Atomstreit
Merkels starke Seiten
Der Kanzlerin gelingt es, im Dialog mit den USA Deutschlands Interessen im Konflikt um das iranische Atomprogramm zu vertreten. Ein Hintergrundbericht
Wann immer einem deutschen Politiker in der internationalen Krisendiplomatie plötzlich eine Schlüsselfunktion zufällt, die leicht als Vermittlerrolle interpretiert werden könnte, folgt das Dementi auf dem Fuße. So war es damals, als Außenminister Joschka Fischer eine Weile lang als Pendeldiplomat zwischen Israel und den Palästinensern agierte, und so ist es auch jetzt mit Angela Merkel: Bei dem Versuch, im Konflikt um das iranische Atomprogramm die Staatengemeinschaft zusammenzuhalten, wirbt die deutsche Kanzlerin in Amerika um Verständnis für Russland und weist doch jede Mittlerrolle von sich. Natürlich weiß sie: Wer das Etikett akzeptiert, wird die Rolle um so schwerer ausfüllen können.
Und doch sind es ganz offenbar mental-politische Vermittlungsversuche, die Angela Merkel auf ihrer zweiten USA-Reise als Kanzlerin unternommen hat. Ihr sind die sich verhärtenden Beziehungen zwischen Moskau und Washington bewusst. Und sie weiß, dass jede Hoffnung auf eine diplomatische Lösung des Iran-Konfliktes schwindet, wenn die Russen ausscheren oder zum Ausscheren gebracht werden. Also setzt sie Akzente, die so ganz anders klingen, als das, was man in den vergangenen Wochen an russland-skeptischen, ja anti-russischen Äußerungen aus den USA vernommen hat. In New York spricht die Kanzlerin vor deutsch-amerikanischen Wirtschaftsvertretern von der strategischen Partnerschaft zu Russland. Und wer die amerikanische Debatte verfolge, bekomme nicht immer den Eindruck, dass Russland als Partner mit Respekt behandelt werde. Genau das aber hält sie für nötig, wenn man das Land nicht nur als wichtigen Rohstofflieferanten, sondern zugleich als verantwortlichen internationalen Akteur begreifen will. Wenn wir der Meinung sind, dass internationale Konflikte mit diplomatischen Mitteln gelöst werden sollten, dann können wir auf Russland nicht verzichten, formuliert Merkel in New York. Das Credo könnte von ihrem Vorgänger stammen. Und dann wirbt die Kanzlerin sogar um ein tieferes Verständnis für die russische Lage: Der Siegeszug der Freiheit, mit dem der Kalte Krieg zu Ende ging, habe für Russland zugleich schwere Einbußen mit sich gebracht. Man müsse sich mit dem Land und seinen Erfahrungen beschäftigen, statt den Russen schnelle Tips zu geben. Russland sollte ein geachteter Partner sein.
Keine Frage, solche Kontrapunkte zur aktuellen amerikanischen Debatte kann sich die Bundeskanzlerin erlauben. Unübersehbar ist die Charmeoffensive, mit der ihr der amerikanische Präsident bei ihrem Besuch begegnete. Wer noch vor einem Jahr das Zerwürfnis Schröder-Bush für eine nicht mehr zu heilende Zäsur in den deutsch-amerikanischen Beziehungen gehalten hatte, wird nun eines anderen belehrt. Merkel wird hofiert, mit ihr will der Präsident zusammenarbeiten, um die Welt friedlicher zu machen. Er fühle sich geehrt, dass die Kanzlerin gekommen sei. Wir sind Freunde und Verbündete.
Eine europäische Regierungschefin, die anders als ihre europäischen Kollegen in Paris, Rom oder London unangefochten agieren kann, der jeglicher Anti-Bush-Reflex fremd sein dürfte, die eine Vertiefung der Beziehungen zu Amerika als Essential ihrer Außenpolitik begreift das gibt es derzeit nicht allzu oft in Europa. Nur in Deutschland, um genau zu sein.
Schon deshalb sind Bushs Freundlichkeiten nicht ganz so überraschend. Die Lust auf einsame Entscheidungen scheint vorerst geschwunden zu sein. In Merkel sieht Bush wohl die Chance auf einen Neu-Anfang nicht nur im Verhältnis zu Deutschland, sondern zu Europa insgesamt. Sie kommt nicht nur als eine, die vielleicht ein wenig präziser erklären kann, wie in Moskau gedacht wird; sie kommt als derzeit einzige handlungsfähige europäische Regierungschefin.
Dass Angela Merkel gern als Neu-Europäerin gesehen wird, macht es für Bush um so einfacher. Schon 2003, in den entscheidenden Monaten vor dem Irak-Krieg war es Merkel, die aus ihrer Sympathie für die amerikanische Härte im Umgang mit Saddam keinen Hehl machte. Bush erschien das schon seinerzeit nicht als Zufall: Angela Merkel, das ist für ihn die europäische Politikerin mit persönlicher Diktatur-Erfahrung, eine, die in Ostdeutschland während der dunklen Tage des Kalten Krieges aufgewachsen ist. Sie versteht, was es bedeutet in einer freien Gesellschaft zu leben. Sie versteht die Kraft der Freiheit, preiste sie der Präsident in Washington auf der 100-jährigen Geburtstagsfeier des American Jewish Committee.
- Datum 10.5.2006 - 12:32 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 5.5.2006
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Ist "preiste" eine zulässige Vergangenheitsform von "preisen"?
Die USA wuerden einen schweren Gang gehen: nach Irak Iran!
Also ist Merkel OK!
Gut so, zur Zeit!
Der Artikel spricht hier (wie es scheint, zum erstenmal in einer deutschen Zeitung) von "sich verhaertenden Beziehungen" zwischen Moskau und Washington. Ich finde es erstaunlich, dass die deutsche Presse Cheneys scharfe Reden in Litauen und Kasakstan nicht erwaehnt, die in der russischen Presse buchstaeblich mit Churchills "Eiserner Vorhang"-Rede verglichen werden.
Ich finde das in keiner deutschen Zeitung, waehrend der Pariser "Figaro" es heute ausführlich berichtet.
Wer zweifelt, wohin wir gehoeren!
Zu Russland, Menschenschinder ohne Kontrolle?
Gernot Erler, Gerhard Schroeder!
Verraeter!
Komisch, welche Worte hat den die Kanzlerin in Russland gebraucht?
Wenn es überhaupt noch eine friedliche Lösung geben kann, dann nur in Verbindung mit Russland. Und ohne Sanktionen und Drohungen wird es nicht gehen. Eigentlich kann es nur noch friedlich gelöst werden, wenn "alle Welt" sich einig ist, dass Iran kein Atomprogramm haben darf. Diese Einigung bedarf sicher wie Kanzlerin Merkel es hervorragend kann, ein Höchstmaß an Diplomatie und Argumentation.
Nahostexperten sagen: "Die einzige Möglichkeit, was die beiden aufeinander zufahrenden Züge Iran und USA stoppen könnte, wäre das direkte Verhandeln zwischen Amerika und Iran. Die einzige Chance für die Deeskalation! Frau Merkel hätte ob ihrer guten Beziehungen die Möglichkeit Präsident Bush dazu aufzufordern.
Aber unsere freiheitsliebende Kanzlerin ist ja auch im Osten nicbt wie viele andere für die Freiheit auf die Straße gegangen. Frau Merkel war für den Irakkrieg. Wie sollte man jetzt von ihr politische Weitsicht erwarten???
So wie Angela Merkel den Marktradikalismus schnell abstreifte, nachdem sie erfahren musste, wieviel "geistige Verrohung" die Menschen in Deutschland damit assoziieren, so hat sich Bush offenbar erstmal ein klein wenig von seinen Hardlinern im Hintergrund emanzipiert.
Ausserdem muss eine kluge Kanzlerin, die im Kreml mittlerweile eingestand, dass der russischen Nation der von Raubrittern der Globalökonomie listig eingefädelte Ressourcenraub nicht zuzumuten sei und die sich von ihren Beratern daran erinnern liess, dass Deutschland auch zu Zeiten des Kalten Krieges sehr gute Geschäfte mit der damaligen Sowjetunion zustande brachte, auch vom Pentagon respektiert werden.
Nichts anderes hatte ihr Vorgänger im Sinn.
All die Stimmen, die aus Cheney's Reden herauslesen wollen, dass es besser gewesen wäre, dem "alten Verbündeten" einseitige Treue zu schwören und die von Verrat faseln, vergessen, dass der Lauf der Geschichte sich nicht mehr so stark für das Bewährte interessiert und dass die Macht der Gewohnheit risikobehafteter denn je ist.
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