Thomas Nitzschke und René Bräunlich sind wieder in Deutschland. Können sie nach 99 Tagen in der Gewalt von Entführern ihre Freiheit schon realisieren?© dpa, Montage: ZEITonline

Die richtige Realität setzt sich erst nach und nach durch. Das kann drei Monate, sechs Monate oder auch ein Jahr dauern. Die Menschen kommen von einem anderen Stern, aus der Hölle. Sie müssen sich erst wieder orientieren.

Wie gelingt es Menschen überhaupt diese Zeit des Wartens, des Eingesperrt seins und der Todesangst zu überstehen?

Wir sind Säugetiere und so seit Jahrtausenden an Lebensgefahr gewöhnt. Die Strategien, die wir entwickelt haben zielen darauf ab, so wenig wie möglich von der Situation mitzubekommen. Wir betäuben uns selbst. 

Nitzschke und Bräunlich waren zu zweit. Hat Ihnen das geholfen?

Sollte es so gewesen sein, dass die beiden zu zweit geblieben sind, hat es sicherlich geholfen. Leidensgenossen, gleiche Sprache. Wenn es allerdings einer schwerer hat als der andere, kann das auch destabilisierend wirken.

Wie entwickelt sich über einen so langen Zeitraum das Verhältnis zu den Geiselnehmern?

Das hängt davon ab, wie sich die Entführer verhalten. Es besteht die Gefahr, dass sich Opfer sehr in die Täter einfühlen. Das kann eine Überlebensstrategie sein, da es dadurch weiß, wie der andere denkt, dann kann man gegebenenfalls auf sie Einfluss nehmen. In diesem Einfühlen wurzelt jedoch die Gefahr, dass die Entführten geistig "überlaufen". Hinzu kommt: Viele derjenigen, die dort jetzt sind, sind Idealisten. Sie wollen helfen, den Irak wirtschaftlich wieder aufzubauen. Es kann daher sein, dass Geiseln sogar für die Ziele der Entführer Verständnis entwickeln.

Wie wirkt sich dies auf das Leben der Menschen danach aus ?

Zunächst drängen sich Bilder und Gefühle auf. Sie können an nichts anderes mehr denken. Sie fühlen sich noch immer wie in dem Verlies beziehungsweise in der Gefangenschaft. Ein besonderes Problem ist die Zeit des Einschlafens, dann kommen die Albträume, und die Erinnerungen kommen auch zurück in der Aufwachphase, wenn der Schlaf oberflächlich wird. Dann sitzen die Menschen schreiend im Bett. Auch im Alltag werden sie gestört.

Inwiefern?

Die Situationen der Lebensgefahr merkt sich das Gehirn besonders gut. Sie ist dort im Zwischenhirn abgespeichert. Das ist sonst untypisch. Die Folge ist, dass der Mensch auf kleinste Umweltreize viel schneller anspringt. Das ist vergleichbar mit der Situation in einem Horrorfilm. Die knarrende Treppe, der wehende Vorhang, alles ist da gefährlich. Diese Reizschwelle ist in der lebensgefährlichen Situation gut. In einer Situation der Sicherheit ist das enorm zermürbend, die Menschen sind sehr dünnhäutig.

Wie finden sich traumatisierte Menschen in der Alltagswelt zurecht?

Die Entführten leben in einer anderen Welt, als alle anderen Menschen. Nach dem Trauma sind für das Gehirn zwei Wahrheiten richtig: "Alles ist anders" und "Alles ist gleich". Beides stimmt. Die Welt ist gefährlicher, bedrohlicher, unzuverlässiger geworden. Gleichzeitig ist alles wie immer. Die Sonne geht auf und unter, die Zeitungen berichten über die WM, es ist Maiwetter draußen. Das ist ein Zustand, der sehr verwirrt.

Das Verhältnis der Rückkehrer zu ihren Familien und zu den engsten Freunden ist anders geworden?

Eine Entfremdung ist die Regel. Geiseln haben das Gefühl, die Menschen, die ihre nächsten sind, verstehen nicht, was mit ihnen passiert ist. Es ist nicht so einfach, einen solchen Menschen angemessen zu begleiten. Die Entführten leben zunächst in einer anderen Welt, als alle anderen Menschen.

Wie können sich Familie und Freunde verhalten, um den Entführten zu helfen ?

Es ist wichtig, soviel äußere Sicherheit und soviel Stabilität im Umfeld zu haben wie möglich. Familie und Freunde müssen da sein und müssen dabei selbst unterstützt werden. Die Heimkehrenden müssen das tun, was ihnen gut tut, bis für die Seele wieder klar ist: die Welt ist nicht untergegangen.

Wie kommt dieses Gefühl des „Weltuntergangs“ zustande?

Das passiert, wenn sich die Erinnerung durchsetzt. Die Menschen sind dann mit ihren Gefühlen in der falschen Zeit am falschen Ort, im falschen Film. Damit sie vollständig in der Gegenwart ankommen können, müssen aus den so genannten "Flashbacks", welche die vergangenen Erlebnisse in der Gegenwart lebendig werden lassen, Erinnerungen werden.

Prof. Ulrich Sachsse ist Psychiater und Psychotherapeut und befasst sich mitposttraumatischen Belastungsstörungen . Er lehrt an der Universität Kassel.

Das Gespräch führte Christine Jähn