturwissenschaftlicher Forschung zu haben.
    Auch Aristoteles würde sich angesichts der heute dehnbaren Begrifflichkeit von Wahrheit und Beweis im Grabe drehen.
    Die unglaublichen Selbstheilungskräfte des Körpers mit koinzidentem Schamanengedudel in eine kausalen noch dazu auf subjektiv gefärbte Einzelfallberichte abgestellte Beziehung zu bringen, ist das Grundübel der heutigen Medizindebatte (das gilt gleichermassen für alternative Verfahren wie für pharmaindustrielle Marketinginnovationen)
    Nur glaubt in diesem Bereich jeder mitreden zu können, der schon einmal gesehen hat, wie eine Erkältung ausheilt - ich empfehle Ihnen bei dem Artikel "Das bittere Ende der Logik" zu den geschilderten Einzelbeweisen sich als Nichtmathematiker ein Bild zu machen - das wird notgedrungen scheitern!

    • hamkon
    • 27.04.2006 um 22:21 Uhr

    sollte man es begreifen, wenn man der immer wiederkehrenden Überraschung begegnet, mit der Menschen auf die Tatsache reagieren, dass wir in einer polaren Welt leben, in der nun einmal nichts ohne Folgen, Auswirkungen, Reaktionen ist.

    Gentherapie als Erlösung, die nur mit dem Eintritt des gewünschten Ergebnisses auftritt? Na dann mal los. Dann kann es ja nur noch gelingen, dass wir bald ewig leben.

    Immer und immer wieder ist der Preis für das zu zahlen, was wir tun oder nicht tun. Nichts ist ohne Preis. Nichts ohne Folgen. Usw.

    Manchmal frage ich mich wirklich, wovon manche Menschen nachts eigentlich noch träumen.

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  • Quelle ZEIT online, 27.4.2006
  • Kommentare 7
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  • Schlagworte Medizin | Therapie | Forschung | Forschung | Blindheit
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