Israel Der Pastor
Die Stimmen von Jerusalem
Drückt sich in Wayne Hilsdens bohrendem Blick Misstrauen aus? Oder sind es nur die dicken Brillengläser? Jedenfalls wirkt er streng. Der Christ Hilsden kam 1983 aus Kanada in die Stadt, »die Gott vor allen anderen erwählt hat und in die er für immer seinen Namen legte. Der Gott des Volkes Israel weist sich als der Gott Jerusalems aus. In der Lage Jerusalems spiegelt sich seine Macht wider.«
In den Jahren des zweiten palästinensischen Aufstandes von 2000 bis 2005 nahm der Zustrom von Immigranten nach Israel ab. Nur evangelikale und messianische Christen kamen in immer größerer Zahl. Heute leben sie zu Tausenden in der Stadt. Sie kommen, um hier die Zeit zu erleben, »in der Gott Jerusalem und dem Volk Israel wieder ihren rechtmäßigen Platz in der Welt zuweist«.
Wenn sie sich auf Englisch unterhalten, fällt in fast jedem Satz der amerikanische Begriff awesome, aber nicht in seiner modischen Bedeutung, vergleichbar etwa dem deutschen Wort »krass«, sondern ganz wörtlich gemeint: »Ehrfurcht und Scheu einflößend« – so wie der heilige Geist sich offenbart hat.
Die Evangelikalen, sagt Hilsden, »sind der Juden beste Freunde«. Gott habe Nichtjuden wie einen Pfropf dem natürlichen Baum des Volkes Israel aufgepflanzt. Israel zu unterstützen sei deshalb eine theologische Pflicht.
Über die Jahre haben die »christlichen Zionisten«, wie sie sich auch nennen, ein weit verzweigtes Netzwerk aufgebaut. Den Anfang machte die 1980 gegründete Internationale Christliche Botschaft in Jerusalem (ICEJ). Sie hat 50 Ländersektionen in aller Welt und hält Verbindungen zu anderen christlich-fundamentalistischen Organisationen, die sich der Solidarität mit Israel verschrieben haben.
In Deutschland gibt es über zwei Dutzend derartige Gemeinschaften. Die »Brücke Berlin-Jerusalem« etwa organisiert Reisen in gepanzerten Bussen an biblische Stätten in Samaria und Judäa, dem heutigen Westjordanland. Sie beschwert sich bei Chefredakteuren über Reporter, die ihre Sicht eines vom Mittelmeer bis an den Jordan reichenden Israels nicht teilen. Über ihre Verbindungen in Israel versucht sie, kritische Journalisten aus der Berichterstattung über das Land zu drängen.
Man kann der von Hilsden eingeforderten theologischen Pflicht auch per Spenden nachkommen, die in den USA, Deutschland, der Schweiz, Kanada und Großbritannien steuerlich abzugsfähig sind. Vorletztes Jahr baute er damit ein Kino im Keller eines Einkaufs- und Bürozentrums in einen Betsaal mit 600 Plätzen um. Alles ist vom Besten, die aus Natursteinen gemauerten Wände, die schweren Eichentüren, die akustische Steuerungsanlage.
Die politische und militärische Macht Israels ist für Hilsden kein Zufall. Sie ist der erste Schritt in der Erfüllung der Worte der Propheten. In derart bedeutungsschweren Zeiten kann er nicht tatenlos zusehen. Er hat eine weitere Etage und das 60 Meter hoch gelegene Penthouse des Hochhauses erworben. »Gott forderte mich dazu auf.« Handwerker bauen den »Gebetsturm« gerade aus.
Als zweiten Schritt der Erfüllung des Wortes werde Gott, erklärt Hilsden, »dem jüdischen Volk den Heiligen Geist einhauchen« und die Stadt unter dem Christentum einigen. Wir stehen auf dem Ölberg. Er blättert mit dem Stift in einer Palm-Pilot-Bibel. Hier oben stand er schon an seinem ersten Abend in Jerusalem. Von hier hat man einen phänomenalen Blick.
- Datum 29.07.2008 - 15:43 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 27.04.2006 Nr.18
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