Harald Schmidt Gackerdämmerung
Deutschlands meistgeliebter Entertainer hat sich öffentlich-rechtlich verlangweiligt. Ein Beitrag zur Gähnforschung
Im April-Heft von Cicero, laut Untertitel ein Magazin für politische Kultur, prangte Harald Schmidt zwischen Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki als Nummer zwei in einer Rangliste der (angeblich) fünfhundert wichtigsten (oder gar deutungsmächtigsten) Intellektuellen deutscher Sprache: eine Ehre, wenn es denn eine ist, von der sich kein Kabarettist in unserem Lande jemals hatte träumen lassen. In einem kommentierenden Interview war der illustre Spaßmacher anders als Günter Grass, praeceptor Germaniae et mundi immerhin gewitzt genug, sich selbst und das halbseidene Ranking-Unternehmen auf den Arm zu nehmen. Es wundere ihn, dass Cicero überhaupt so viele kluge Köpfe versammeln konnte, sagte er leichthin, doch er ließ natürlich keinen Zweifel zu, dass er selber ein Intellektueller durch und durch sei, ja er zeigte sich dem originellen Einwurf gewachsen, dass sein Publikum nicht nur verrückt nach ihm sei, sondern überdies begeistert von Michael Andrack der nun freilich, wie Schmidt korrigierte, Manuel heiße und ein Fußballfan sei; auch er ein Intellektueller durch und durch, wie wir hinzufügen dürfen.
Solchermaßen ermutigt wagten wir es, dem Wundermann aus Nürtingen am Neckar noch einmal zu begegnen, voller Hoffnung, von Neuem von seinem Lachen überwältigt zu werden, wie es uns vordem dann und wann widerfahren war, vor der großen Auszeit, von der die Bildungselite Germaniens, soweit in den Feuilletons sichtbar, in die tiefsten Depressionen gestürzt worden ist: ein grausamer Verzicht auf die Erfrischung unserer armen Seelen durch seinen gepfefferten Witz, den Schmidt der Nation geradezu gewissenlos auferlegt hatte, auf das Entzücken über die blitzenden Bonmots, die intelligente Bosheit, die schiere Albernheit und bodenlose Blödelei, vor allem über sein vorsätzlich unfaires Spiel mit der Bildungsferne des Publikums (aus dem Ruhrpott), das sich der showmaster immer mal wieder erlaubte. Den Star ließ unsere Verzweiflung kalt. Seine Studio-Equipe schickte er ohne erkennbare Zeichen des Mitgefühls nachhause, ob Susanne, die blonde Kroatin, die ihre Stichwort-Schilder so adrett ins Bild heben durfte, oder den schönen Sven, der dem Chef wortlos, doch nicht ohne Grazie das symbolische Wasserglas servieren durfte und damit zum Liebling der Gesellschaft (sofern weiblich oder schwul) avancierte. Von einem Sozialplan für die Beleuchter, die Kabelschlepper, die Maskenfrauen und Kamera-Assistenten war nicht die Rede. Vielleicht ist er uns nur entgangen.
Das Schmidtlose, glücklose Jahr, in dem der Held unbekümmert in der Welt umherreiste, war für uns, vor der eingetrübten Scheibe hockend, eine wahre Qual: Entziehungsschmerzen. Wir entbehrten die überparteiliche Gemeinheit seiner Prologe, die kindischen Modelleisenbahn-Spiele auf Schmidts Nürtinger Heimatbahnhof, die Ausflüge ins Feld der klassischen Musik, auf die sich der Orgelspieler H.S. so gut oder besser verstand als auf die Deutsch-Rocker, die vorgeführt werden mussten, auf Haralds Mienenspiel bei der Vorstellung einer neuen CD mit Beethovens Zweitem, mit dem er eine vollendete Imitation der beseelten Grimassen Alfred Brendels bot, wir trauerten auch der unsäglichen Frechheit nach, ein ganzes Programm in einem (nicht lupenreinen) Französisch zu präsentieren, von der ersten bis zur letzten Minute, bei dem Andrack gezwungen war, seine Vokabeln auf dem PC zusammenzusuchen und den überforderten Studiogästen der Schweiß auf der Stirn stand, während die armen Zuschauer ratlos auf die Bühne starrten: ein Experiment, das der eher humorlose Deutschland-Korrespondent des Figaro einer pedantischen Mäkelei unterzog, während ein Autor der FAZ seine Kritik mit schöner Ironie in elegant gallischer Prosa verfasste. Wenn Schmidt sich solche Späße bei einer kommerziellen Anstalt erlauben konnte, dachten wir arglos: wie frei und frech könnte er dann, auf Einschaltquoten und Werbung nicht länger angewiesen, bei den Öffentlich-Rechtlichen auf den Putz hauen. Dachten wir.
Als Schmidt, sehnsüchtig erwartet, schließlich zurückkam, tatsächlich zur triumphierenden ARD, führte er einen eisgrauen Bart vor, der kein Erfolg war. Die Rekonversion zur Glattrasur glich die erste Enttäuschung nicht aus. Der Star hatte die Pause nicht genutzt, um ganze Schatztruhen mit komödiantischen Einfällen und zeitresistenten Pointen zu füllen. Nach der zehnten Vorstellung bei der ARD überkam uns der Verdacht, dass ihm womöglich nichts mehr einfiel. Andrack durfte sein Kabuff wieder beziehen, und Nathalie, die Französin vom Dienst, wurde zurückbeordert, um ihren drolligen Akzent in Straßenbefragungen vorzuführen und im übrigen mit rhythmischem Klatschen die Rolle einer Chefin der müden ARD-Showband vorzutäuschen. Es half nichts.
Schmidts Monologe der Test der vergangenen Woche bestätigte es schleppten sich fortan lahmfüßig von einem matten Witz zum nächsten. Es schien, als sei nicht nur er selbst, sondern das Regiment seiner Gagschreiber von einer kollektiven Gehirnlähmung heimgesucht. Mit kleinen Obszönitäten auf dem Niveau der Nürtinger Schülerzeitung meinte er, auf Nummer sicher zu gehen. Milch fördere den Prostata-Krebs, hatte er gelesen: irgendwas hängt immer, fügte er statt einer Pointe hinzu. Dann nahm er sich die Ministerin Ursula von der Leyen vor, die er kurzerhand Uschi nannte, um sich zur Muschi zu steigern. Witzelte über ein Muschi-Family-Paket und über eine Muschi World daher, was Andrack zu dem Einwurf inspirierte, das klinge nach Beate Uhse.
- Datum 03.05.2006 - 13:32 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT online, 1.5.2006
- Kommentare 20
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Harald Schmidt ist ist den letzten Jahren unpolitisch geworden, die Inhalte sind irrelevant, der Humor ist gelinde gesagt schlicht, kurz: das Niveau lohnt das einschalten nicht mehr. Aus diesem Grund sehe ich die Sendung mittlerweile nur noch selten trotzdem bekomme ich Harald Schmidt immer immer häufiger zu sehen, nämlich in der Werbung, in der er für so Sympatische Firmen wie Nestle wirbt.
Schmidt hatte weniger das Problem, an seine eigenen Grenzen zu stossen, als vielmehr an die seiner Umgebung, die seiner Zuschauer und Intendanten - also indirekt die der gesellschaftlichen Normen und Tabuzwänge.
Ein Harald Schmidt, wie ich ihn mir vorstelle (Soll-Zustand), ist einer, dessen Klinge beisst, der die Tabus entzweihaut wie einst der aus der Einsiedelei zurückgekehrte Lancelot die Reihen der Gegner (der eisgraue Bart passte schon ganz gut).
Doch dafür fehlte ihm der Raum.
Seit Schmidts Zeiten mit Feuerstein wissen wir, was Schmidt "für einer ist".
Und wer Harald Schmidt jemals in privater Runde erlebt hat (ich kenne da jemanden), der weiss, was für eine "Drecksau" Schmidt sein kann.
Und zwar im besten Sinne des Wortes.
Die "Provokationen" Schmidts lagen zuletzt darin, den Zuschauer nach Art Andy Kaufmans entweder zu überfordern oder zu überraschen oder beides (Moderation im Dunklen, die frz. Sendung, usw.).
Irgendwann nutzt sich das ab.
Zumal die WAHRE Stärke des Schwaben - gestählt in der Einöde der Provinz - im direkten Zug auf´s Tor liegt (wir sind alle kleine Klinsmänner), also in der linear-brutalen Durchbruchstrategie, dem eruptiven Ausbruch der über Jahrzehnte in kleinbürgerlicher Enge und kultureller Frustration meditativ angesammelten inneren Energie, die sich gebündelt wie ein verlängerter Finger nach aussen tastet - immer auf der Suche nach dem nächsten zu markierenden Opfer.
Ein Schmidt´scher Charakter ist ein psychopathologisierter Meta-Aktivist, ein Zappelphilip, ein gefrässiges Instinkt- wie Intellektgesteuertes 500-Kilo-Raubtier, das alle Schranken durchbrechen will.
Zu harter Stoff für Deutschlands Bürger - und deshalb begnügen wir uns mit Container-Trash-Müllmenschen und Formatradio.
Schade!
...das die Nummer mit von der Leyen "Wuschi" hieß. Aber ansonsten klappt das ja schon besse als bei Cicero.
Mit Thomas Bernhard gesagt:
"Die größten Arschlöcher sind die so genannten Intellektuellen."
Dieser Artikel ist wunderlich. Seine Späße sind nicht mehr so effektvoll, aber um einiges subtiler. Die nicht mehr einschalten, können es wahrscheinlich auch einfach nicht mehr. Skurril wäre es wenn seine Show bei Arte landet/endet.
Offenbar braucht exzessive biografische Arbeit im provencalischen "Exil" ein Ventil. Mein alter Deutschpauker hätte unter diesen Artikel die Bemerkung gesetzt: "Wer vieles sagt, sagt manchmal was."
Klaus Harpprecht sollte dabei bleiben, unseren liebenswürdigen
und wichtigen Jakobinern Kränze zu flechten. - Die werden zunehmend nicht mehr gekannt und nichts wird über sie gewusst. Schließlich ist der alte Grab auch schon ein Weilchen im Himmel. - Aber um den wöchentlichen doppelten Lachsack, kurz vor dem Dahindämmern in Morpheus Arme, würd´ ich mir keine geistigen Schürfwunden zufügen wollen. - Offensichtlich hat das vorzeitige Sommerloch im Feuilleton Ausmaße erreicht, die dem Ozonloch entsprechen.
Schade, daß die bescheidene Überschrift stehen gelassen wurde - man muß auch und gerade dann, wenn man eine spitze Feder hat, etwas korrigieren können.
Und umgekehrt: wer nicht korrigieren kann ...
Dirty-Harry hier mit dem Wort Schülerzeitungsniveau herabzuwürdigen beleidigt bundesweit tausende von Schülerzeitungen und jungen Medienmachern, die das wirklich nicht verdient haben, mit Uschi-Muschi-Witzen oder der neuen/alten Niveaulosigkeit der Show verglichen zu werden.
Die Lanze musste gebrochen werden...
Ausserdem fällt mir keine Niveausenkung (wie auch keine Verbesserung) zwischen "altem" und "neuen Schmidt vor, auch wenn das der Autor anders sieht.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren