Maximal Jazz Ein verspäteter Trompeter

Roy Hargrove wähnt sich in der falschen Zeit. Er hätte lieber vor sechzig Jahren gelebt, dann wäre seine Musik die Avantgarde gewesen. Was für eine Rückwärtsgewandtheit – der Mann ist doch noch so jung!

Roy Hargrove liegt auf einem schwarzen Ledersofa in der Interview-Suite eines Hamburger Hotels und hat seinen Hut über die Stirn gezogen. Derselbe runde, braune Hut mit einer kleinen Feder an der Seite, der auch auf den Titelbildern seiner beiden neuen CDs zu sehen ist. Nothing Serious heißt die eine, mit seinem Jazz-Quintett, und Distractions. The RH Factor , die andere, von seinem HipHop-Jazz-Projekt.

Eigentlich wollte Roy Hargrove beide Aufnahmen auf einer CD vereinen, mit insgesamt etwas über einer Stunde Spielzeit. Aber die Plattenfirma tat sich schwer damit. Immer wieder verzögerte sich die Veröffentlichung. Jetzt sind es zwei Alben geworden, die nur durch ihr sehr ähnliches Cover miteinander verbunden sind. Darüber scheint er nicht sehr glücklich zu sein.

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Er richtet sich auf. Er sehe sowohl Jazz als auch die Verbindung von Improvisation mit Hip Hop in der Tradition der schwarzen Musik Amerikas, zu der auch Soul und Rap gehören. Für ihn gebe es keine da Trennung. Mit D´Angelo, der ein Stück zu seinem RH-Faktor-Album beigesteuert hat, verbinde ihn eine Freundschaft, seit sie gemeinsam in Dallas auf der High School waren, auch wenn sie noch nie gemeinsam aufgetreten seien. D´Angelo schickte das Stück, und Hargrove improvisierte mit seiner Band dazu.

Er betrachtet die fertigen CDs, die er jetzt zum ersten Mal sieht. Nachdem er vor fast zwanzig Jahren in Texas von einem Trompeter entdeckt wurde, von Wynton Marsalis nämlich, zählt er heute selbst zu den bekanntesten Trompetern des amerikanischen Jazz. Auf den großen Festivals in Europa, Japan und den Vereinigten Staaten ist er anzutreffen. Er spielt auf technisch höchstem Niveau, schnell, atemlos, und doch klingt die Musik seltsam altmodisch.

In den neunziger Jahren zählt er zu den „Young Lions“, die mit einer neo-konservativen Jazz-Auffassung den zu frei gewordenen Jazz zu seinen Wurzeln zurück führen wollten. Ihre Wortführer waren Wynton Marsalis und der Jazzkritiker Stanley Crouch. Damals begann jener Streit um die Macht im Jazz', der bis heute anhält.

So sieht Roy Hargrove auch jetzt noch, achtzehn Jahre danach, die Zukunft des Jazz in der Tradition. Ohne die Elemente des Swing sei die Musik nur eine leere Hülle. Was für eine strenge Haltung für einen erst 36-jährigen Musiker, der mitten in Manhattan lebt.

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